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Kommentar

Kritik an DFB-Elf: Warum Löw viel mehr Vertrauen verdient

Die Vorrunde der EM 2016 ist für Joachim Löw und die deutsche Nationalmannschaft noch nicht einmal vorbei, aber 80 Millionen Bundestrainer wissen längst schon wieder alles besser - anstatt sich auf die große Kompetenz des Bundestrainers zu verlassen.

Joachim Löw faltet die Hände zusammen

Lasst ihn doch einfach in Ruhe arbeiten - Joachim Löw braucht keine Tipps von vermeintlichen Experten

Joachim Löw hat es vor wenigen Tagen in der Pressekonferenz schön auf den Punkt gebracht, so wie er die Dinge mit den Jahren sowieso immer schöner und souveräner auf den Punkt bringt: "Als Außenstehender würde ich ganz ruhig sein", hat er gesagt. Es wurde nicht ganz deutlich, auf wen er sich bezog: auf Michael Ballack, der via Zeitungskolumne mal wieder die Führungsspieler-Debatte durch den Phrasenmäher gedreht hatte; oder auf die Journalisten, die der deutschen Mannschaft vor der EM 2016 defensive Defizite vorwarfen - nur um nach zwei gegentorlosen Turnierspielen plötzlich die offensive Kompetenz zu vermissen.

Vielleicht hat er aber auch die 80 Millionen Bundestrainer gemeint, die ihm am liebsten alle ihre perfekte Aufstellung an die Hand geben würden. Es wäre Löw nach zehn Jahren im Amt nicht zu verdenken. Denn auch wenn jedem Bundestrainer klar sein muss, dass seine Arbeit wie kaum eine andere im Land unter dem öffentlichen Mikroskop seziert wird - wie wenig Kredit der Bundestrainer Joachim Löw bei Fans und in Teilen der berichtenden Medien besitzt, mutet bisweilen grotesk an.

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Joachim Löw: Die Kritik dreht sich im Kreis

Grundsätzlich dreht sich die Kritik dabei im Kreis: Zu Beginn seiner Ära hieß es noch, Löw sei zwar ein ausgewiesener Fußballfachmann, müsse aber dringend an seiner Außenwirkung arbeiten. Was damit gemeint war - Wutreden im Rudi-Völler-Stil oder die "Was-schert-mich-mein-Geschwätz-von gestern"-Nonchalance eines Franz Beckenbauer - ist bis heute nicht ganz klar. Inzwischen präsentiert sich Löw mit der souveränen Gelassenheit des Weltmeisters, ist Werbe-Testimonial und kommt eleganter daher als fast alle seiner Kollegen: ein durch und durch vorzeigbarer Trainer. Außenwirkung? Naja, bis auf das ein oder andere unglückliche Handspiel: Eine glatte Eins!

Immer schneller wird Löw aber inzwischen für seine taktischen und personellen Entscheidungen angezweifelt. Ein bisschen Geduld für Entwicklungen ist in der öffentlichen Meinung für ihn quasi nicht vorhanden, das eigentlich angebrachte Ur-Vertrauen in das Werk eines Weltmeisters wird ihm ebenfalls verweigert. Wohlgemerkt in das Werk eines Trainers, der noch jedes Halbfinale seiner Amtszeit erreicht hat und dabei sehr unterschiedliche Herausforderungen meisterte - ob er nun 2008 die ungute Mischung aus noch nicht reifen Talenten und überalterten Führungsspielern zur schlagkräftigen Truppe formte, oder ob er 2010 mit einer blutjungen Gruppe aus U-21-Europameistern, denen der Leitwolf Ballack kurzfristig abhanden gekommen war, berauschende Kantersiege gegen England und Argentinien einfuhr.

Trotzdem gilt für viele Fans noch immer die dämliche Weisheit, Deutschland sei nicht wegen, sondern trotz Löw Weltmeister geworden. Klingt ja auch witzig und oberschlau, ist aber natürlich fachlicher Quatsch. Sicher, Löw hat in zehn Jahren auch Fehler gemacht: Seine Aufstellung im EM-Halbfinale 2012 gegen Italien flog ihm zu Recht um die Ohren, weil Löw mit ihr das Vertrauen in die eigene Stärke untergrub; auch 2014 lag er zunächst daneben, als er Philipp Lahm ohne Not zum Mittelfeldspieler machte, weil Pep Guardiola dem damaligen Kapitän diese Rolle auch zuvor im Verein beim FC Bayern übertragen hatte.

In der Lahm-Episode liegt eine Stärke des Bundestrainers, die gelegentlich zur Schwäche wird: Er sieht sich als Veränderer, er will die ständige taktische und spielerische Weiterentwicklung. Als Nationaltrainer, erst recht eines viermaligen Weltmeisters, funktioniert das natürlich nur bedingt, denn die Erfolgserwartungen sind zu groß: Zwar ist schöner Fußball erwünscht, aber wichtiger sind Tore und Siege - und kein schwarz-rot-goldenes Tiki-Taka, keine Revolution des Weltfußballs.

Zehn Jahre im Dienst: Löw hat längst alles im Griff

Löw hat den Spagat bisher immer hinbekommen. Sollte es doch auch mal vor dem Halbfinale schief gehen, werden sich Fans und Medien hoffentlich daran erinnern, dass dieser Trainer viel Vertrauen verdient hat. Die Phrase mit dem Erfolg, der nicht planbar ist, ist wahr. Der Zufall spielt immer mit, auch heute Abend gegen Nordirland, erst recht später in der K.o.-Runde. Fragen Sie mal nach bei Vicente del Bosque, der als Trainer der erfolgsverwöhnten Spanier noch bei der WM vor zwei Jahren in der Vorrunde scheiterte - nur um heute schon wieder als Topfavorit auf den Titel zu gelten. Auch weil del Bosque trotzdem im Amt bleiben durfte - nicht zuletzt, weil er bei den Spaniern das Ur-Vertrauen des Weltmeisters genießt.

Unabhängig vom Abschneiden bei der EM in Frankreich: Der deutsche Fußball dürfte sich ruhig ein bisschen häufiger bei seinem Bundestrainer bedanken: dafür, dass er ihn auf ein neues Niveau gehoben hat, dass er ihm Glanz und Eleganz verliehen hat, ohne dabei den Erfolg aus dem Auge zu verlieren; dass er im Laufe der Jahre nicht nur an seiner "Außenwirkung" gearbeitet hat, sondern auch aus Fehlern gelernt hat. Löw hat längst alles im Griff. Natürlich ist er nicht beratungsresistent, dafür ist er zu klug. Nur auf die Tipps von so manchem der 80 Millionen Bundestrainer - auf die kann er gut verzichten. Bei diesem Trainer können Außenstehende mit gutem Gewissen ganz ruhig sein.

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