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EM 2012: Deutschland schlägt Brasilien mit 3 -2

Kann ein Spieler zu gut sein? Mario Götzes Leistung bei Deutschlands 3:2-Sieg gegen Brasilien stellt Joachim Löw vor ein Luxusproblem: Der Dortmunder muss einen Stammplatz haben - aber wer fliegt dafür aus der deutschen Startelf? Wird Deutschland gar immer wie heute Abend in einem 4-1-4-1 spielen?

Mit einem 3:2 gegen Brasilien hat Deutschland in Stuttgart den ersten Sieg über den Rekordweltmeister seit 18 Jahren gefeiert. Bastian Schweinsteiger, Mario Götze und André Schürrle trafen in der zweiten Halbzeit für die Gastgeber, Robinho hatte zwischenzeitlich für Brasilien den Rückstand verkürzt. Neymar erzielte in der Nachspielzeit das 2:3.

In einem unterhaltsamen Spiel, das wie schon der Klassiker gegen Italien im Februar nicht dem üblichen Freundschaftsspielfluch unterlag, sondern von beiden Teams engagiert geführt wurde, siegte die DFB-Elf verdient und ließ sich auch von der Wetten, dass-Atmosphäre des rhythmisch klatschenden Publikums nicht von seinem Spiel abbringen.

In einer ungewohnten 4-1-4-1-Formation spielten Mario Götze und Toni Kroos im zentralen Mittelfeld. Beide überzeugten, aber vor allem Götze war so gut, dass Joachim Löw ihm einen Stammplatz in Zukunft kaum noch verwehren kann - was entweder dafür spräche, die Brasilien-Taktik beizubehalten - oder entweder Lukas Podolski oder Thomas Müller auf die Bank zu setzen.

Brasilien nicht als Favorit in Stuttgart

Brasilien war mit Fernandinho von Shakhtar Donezk, Andre Santos von Fenerbahce sowie den in Brasilien tätigen Neymar (Santos) und Ralf (Corinthians) angetreten, so dass nur sieben Spieler von europäischen Spitzenclubs zu Beginn auf dem Rasen standen. Bei Deutschland waren es sieben Bayern und zwei Dortmunder, sowie die beiden Ausnahmen Christian Träsch (Wolfsburg) rechts hinten und Lukas Podolski (Köln) im linken Mittelfeld.

So konnte von einer Außenseiterrolle der DFB-Elf nicht die Rede sein. Einerseits, weil Deutschland inzwischen selbst eine Weltklassemannschaft hat, und andererseits weil Brasilien, wenige Wochen nach dem Aus beim Copa América und bevor die meisten Stars wieder im Ligabetrieb waren, nicht in bester Verfassung angereist war. Vielleicht lag es daran, dass die Gäste den deutschen Spielern zunächst viel Zeit am Ball ließen und selbst in der eigenen Hälfte recht zögerlich attackierten. Von Pressing keine Spur.

Fast zwangsläufig kam Deutschland zu den ersten Torchancen, deren beste Mario Götze einleitete, als er ein Anspiel von Bastian Schweinsteiger mit der Brust stoppte, den Ball an Andre Santos vorbeilegte und mit links eine Glanzparade von Julio Cesar erzwang. Brasilien griff ausschließlich mit Kontern an, dann meist mit dem versuchten Steilpass flach zentral durch die Schnittstelle der Innenverteidigung.

Götze in der ersten Halbzeit der Go-to-Guy

Demgegenüber setzte Deutschland stark auf Flankenwechsel und Spielverlagerung, um so die defensive Grundordnung der Brasilianer auszuhebeln. Das gelang jedoch meist nur über Götze, der so auch Mitte der ersten Halbzeit Träsch mit Hackentrick-Doppelpass in Szene setzte. Das anschließende Abspiel des Wolfsburgers auf Toni Kroos endete mit einem Schuss des Münchners, der knapp links das brasilianische Tor verfehlte.

