England-Spiel Deutschland, ein Fußball-Lazarett

Vor dem prestigeträchtigen Länderspiel gegen England im neuen Wembley-Stadion hagelt es weitere Absagen für Bundestrainer Joachim Löw. Auch Klose, Schweinsteiger und Khedira müssen passen.

Eine dramatische Absage-Welle hat Bundestrainer Joachim Löw vor dem Klassiker gegen England in die größte Personalnot seiner bisherigen Amtszeit gestürzt und macht das Duell im Londoner Wembleystadion zum EM-Muster ohne Wert. Nachdem Löw schon ein halbes Dutzend seiner Kandidaten nicht für das 30. Duell gegen die Engländer nominieren konnte, sagten am Wochenende auch noch die verletzten Miroslav Klose, Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira ab. "Sicherlich sind das sehr viele Ausfälle, und ich mache mir so langsam meine Gedanken. Aber wir müssen jetzt das Beste daraus machen und mutig diese Reise antreten", forderte Löw im Prestigeduell der Fußball-Nationalmannschaft am Mittwoch (21.00 Uhr/ARD) eine Trotzreaktion. Am Sonntagnachmittag nominierte Löw David Odonkor von Betis Sevilla und den Leverkusener Gonzalo Castro nach.

Angesichts der Verletztenmisere geht es für den WM-Dritten im ersten Länderspiel der neuen Saison nun zunächst darum, sich in dem brisanten Vergleich gegen den großen Rivalen achtbar aus der Affäre zu ziehen. In Kapitän Michael Ballack, Torsten Frings, Klose, Schweinsteiger, "Fußballer der Jahres" Mario Gomez, Lukas Podolski, Clemens Fritz, Marcell Jansen, Tim Borowski und Neuling Khedira fehlt in London bis auf einen Torwart eine komplette Mannschaft. Von Einspielen für die weitere EM-Qualifikation kann unter diesen Umständen keine Rede mehr sein.

Klose hat ein angeschlagendes Knie

Klose begab sich einen Tag nach dem brutalen Foul des Bremers Naldo am Sonntag in München zur Untersuchung zu Bayern-Arzt Hans- Wilhelm Müller-Wohlfahrt. Die für Löw niederschmetternde Diagnose lautete Außenbanddehnung im rechten Knie, der Bundestrainer muss somit auch im Angriff sein Improvisationstalent beweisen. "Die ganze Woche hat sich schon so hingezogen. Man musste immer wieder parallel planen", berichtete der 47-Jährige von der bislang schwierigsten Kaderbildung in seiner einjährigen Amtszeit. Kloses Kollege Schweinsteiger sagte wegen Rückenproblemen ab. Der Stuttgarter Neuling Khedira erlitt in Berlin einen Außenbandanriss im rechten Knöchel.

Als liefe die Vorbereitung nicht unglücklich genug, musste Löw den Bundesliga-Spieltag vor dem Fernseher verfolgen, statt wie geplant im Berliner Olympiastadion. Der Flug des Freiburgers von Basel in die Hauptstadt wurde kurzfristig gestrichen, eine Umbuchung war nicht mehr möglich. Über Nachnominierungen wollte Löw eigentlich erst nach den restlichen Bundesliga-Partien am Sonntagabend entscheiden. Doch dann holte er schon vor dem Anpfiff Odonkor und Castro ins Team.

Odonkor als Ersatz berufen

Für WM-Star Odonkor ist es die erste Nominierung seit November 2006 beim EM-Qualifikationsspiel auf Zypern (1:1) und nach seiner langwierigen Verletzung. Castro hatte eigentlich mit der U21 am Dienstag in Fürth gegen Irland spielen sollen, könnte nun aber zu seinem zweiten A-Länderspiel nach dem Debüt gegen Dänemark (0:1) im März kommen. Etwas überraschend verzichtete Löw weiter auf eine Nominierung des Schalkers Gerald Asamoah, der für Mittelfeld und Angriff eine Alternative gewesen wäre.

Der 20-jährige Khedira musste nach einer Kernspintomographie seinen Traum vom Debüt im Wembley begraben. Der 20-Jährige hätte sogar gute Chancen auf einen Platz in der Startformation gehabt, da Löw auch nach einer Ersatzlösung für die wegen Verletzungen schmerzlich vermisste Mittelfeldachse Frings/Ballack sucht. "Ich muss in den nächsten Tagen einen Eindruck gewinnen und sehen, wem man einen Einsatz von Beginn an zutrauen kann, und wer besser von der Bank kommt", machte Löw nun den beiden verbliebenen Neulingen Serdar Tasci (VfB Stuttgart) und Christian Pander (Schalke.04) Hoffnung auf ein Debüt vor großer Kulisse.

Während die Lösungsformel für die erzwungene Rotation im Mittelfeld laut Löw noch völlig offen ist und durch die kurzfristige Absage Schweinsteigers noch mehr erschwert wurde, hat der Bundestrainer in der Abwehr ohnehin nur noch zwei Alternativen. Entweder er traut Pander das Debüt auf der linken Außenbahn zu und beordert den Münchner Philipp Lahm wieder auf rechts - oder es gibt eine Rückkehr zur WM-Abwehr mit dem Berliner Arne Friedrich auf rechts, Lahm auf links und den zum Glück nicht verletzten Innenverteidigern Per Mertesacker (Werder Bremen) und Christoph Metzelder (Real Madrid).

Arne Richter und Jens Mende/DPA DPA

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