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Kolumne

Rot-weiß - die Bayern-Fan-Kolumne: Kantersieg des FC Bayern - warum Niko Kovac allen Taktiknerds und Kritikern überlegen ist

Die Jubelarien zum 7:2-Kantersieg der Bayern reißen nicht ab. Die Kritiker von Niko Kovac staunen Bauklötze. Wie konnte dem angeblich taktisch so limitierten Kroaten ein solcher Triumph gelingen? Unser Kolumnist gibt Antworten.

Von Stefan Johannesberg

Champions League: Kovac nach Kantersieg: "Sieht so aus, dass mir London liegt"

"Wenn du gewinnst, machst du nichts richtig, und wenn du verlierst, machst du sowieso alles falsch." Das sagte FC Bayern-Trainer Niko Kovac am Sonntag in der "Welt am Sonntag" und bezog sich damit auf die Kritik an ihm und vielen anderen Trainern. Besonders der Kroate sah sich trotz des Double-Gewinns 2019 immer wieder mit kritischen Fragen und Vorwürfen konfrontiert: Er sehe nie die großen Abstände im Mittelfeld. Er habe nur einen Plan A. Er trainiere zu wenig Taktik. Er greife im Spiel zu spät ein, hieß es. Die Liste ist schier endlos. Selbst nach dem 7:2 in London, einem Ergebnis der Superlative und Rekorde, finden Fans und Kritiker sein Haar in ihrer Suppe. 

Bayern-Trainer Niko Kovac gratuliert Serge Gnabry, seinem besten Spieler an diesem denkwürdigen Abend in London

Bayern-Trainer Niko Kovac gratuliert Serge Gnabry, seinem besten Spieler an diesem denkwürdigen Abend in London

Getty Images

So schreibt der sehr gute, ehrenwerte "miasanrot.de-Blog": "Kovačs Aufstellung mutete bizarr an. Gerade gegen die hoch pressenden Dauerläufer und Konterspieler der Tottenham Hotspurs verzichtete er auf seinen mit Abstand pressingresistentesten Spieler (Thiago)." Sie haben ja Recht. In den ersten 30 Minuten sezierte Tottenham das bayrische Mittelfeld und stieß immer wieder durch die Reihen. Tolisso wirkte so lahm und deplatziert, dass selbst ein Javi Martinez mit einem Bein mehr Angriffe abgefangen hätte als der Franzose. Zwar wird Kovac eine gewisse Entwicklung attestiert, doch am Ende heißt es im Blog: "... Bayerns Sieg war am Ende eher ein Sieg brutalster individueller Klasse." Doch genau das greift zu kurz wie Hugo Lloris bei den Schüssen von Serge Gnabry. 

Niko Kovac lässt Spielern des FC Bayern viel taktischen Freiraum

Wie Pep Guardiola oder jeder andere Trainer ist auch Kovac verantwortlich dafür, dass sein Team genau diese individuelle Klasse auf den Rasen bringt. Seine Methoden sind jedoch komplett andere als die des genannten Kollegen und Vorvorgängers. Während Pep die Spieler taktisch in jedem Training und Testspiel so fordert und fördert, als wäre es das Champions League-Finale, und selbst in laufenden Spielen die Taktik mal komplett über den Haufen wirft, lässt Kovac dem Team bewusst - ich wiederhole, bewusst - größtmögliche Freiheit und Verantwortung, selbst wenn deren agile Findungsprozesse auf dem Platz phasenweise chaotisch und amateurhaft wirken (Man erinnere sich nur an die ersten Minuten bei den Heimsiegen gegen Köln und Mainz).

Was erhofft er sich dadurch? 

Der Vorwurf weiter oben lautete: Warum beginnt er gegen Tottenham mit einem Mittelfeld, das offensichtlich ins offene Messer der Spurs laufen musste? Antwort: Weil er es wollte und zu Gunsten anderer Dynamiken und Entwicklungsschüben in Kauf genommen hat. Thiago saß auf der Bank, weil er in den letzten Partien unkonzentriert und etwas überspielt wirkte. Immerhin ist er mittlerweile der wichtigste Spieler bei Bayern und daher im Normalfall gesetzt. Wenn er jedoch ausfällt, hätte Kovac ein Problem. Er braucht daher im Mittelfeld weitere Spieler, die nicht nur gegen Mainz und Köln in der Schaltzentrale Verantwortung übernehmen können, sondern auch gegen große Gegner in der Champions League. Also lässt er Joshua "große Klappe" Kimmich in so einem Spiel dessen Worten Taten folgen. 