Davon abgesehen, war Brasiliens Spielweise zwar unbrasilianisch, aber nicht ineffektiv. Nach der Pause kam Deutschland mit Miro Klose und André Schürrle an Stelle von Mario Gomez und Podolski auf den Platz. Brasilien agierte nun zunächst offensiver. Entsprang die erste Großchance der Gäste direkt nach Wiederanpfiff noch einem Konter, der auf Thomas Müllers Ballverlust gegen Ramires folgte, und der von Pato mit einem Schuss knapp neben den linken Pfosten abgeschlossen wurde, hatten die Brasilianer kurz darauf eine erste kurze Druckphase.

Nicht überraschend kam Deutschland mit mehr Platz nun aber auch zu Kontergelegenheiten. Eine wurde von Julio Cesar zunichte gemacht, der bei einem Pass von Götze auf Müller gut aufgepasst hatte und 30 Meter vor dem Tor klärte. Eine weitere parierte der Keeper in Form eines Fernschusses von Philipp Lahm.

1-0 durch Standard, 2-0 durch Zauberkombination

Nach einer Stunde ging Deutschland dann in Führung, allerdings nicht durch eine herausgespielte Situation, sondern durch einen von Schweinsteiger verwandelten Foulelfmeter. Nach einer schönen Kombination über die linke Seite und Schürrle, Klose und Götze kam Kroos an den Ball. Lucio stellte das Bein hin, Kroos ging zu Boden - ein vertretbarer, wenn auch nicht zu hundertprozentig klarer Strafstoß. Schweinsteiger verwandelte fast aus dem Stand sicher in die linke Ecke.

Um so schöner dann das 2:0 sieben Minuten später, als Klose ablegte auf Kroos, dessen direkter Direktpass Götze fand. Der war zwischen Lucio und Dani Alves gestartet, umkurvte dann auch noch Julio Cesar und schloss aus spitzem Winkel ab.

Nun reihten sich die turbulenteren Szenen aneinander, denn beide Teams öffneten die Räume. Schiedsrichter Viktor Kassai verhängte nur vier Minuten nach dem 2:0 einen Elfmeter für Brasilien, nachdem Lahm den an ihm vorbeigezogenen Dani Alves gefoult hatte. Robinho ließ sich vom Pfeifkonzert des Publikums nicht irritieren und verwandelte sicher.

Andre Santos schenkte Deutschland den Sieg

Den dritten Strafstoß des Abends hätte es dann durchaus wieder auf der Gegenseite geben können, als Klose im Laufduell mit Thiago zu Boden ging. Kassai ließ weiter laufen, was so gerade noch vertretbar erschien. Dennoch gelang Deutschland noch das 3:1, wieder über die rechte Seite. Andre Santos hatte zweimal die Chance, den Ball, den er unter Kontrolle hatte, zu klären, aber selbst, nachdem er Schweinsteiger schon einmal mit einem lässigen Linkspass angeschossen hatte, wollte er den Bayern auf spielerische Weise aussteigen lassen.

Schweinsteiger bestrafte das mit tollem Einsatz, eroberte sich den Ball und spitzelte ihn zum wartenden Schürrle, der mit Direktabnahme mit rechts in den linken Torwinkel abschloss. Der Rest des Spiels wurde mit Wechseln auf beiden Seiten zugebracht - bis in die Nachspielzeit, als Neymar von Holger Badstuber und dem eingewechelsten Jerome Boateng nicht am Schuss gehindert wurde und von der Strafraumgrenze aus noch das 2:3 erzielen konnte.

Das Ergebnis hat zwar nur symbolischen Wert, aber das Spiel selbst zeigte, wie weit Deutschland in seiner Vorbereitung auf die EM schon ist, die die DFB-Elf auch nach der spanischen Niederlage parallel gegen Italien als ein Mitfavorit bestreiten wird. Ganz anders für Mano Menezes, der ohne Pflichtspiele in den kommenden zwei Jahren noch viel Arbeit vor sich hat.

Daniel Raecke

sportal.de / sportal

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