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EM 2012 Fünf Fragen nach Schweiz - Deutschland


Seit den Zeiten von Wilhelm Tell ist die Schweiz nicht mehr so beeindruckend gegenüber ihren großen Nachbarn aufgetreten wie beim 5:3 in Basel. Ist jetzt alles verloren für den DFB bei der EM? Oder hat das Testspiel-Debakel gar nichts zu sagen? Dieser und vier anderen Fragen zum Länderspiel widmen wir uns in der Analyse.

Zum ersten Mal seit 1956 hat Deutschland wieder gegen die Schweiz verloren. Damals hatten die Eidgenossen mit 3:1 in Frankfurt gewonnen - jener Stadt, aus der die unglückliche Heidi wieder zurück in die Berge zum Alm-Öhi und dem Geißenpeter floh. Der Geißenpeter allerdings konnte nicht mal lesen - während Gökhan Inler und seine Teamkollegen eine sehr kluge Vorstellung im St. Jakob-Park zeigten.

Fünf Gegentore hatte Deutschland zuletzt beim 1:5 in Rumänien vor der EM 2004 kassiert. Und das war ein Turnier, bei dem die Mannschaft schon in der Vorrunde ausschied - ohne ein Spiel gewonnen zu haben. Sollten also alle Alarm-Kuhglocken läuten, oder war das "nur ein Testspiel"? Bevor wir mit dieser Frage unsere Betrachtungen zu einem denkwürdigen Länderspielabend beschließn, haben wir noch ein paar andere Anliegen.

1) Wozu gab es dieses Spiel?

Der DFB bestreitet zu viele Länderspiele. Die Qualifikation für die großen Turniere erfordert heute anders als früher viel mehr Begegnungen - weil es in Europa fast doppelt so viele Verbände gibt wie noch vor 20 Jahren. Aber nicht nur die Pflichtspiele haben zugenommen, sondern auch die Anzahl der Tests wird vom Verband, der daran jedes Mal viel Geld verdient, bis zum Anschlag ausgereizt.

Die Frage ist nur: Welchen sportlichen Wert haben solche Spiele? Richtig ernst nehmen die Profis, vor allem aber auch der Trainerstab, sie nicht. Vielmehr nutzt gerade Joachim Löw die Freundschaftsspiele gerne als reine Trainingsspiele, in denen er Varianten ausprobiert. So war es beim 3:3 in der Ukraine im Herbst, so war es auch in Basel. Mit der Folge, dass das in der Qualifikation verlustpunktfreie Deutschland nur ein einziges seiner letzten fünf Freundschaftsspiele gewinnen konnte.

Dieser einzige Sieg gelang im einzigen Test, der aus Zuschauer-Sicht wirklich hochwertig war - beim tollen 3:0 gegen die Niederlande in Hamburg. Speziell die Rahmenbedigungen des Schweiz-Spiels, in dem eine Startelf auflief, die so niemals wieder spielen wird, stellt den Charakter der Begegnung als "Länderspiel" in Frage. Im vergangenen Kalenderjahr gab es - obwohl kein Turnier gespielt wurde - 13 deutsche Länderspiele. Zum Vergleich: 1975 gab es sieben, 1963 vier.

2) Warum waren die Schweizer Spieler besser als fünf Dortmunder?

Ausgerechnet eine Auswahl, in der fünf Dortmunder Spieler zum Einsatz kamen, demonstrierte eindrucksvoll, wie wenig guter moderner Fußball mit der Klasse einzelner Spieler zu tun hat (und manche Spiele Lionel Messis in der argentinischen Nationalelf haben gezeigt, dass das selbst für die weltbesten Spieler gilt).

Sicher fehlten die Bayern-Stars im deutschen Team, eine klare Schwächung. Doch die Spieler, die auf dem Platz standen, funktionierten - auch dank einer fragwürdigen Taktik - nicht als Team, die Abstimmung war in der Viererkette nicht vorhanden, aber auch die Abstände der einzelnen Mannschaftsteile zueinander stimmten oft nicht.

In gewisser Weise berührt das den ersten Punkt: Für die Schweiz war klar, was dieses Spiel sollte, und Ottmar Hitzfeld hatte seine Nati genau auf die Aufgabe eingestellt, die sie erfüllen sollte: Wie wir auf Clubebene in Europa zuletzt schon öfter gesehen haben,  etwa von Chelsea in der Champions League, ist es bei gutem Verschieben in der Defensive ein probates Mittel gegen überlegene Gegner, zwei oder drei Sechser in einem Abstand von höchstens zehn Metern vor der Viererkette zu postieren.

Gökhan Inler (zugegeben ohnehin ein Klassespieler) und Gelson Fernandes (der bisher nicht als solcher aufgefallen war) erledigten diese Aufgabe sehr gut und schafften es so, die größeren Spielanteile der Gäste zu kompensieren.

3) Was lief in der deutschen Defensive schief?

In Polen im September hatte Joachim Löw mit einem 4-1-4-1 experimentiert, in der Ukraine mit einem 3-4-2-1. In Basel war es wohl am ehesten das gewohnte 4-2-3-1, allerdings mit Mario Götze, in Polen noch offensiver, in einer Hybridrolle zwischen defensivem und offensivem Mittelfeld. Götze hatte einen schwachen Tag, verlor den Ball vor dem 1:0 und schien sich nicht immer sicher zu sein, wo er gerade spielen sollte.