Wie bei Tolisso setzt er erfolgreich auf Selbstheilungskräfte, Mannschaftsgeist und Selbstverantwortung des Einzelnen und des Teams. Wer lernt, in einem komplexen Kontext - sprich auf dem Platz mit Mit- und Gegenspielern - selbstständig Entscheidungen zu treffen und aus seinen Fehlern zu lernen, der ist potenziell in den entscheidenden Spielen im Frühjahr stabiler und stärker. In dieser Saison ist diese Entwicklung oft innerhalb einer Partie sichtbar. So folgte auf Tolissos desaströser erster Halbzeit in London eine zweite mit wichtigen Balleroberungen und Torvorlagen. Ein Benjamin Pavard durchlebte bisher auf jeder Position in jeder Minute ein Wechselbad der Gefühle. Trotzdem wirkt der junge Franzose von Spiel zu Spiel sicherer, denn Niko Kovac vertraut allen - im höchsten Maße. Wie wichtig Vertrauen für die Leistung ist, zeigen gerade Leistungsträger wie Lewandowski und Coman, die unter Kovac mehr wachsen als in den Jahren zuvor.

Kovac hat das große Ganze im Blick

In der Startelf hätten Thomas Müller, Javi Martinez und Thiago in den ersten 30 Minuten gegen Tottenham wohl wesentlich besser gestanden und noch das Potenzial für einige Tore gehabt. Warum also spielten Coutinho und Tolisso stattdessen? Weil Kovac pragmatisch auf die ganze Saison schaut. Er hat Tolisso bereits zu Beginn der Saison als wichtigen Spieler auserkoren und gibt ihm die Zeit und Spiele, bis er wieder in Bestform ist. Die alte Regel nach einem Kreuzbandriss lautet bekanntlich: Sechs Monate Pause, sechs Monate Spielen bis zur Bestform. Ergo dürfte der Nationalspieler nach der Winterpause wieder sein Maximum abrufen können. 

Auch Neueinkauf Coutinho bereitet Kovac auf die heißen Duelle im letzten Saisondrittel vor. Kovac weiß: Der Brasilianer braucht nach seinem Barca-Desaster Spiele, Spiele und Vertrauen. selbst wenn er weder ernsthaft verteidigt noch am Leistungslimit spielt. Er könnte der Spieler sein, der in entscheidenden Momenten den Unterschied auf höchstem Niveau ausmacht. Beim erfahrenen Führungsspieler, "Mentalitätsmonster" und aktuellen Bankdrücker Thomas Müller weiß Kovac hingegen, was er in jeder Sekunde auf dem Platz abliefert.

Es gibt jedoch noch weitere, eher offensichtliche Gründe für die stabileren Bayern:

  • die Mannschaft hat durch die Ein- und Verkäufe wesentlich mehr Qualität - die Neuen passen besser zu den Vorstellungen von Kovac
  • die Mannschaft kennt mittlerweile die Philosophie und den Charakter des Trainers
  • die Spieler hatten Erfolg mit Kovac und vertrauen ihm mehr als in der Hinrunde der letzten Saison

Hinzu kommt: Kovac selbst hat sich weiterentwickelt. Wurde ihm immer vorgeworfen, gegen Liverpool im Achtelfinale zu vorsichtig agiert zu haben, lebt der Kroate jetzt den Mut vor, den er von seinen Spielern einfordert. "Wir wollten heute mutig agieren und die Partie heute gewinnen", sagte er nach dem Spiel gegen Tottenham. Auch in seinem oft kritisierten, konservativen “In Game Coaching” agiert er mittlerweile forscher. So wechselte er zur Halbzeit gegen Tottenham bei einer 2:1-Führung Thiago ein und setzte Kimmich auf rechts. Wohlgemerkt zur Halbzeit und nicht erst ab der 75. Minute. Auch in den Ligaspielen zuvor hatte man das Gefühl, dass Kovac hier mehr und früher ins Risiko geht.

Am Ende jedoch zählt der Erfolg - und vielleicht heißt es jetzt bei Kovac nicht mehr: "Wenn du gewinnst, machst du nichts richtig, und wenn du verlierst, machst du sowieso alles falsch" sondern "Wenn du gewinnst, machst du etwas richtig, und wenn du verlierst, machst du nicht alles falsch". Verdient hätte er es.

tis

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