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Europa League: Marcelo Bielsa - Das Taktikgenie zu Gast in Manchester

Ein Taktikfanatiker, der begeisternden Fußball spielen lässt: ein Oxymoron? Nein. Marcelo Bielsa. Einer der großen Trainer unserer Zeit ist seit dieser Saison endlich in Europa - und heute Abend zu Gast bei Sir Alex Ferguson, wenn Manchester United gegen Athletic Bilbao spielt. Wir stellen El Loco vor und gehen der Frage nach, warum der Mann eigentlich nicht Real Madrid trainiert. Oder Bayern München.

Traditionell wurde der argentinische Fußball in zwei Schulen unterteilt: die Anhänger des attraktiven Offensivfußballs um den Idealisten Cesar Luis Menotti, der 1978 den ersten WM-Titel mit der Albiceleste gewann - und die Freunde des extremen Taktikfußballs um Carlos Bilardo, dessen ergebnisorientierter Stil 1986 den zweiten Titel ermöglichte.

Aber wie die Journalistin Marcela Mora y Araujo schon 2007 hervorgehoben hat, gibt es auch eine Mischung aus diesen zwei Stilen: einen Mann, der sich so obsessiv mit Taktik und Spielanalyse beschäftigt, dass er von vielen "el loco", "der Verrückte", genannt wird, und dessen Mannschaften aber zugleich einen offensiven, sehr ansehnlichen Fußball spielen. Dieser Mann ist Marcelo Bielsa.

Bielsa ist unter Taktikfreunden als einer der großen Trainer unserer Zeit bekannt. Warum aber dauerte es bis 2011, bis er einen namhaften europäischen Club übernahm? Wenn man sein kurzes Engagement bei Espanyol 1998 einmal außer Acht lässt (er übernahm nach nur einem Monat in Barcelona die argentinische Nationalelf), dann ist Athletic Bilbao seine erste Trainerstation außerhalb Amerikas.

Leben und Werk des Wahnsinnigen

Wer sich an die furiosen Auftritte Chiles bei der WM 2010 erinnert, als eine Mannschaft praktisch ohne große Stars den attraktivsten Fußball des Turniers spielte, der kann das kaum verstehen. Müsste nicht jeder Spitzenclub sich darum reißen, einen Fachmann und Innovator wie Bielsa zu verpflichten?

Ganz so einfach ist es nicht. Sehen wir uns die Karriere des Meistertrainers genauer an. In eine wohlhabende Mittelklassefamilie in Rosario geboren, wurde Marcelo Bielsa nicht - wie zwei seiner Geschwister - Politiker, sondern Fußballer. Bruder Rafael ist Abgeordneter im argentinischen Parlament, war Außenminister des Landes und ist Schriftsteller sowie Anwalt, Schwester Maria Eugenia war Vizegouverneurin der Provinz und arbeitet als Architektin.

Nicht nur in dieser Hinsicht erwies sich Marcelo als das Schwarze Schaf der Familie Bielsa. Während sein Vater fanatischer Anhänger von Rosario Central war, unterstützte sein Sohn (und auch Bruder Rafael) den Erzrivalen Newell's Old Boys, der auch Marcelos einzige Profistation als Spieler und seine erste Anlaufstelle als Trainer werden sollte. Heute heißt das Stadion der Newell's Old Boys, dem Club, aus dessen Jugend Lionel Messi hervorging, Estadio Marcelo Bielsa.

Zwei Jahre Trainer, und gleich das Stadion nach ihm benannt

Warum? Weil Bielsa zwar als Verteidiger keine 30 Spiele für la lepra bestritt, aber als Trainer in nur zwei Jahren zwei Meistertitel holte und das Finale des Copa Libertadores erst im Elfmeterschießen gegen Sao Paulo verlor. 1992 ging der erst 36-jährige Bielsa aus seiner argentinischen Heimat nach Mexiko, wo er Atlas in Guadalajara und Club América, einen der größten Clubs des Landes, trainierte.