Wie konfus die deutsche Mannschaft agierte, illustrierte exemplarisch das vierte Gegentor, an dem im engeren Sinne nur drei Schweizer Spieler beteiligt waren. Reto Ziegler legte den Ball von links auf für Gökhan Inler, der im Mittelfeld riesig viel Raum hatte, weil einzig Ilkay Gündogan überhaupt im Zentrum zu finden war, der Dortmunder aber die entscheidenden Momente zögerte, bevor er den ballführenden Schweizer attackierte.

So konnte Inler einen gefühlvollen Heber hinter die deutsche Abwehr schlagen, den Stephan Lichtsteiner zum 4:2 verwertete. Wäre Marc-André ter Stegen in dieser Szene nicht übermotiviert aus dem Tor gestürmt, wäre der Treffer vielleicht nicht gefallen, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass zahlreiche Möglichkeiten bestanden hätten, das Tor zu verhindern. Julian Draxler ließ Lichtsteiner in seinem Rücken laufen, Marcel Schmelzer hätte ebenfalls noch eingreifen können. An eine Abseitsfalle war in dieser Szene ohnehin nicht zu denken, weil alle vier deutschen Spieler auf unterschiedlicher Höhe standen.

Macht man sich den Spaß, das Video vom Spiel an der Stelle anzuhalten, an der Inler seinen Pass spielt, so sieht man, dass Schmelzer nach links außen zeigt, Hummels nach hinten, und Mertesacker mit Blick zum ballführenden Spieler schräg zum Tor unterwegs ist, während hinter ihm zwei weitere Schweizer ungedeckt starten, so dass Inler wie ein Quarterback praktisch drei Passrouten zur Auswahl hatte.

4) War wenigstens die deutsche Offensive gut?

Drei Tore auswärts: Zumindest die Offensive war gut, oder? Leider nicht. Es ehrt Miroslav Klose, dass er im ZDF-Interview nach dem Spiel die vom Reporter erhoffte Kritik an der Abwehr verweigerte und die Schwächen in der ganzen Mannschaft ausgemacht hatte. Ein deutsches Tor fiel nach einer Standardsituation, indem Mats Hummels ein simples Eins-gegen-eins-Duell gegen Lichtsteiner gewann, ein weiteres entsprang einem Fernschuss von André Schürrle, den Diego Benaglio zwingend hätte halten müssen.

Einzig das Tor von Marco Reus entsprang einer wirklich konzertierten Angriffsaktion. Julian Draxler konnte von links aus einen Doppelpass erst mit dem aufgerückten Hummels, dann mit dem nachstoßenden Schmelzer spielen, bevor dieser Richtung Grundlinie lief, so zwei Schweizer aus dem Spiel nahm und Draxler den Weg zum Torabschluss öffnete. Den Schuss des Schalkers ließ Benaglio dann nach vorne abprallen, wo Reus sich clever von Fernandes gelöst hatte und im Slot zwischen den Innenverteidigern und der Strafraumgrenze auf seine Chance wartete.

5) Was sagt uns das jetzt für die EM?

In der Bewertung des Debakels gilt es, den Mittelweg zwischen Skylla und Charybdis zu navigieren. Odysseus fand der Sage nach den Kurs zwischen diesen beiden Seeungeheuern, die wir hier metaphorisch für die beiden Extrempositionen "War doch nur ein Test, hat gar nichts zu sagen" und "Oh nein, wir scheiden in der Vorrunde aus" erwähnen.

Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte. Die oben angesprochene Kritik an der Ansetzung und den Umständen des Spiels ist weniger ein Zweifel an den grundsätzlichen Möglichkeiten des deutschen Kaders. Bei Abwägung aller Variablen muss Löws Team immer noch als Mitfavorit auf den Titel gelten. Das Worst Case-Szenario "Vorrundenaus" ist aber nicht völlig auszuschließen, angesichts der ersten beiden Spiele gegen Portugal und die Niederlande.

Zumal das Spiel in Basel gezeigt hat, wie man mit defensiver, tiefer Grundordnung gegen Deutschland bestehen könnte. "Aber das war ja nicht Deutschland, es fehlten ja die Bayern", sagen Sie? Die Bayern-Spieler, die es in dieser Saison gegen Dortmund, Mönchengladbach und Chelsea so perfekt vermochten, tief stehende Gegner auseinanderzunehmen? Dann müssen wir uns ja keine Sorgen mehr machen.

Zynismus beiseite: Wie auch die durchwachsenen Testergebnisse der direkten Gruppenkonkurrenz zeigen, weist die Niederlage von Basel nicht zwingend auf eine bevorstehende schlechte EM hin. Andererseits sind fünf Gegentore (mehr gab es für Deutschland in den letzten 600 Spielen nicht, zuletzt beim 3:6 gegen Frankreich 1958) kein alltägliches Vorkommen, das man für irrelevant erklären sollte.

Dass es solche Pleiten früher eher selten gab, liegt wohl auch daran, dass man traditionell Länderspiele nicht als reine Trainingskicks ansah. Womit wir wieder beim ersten Punkt wären: Brauchte man dieses Spiel? Die Europameister von 1972, die als beste deutsche Mannschaft aller Zeiten gelten, hatten im Monat vor der Endrunde nur ein Testspiel, die Weltmeister von 1974 in den sechs Wochen vor dem Turnier kein einziges und die Helden von Bern gar acht Wochen vor der WM 1954 keines. Davor hatten sie in der Schweiz gewonnen - mit 5:3 in Basel.

Daniel Raecke

sportal.de sportal

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