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Russland auf Bewährung: Was passiert eigentlich, wenn ein Team von der EM ausgeschlossen wird?

Russlands prügelnde Hooligans dürfen sich nichts mehr erlauben, sonst wäre die russische Nationalmannschaft der erste große Verlierer der EM - bevor die Vorrunde überhaupt zu Ende ist. Aber wie würde sich ein Ausschluss auf das Turnier und den Modus auswirken?

EM 2016: Russland-Fan posiert vor den französischen Polizisten des Sondereinsatzkommandos

Marseille im Ausnahmezustand bei der EM 2016: Ein russischer Fan posiert vor den französischen Polizisten des Sondereinsatzkommandos

Hoffentlich benehmen sich die russischen Hooligans heute rund um das zweite Vorrundenspiel ihrer Nationalmannschaft in Lille gegen die Slowakei (15 Uhr), denn wegen der Ausschreitungen beim Spiel gegen England in Marseille spielt Russland auf Bewährung. Die Konsequenzen eines Ausschlusses wären weitreichend - nicht nur würden sie die Illusion eines friedlichen Fußballfestes in Frankreich endgültig und irreparabel zerstören. Auch die sportlichen Folgen wären weitreichend, denn der Modus würde gründlich durcheinander gewirbelt. Wie genau, weiß allerdings offenbar auch die Uefa noch nicht genau.

Sollte eine Mannschaft ausgeschlossen werden, sieht Artikel 27.03 des Regelheftes der Uefa zur Europameisterschaft 2016 grundsätzlich Folgendes vor: "Wird ein Verband aus dem laufenden Wettbewerb ausgeschlossen, werden die Resultate und Punkte aus allen Spielen der betreffenden Mannschaft annulliert." Das daraus folgende Problem: Der neue Modus mit 24 Mannschaften macht einen Quervergleich der Gruppendritten nötig, um nach der Vorrunde 16 Teilnehmer für das Achtelfinale zu ermitteln. Wie sollen aber Resultate von Teams verschiedener Gruppen verglichen werden, wenn sie nicht mal die gleiche Anzahl Spiele in die Wertung einbringen?

EM 2016: Eine offizielle Lösung gibt es noch nicht

Möglich wäre es, nur die Spiele unter den drei Erstplatzierten jeder Gruppe für die Bewertung heranzuziehen und die Ergebnisse gegen die jeweiligen Tabellen-Vierten zu streichen. Diese Lösung entspräche in etwa Artikel 14.02, der sich mit der Qualifikationsphase beschäftigt, in der in Gruppen mit fünf oder sechs Teams gespielt wurde: "Bei der Ermittlung des besten Drittplatzierten werden die Ergebnisse gegen die Sechstplatzierten zwecks Vergleichbarkeit der Qualifikationsgruppen untereinander nicht berücksichtigt."

Offiziell ist aber auch diese Lösung nicht. Zu einem möglichen Ausschluss eines Verbandes heißt es im Regelheft der Uefa: "Dieser Fall ist nicht vorgesehen in den Regularien. Dann würde Artikel 65 (Unvorhergesehene Umstände) greifen." Das Emergency Panel der Uefa würde dann tagen und spontan klären, wie es weitergeht.

Zuletzt wurde übrigens bei der WM 1950 ein großes Fußballturnier mit unterschiedlich großen Gruppen ausgetragen: Drei qualifizierte Teams (Schottland, Türkei, Indien) wollten die weite Seereise kurzfristig doch nicht aufnehmen und sagten ihre Teilnahme ab. So kam ein Turnierbaum mit zwei Vierer-, einer Dreier- und einer Zweiergruppe zustande. Weil aber nur die Gruppensieger in die Finalrunde einzogen, waren Quervergleiche seinerzeit nicht nötig.

tim

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