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EM 2012: Joachim Löw ist der Sündenbock - Die öffentliche Kritik läuft heiß

Die Kritiker und Ex-Nationalspieler sind sich einig; Joachim Löw hat seine Wechselspiele übertrieben und taktisch daneben gegriffen. Während die öffentliche Ursachenforschung auf Hochtouren läuft, will sich Jogi Löw Ruhe gönnen, um die Halbfinalpleite zu verarbeiten.

Ob sich Joachim Löw an diesem Sonntag noch einmal selbst quält und das EM-Endspiel vorm Fernseher oder irgendwo in einem Biergarten anschaut, hat der DFB nicht kommuniziert. Auf jeden Fall wird beim Bundestrainer, seinen inzwischen urlaubenden Spielern und der ganzen Fußball-Nation der Frust nochmals richtig hochkommen, wenn Deutschland-Bezwinger Italien beim großen Finale in Kiew den Titelverteidiger Spanien herausfordern darf.

Löw braucht Abstand und Ruhe

"Man braucht einige Tage Abstand, um die Dinge einzuordnen", hatte ein sichtbar gezeichneter Löw bei seinem Abschied von der Mannschaft erklärt: "Zur Ruhe kommen ist ganz gut." Am 15. August geht es mit dem Testspiel gegen Argentinien weiter. Am Samstag beschränkte sich der Deutsche Fußball-Bund (DFB) auf seiner Internetseite darauf, einen Endspiel-Tipp von Ex-Europameister Uli Stielike zu verbreiten, der sich 1998 auch für einen Tag als Bundestrainer gefühlt hatte.

Der aktuelle Chefcoach spürte schon in den ersten Stunden nach der bitteren und zum Teil hausgemachten 1:2-Pleite im Halbfinale gegen Angstgegner Italien, wie schnell die Stimmung umgeschlagen war. Nach drei Vorrunden-Siegen in der Ukraine und dem Viertelfinal-Erfolg in Polen noch als Magier und Trainer-Liebling verehrt, konzentrierten sich fast alle Reaktionen nach dem Absturz auf den Bundestrainer und dessen misslungene Personal- und Taktikrochade gegen die Azzurri.

Klinsmann verteidigt Löw 

Löw hat sich danach öffentlich nochmals gestellt und inzwischen das Aus mit auf seine Kappe genommen. "Das kommt in der Aufarbeitung, dass man sich Gedanken macht, was anders hätte laufen können", bemerkte der 52-Jährige vor seinem Urlaub. Eigentlich war Löw zum Mann mit dem goldenen Händchen gekürt worden. Alle seine Personalentscheidungen saßen - bis zur Partie gegen Italien.

Ex-Nationalspieler Michael Ballack äußerte sich kritisch: "Der Trainer hat vielleicht ein, zwei Wechsel zu viel gemacht", sagte Ballack laut ESPN. Bundestrainer-Vorgänger Jürgen Klinsmann verteidigen Löws Kurs: "Es ist doch klar, dass nicht jede Maßnahme eines Trainers automatisch zum Erfolg führt. Der Trainer trifft vor dem Spiel Entscheidungen, die nicht willkürlich sind." Ein Spieler wie Routinier Miroslav Klose war gar völlig ratlos: "Ich habe keine Erklärung."

Kritik von Magath und Dietz

Olaf Thon, seines Zeichens Experte von RTL und n-tv, hat die Personalentscheidungen von Löw ebenfalls kritisiert. "Die Wechsel haben mich sehr überrascht. Der Bundestrainer hat es damit übertrieben. Er ist der Wechselkönig der EM", meinte der ehemalige Nationalspieler, der im Jahr 1990 Weltmeister geworden war. "Mit Reus und Klose von Anfang an wären wir besser in das Spiel gestartet. Der Schuss ging nach hinten los. Die, die er gebracht hat, haben am meisten versagt."

Für Felix Magath fehlte die unbedingte Leidenschaft. "Für mich war von Anfang an zu wenig Einsatz im Spiel. Italien hat uns den Schneid abgekauft", erklärte Felix Magath gegenüber der Bild. Thorsten Fink meinte zum 0:2 durch Mario Balotelli: "Unfassbar, dass Balotelli so frei zum Schuss kommen durfte“, so der HSV-Trainer. "Schade, dass es nicht gereicht hat. Die vergebenen Chancen in der Anfangsphase haben die Italiener bitterböse bestraft", meinte hingegen VfB-Manager Fredi Bobic.

Europameister Bernhard Dietz hatte den Schuldigen für die Niederlage schnell ausgemacht: "Wir haben uns mit unserer Aufstellung selbst geschlagen. Das war ein Eigentor von Löw. Das hat mich geärgert. Warum hat er wieder umgestellt? Dadurch hat das Team total den Faden verloren.“ Für Lothar Matthäus hingegen war der Gegner einfach ein Stück besser: "Italien hatte die reifere Spielanlage. Die Italiener waren einfach besser. Über die gesamte Spielzeit waren die Italiener reifer, abgeklärter, abgezockter. Man muss jeder Mannschaft Niederlagen zugestehen. Ich bin als Deutscher sehr traurig, wenn man wieder im Halbfinale so kurz vor dem großen Ziel ausscheidet.“

Löw: Kleinigkeiten haben gefehlt 

Der mit einem Vertrag bis zur WM 2014 ausgestattete Löw wirkte völlig überrascht, dass sogar nach seiner Zukunft als Bundestrainer gefragt wurde, obwohl doch nur ein Spiel verloren war, aber zuvor vier bei dieser EM gewonnen wurden. "Im verlorenen WM-Halbfinale 2010 gegen Spanien war es ein Eckball mit Kopfballtor. Jetzt hat bei den zwei Toren eine Kleinigkeit gefehlt", meinte der DFB-Chefcoach spürbar irritiert von der heftigen öffentlichen Diskussion. "Dieser Schaden wird auch vergehen. Da wird jetzt nicht alles auf den Kopf gestellt", hatte Löw schon kurz nach dem Ausscheiden gemeint.

"Die Mannschaft hat sich nach vorne gearbeitet", betonte Löw zurecht. Er hat sich und seine Fußball-Philosophie im Streben nach Perfektionismus und dem Außergewöhnlichem vielleicht auch ein Stück zu sehr überhöht. Stammkräfte, Anführer, Hierarchie, Erfahrung und Cleverness gehören auch im modernen Fußball zu den Anforderungen, wenn der große Wurf gelingen soll. "Ich bin mir nicht sicher, wann die Aufarbeitung stattfindet. Ein bisschen wird es schon brauchen", sagte Löw.

sportal.de / sportal

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