Nach seiner Rückkehr nach Argentinien gewann er 1998 bei Vélez Sarsfield einen weiteren Meistertitel mit einer Mannschaft, in der außer Keeper José Luis Chilavert keine Stars spielten. Das brachte ihm den ersten kurzen Trip nach Europa und kurz darauf den Posten des argentinischen Nationaltrainers ein, als Nachfolger von Daniel Passarella, mit dem die Albiceleste bei der WM 1998 unglücklich im Viertelfinale an den Niederlanden gescheitert war.

Wie schon bei seinen Clubs ließ Bielsa Argentinien in seiner Lieblingsformation spielen, dem 3-3-1-3. In der WM-Qualifikation hatte das phänomenalen Erfolg, Argentinien wurde mit 12 Punkten Vorsprung Sieger in der Südamerikagruppe und fuhr als Turnierfavorit nach Japan. Was genau dort schief ging, darüber streitet man sich in Südamerika noch heute. Fakt ist aber, dass Argentinien in der Vorrunde ausschied, nach einem Sieg über Nigeria, einer Niederlage gegen England und einem 1:1 gegen Schweden.

Das Debakel von Miyagi

Es war das schlechteste Ergebnis Argentiniens bei einer WM seit 1970, aber die AFA beließ el Loco im Amt. Mit einigem Erfolg, denn nach der Finalniederlage beim Copa América 2004 im Elfmeterschießen gegen Brasilien (bis in die Nachspielzeit der regulären Spielzeit hatte Argentinien geführt) gewann Bielsa mit Argentinien Gold bei den Olympischen Spielen in Athen. Anschließend trat er abrupt zurück.

Es dauerte drei Jahre, bis Bielsa wieder eine Mannschaft übernahm - die Auswahl des Nachbarlandes Chile, das seit 1998, der großen Mannschaft um Ivan Zamorano und Marcelo Salas, keine WM mehr gespielt hatte. Bielsa stellte den Stil Chiles von einer extrem defensiven auf seine bevorzugte Spielweise um und wurde mit La Roja Zweiter in der WM-Qualifikation, nur einen Punkt hinter Brasilien und vor Argentinien, gegen das er nebenbei den ersten chilenischen Sieg in einem Pflichtspiel gegen die Albiceleste überhaupt feierte (was zur Entlassung von Alfio Basile führte).

Bei der WM in Südafrika begeisterte der chilenische Angriffsfußball viele neutrale Zuschauer. Nach Siegen gegen Honduras und die Schweiz (den ersten chilenischen WM-Siegen außerhalb Chiles seit 1950) verlor die Mannschaft ein dramatisches Finale um den Gruppensieg gegen Spanien und musste so im Achtelfinale gegen Brasilien antreten, und das ohne die drei gesperrten Defensiv-Leistungsträger Gary Medel, Waldo Ponce und Marco Estrada. Ein klares 0:3 bedeutete das Aus.

3-3-1-3: So funktioniert es

Seine bekannte Sturheit stellte der inzwischen in Chile verehrte Coach einmal mehr unter Beweis, als er im folgenden Frühjahr zurücktrat, weil der chilenische Verbandspräsident Harold Mayne-Nicholls abberufen worden war. Das eröffnete den Weg für einen neuen Anlauf in Europa im Sommer, wo Bielsa Athletic Bilbao übernahm.

Was sind die taktischen Besonderheiten dieses genialen Trainers? Wie schon angedeutet, ist das 3-3-1-3 seine Lieblingsformation, aber Flexibilität wird bis zu einem gewissen Grad groß geschrieben, zumindest in der Defensive, wo gegen Teams mit zwei Sturmspitzen meist eine Viererkette aufgeboten wird. Vorne aber schwört Bielsa auf "un enganche y tres puntas" (ein Spielmacher und drei Stürmer). Reine Defensivspieler sind eigentlich im 3-3-1-3 nur die Verteidiger und der zentrale Mann vor der Abwehr. Die Außenbahnspieler schalten sich gerne mit in den Angriff ein, anders als in vielen italienischen Systemen mit Dreierkette, in denen die Außen auch viele Defensivaufgaben zu verrichten haben.

Zentrales Merkmal von Bielsas Teams, egal ob mit Viererkette oder Dreierabwehr, ist ein unmenschliches Pressing, wie Chile es bei der WM zeigte, aber auch Athletic Bilbao etwa im fast gewonnenen Spiel gegen Barcelona im Herbst. Die Abwehr schiebt sehr hoch nach vorne, die Außenspieler attackieren, und die Angreifer setzen die ballführenden Abwehrspieler des Gegners früh unter Druck. Eine solche Spielweise lässt sich natürlich nur mit sehr guten Fitnesslevels erfolgreich durchführen, ansonsten kann sie leicht in einem Debakel enden.

Fitness, Fußball, Flexibilität

Das wäre auch ein möglicher Erklärungsansatz für das Scheitern Argentiniens 2002 - wegen der kurzen Vorbereitungszeit waren die in Europa spielenden Stars größtenteils ausgepowert. Bemerkenswert ist ferner die große Flexibilität, die Bielsa von seinen Spielern in Sachen Positionswechsel fordert. Arturo Vidal ist in dieser Hinsicht ein idealtypischer Bielsa-Spieler, weil er fast überall spielen konnte. Gerne bietet der Coach Mittelfeldspieler in der Abwehr auf, um so besseren Spielaufbau von hinten heraus zu gewährleisten.

Und wie funktioniert das Projekt in Spanien? Nach schwachem Saisonstart kam Athletic, das zu Chile die Parallele aufweist, dass Bielsa hier mit sehr begrenztem Spielermaterial arbeiten muss, weil der Club nur Basken verpflichtet, immer besser in Tritt und spielt um einen Champions League-Platz mit, steht im Finale des Copa del Rey - und im Achtelfinale der Europa League, gegen Manchester United.

Im letzten spanischen Nationalkader für das Spiel gegen Venezuela standen vier Athletic-Spieler: Iker Munian, das Supertalent im Mittelfeld, Javi Martinez, der Mittelfeldspieler, der von Bielsa gerne in der Innenverteidigung eingesetzt wird, der rechte Außenbahnspieler Andoni Iraola und natürlich Mittelstürmer Fernando Llorente, der unter Bielsa technisch und physisch einen großen Schritt vorwärts gemacht hat und inzwischen gerade in Abwesenheit des verletzten David Villa und angesichts der Formschwäche von Fernando Torres als Spaniens Stürmer Nummer eins gelten muss.

Bielsa und die Medien

Nach all dem, was wir nun über ihn zusammengetragen haben, ist aber die Frage noch nicht beantwortet: Warum trainiert Marcelo Bielsa Athletic Bilbao? Und nicht Real Madrid? Oder Bayern München? Eine Antwort darauf könnte seine eigenwillige Persönlichkeit sein - und sein Umgang mit den Medien.

Marcelo Bielsa gibt keine Interviews. Wer ihn etwas fragen möchte, der muss zu einer seiner legendären Pressekonferenzen kommen, auf denen der Trainer allen Rede und Antwort steht. Man bringt besser etwas Zeit für diese Anlässe mit, denn seine egalitäre Ideologie, die keine noch so kleine Zeitung ignorieren, aber auch keinen noch so wichtigen Fernsehsender bevorzugen möchte, führte in der Vergangenheit schon zu fünfstündigen Pressekonferenzen, weil er sprichwörtlich jede Frage beantwortete.

Seine Obsession in Sachen Fußball trägt zudem Züge des Soziophoben. So soll Bielsa während seiner Zeit in Chile auf dem Trainingsgelände des Verbandes gewohnt haben, während seine Familie daheim in Argentinien blieb. In seiner Isolation studierte er Fußballvideos, von denen er eine der größten Sammlungen der Welt besitzen soll. Bei der WM 2002 hatte er demnach mehr als 2.000 Videos im Gepäck.

Bielsa ist kein Diplomat, und er ist kein Showman, den man im Doppelpass auf Sport 1 antreffen würde. Er ist einfach nur ein großartiger Fußballtrainer.

Daniel Raecke

sportal.de / sportal

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