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FC Bayern deklassiert Basel: Orkan über München

Der FC Bayern hat sich auch in der Champions League eindrucksvoll zurückgemeldet. Das 7:0 gegen Basel hat bewiesen: Diesem Klub ist plötzlich alles zuzutrauen. Nicht nur wegen Mario Gomez.

Von Klaus Bellstedt, München

Die PR-Abteilung der Bayern hatte sich fürs Achtelfinal-Rückspiel in der Champions League gegen den FC Basel etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Auf jedem Platz der Arena lag ein 50 x 50 Zentimeter großes Pappschild. Auf die eine Seite war das Logo des deutschen Vorzeigeklubs gedruckt, auf der anderen stand in großen Lettern "Mia san Mia" – jene drei Worte, die für das Selbstverständnis der Bayern, dieses Urvertrauen in die eigene Stärke, stehen. Unten rechts auf dem sonderbaren Ding war noch eine Anweisung zu lesen: „Entlang der Rillen falten und in die Handfläche klatschen – zur Unterstützung unserer Mannschaft.“ Was soll man sagen? Die Aktion war ein voller Erfolg. Als der Schiedsrichter in dieser für die Münchner so schicksalhaften Partie beim Stande von 3:0 durch die Tore von Arjen Robben (10.), Thomas Müller (42.) und Mario Gomez (44.) zur Pause pfiff, hatte man das Gefühl, dass das Stadion nicht mit Fußballfans, sondern mit 66.000 Klapperschlangen gefüllt war. Und der FC Basel? War das Kaninchen.

Heiko Vogel hatte eine Vorahnung. Basels junger Trainer hatte befürchtet, dass die Bayern mit "voller Vehemenz" in diesem Achtelfinal-Rückspiel der Champions League auftreten würden. Mit einer "gewissen Wucht", die die Schweizer eigentlich schon beim ersten Aufeinandertreffen der beiden Mannschaften vor drei Wochen erwartet hatten. Damals, bei der 0:1-Niederlage der Münchner, zog nur ein laues Bayern-Lüftchen durch den Basler St. Jakob-Park. Dieses Mal aber tobte ein Orkan über dem rot leuchtenden Luftkissenboot Allianz-Arena. Es war ein Spektakel, das das Team von Jupp Heynckes dort unten auf dem Rasen aufführte. Die Spieler zündeten ein fußballerisches Feuerwerk, sie zelebrierten ihren Sport. Trotz des fulminanten 7:1 am vergangenen Wochenende in der Bundesliga gegen Hoffenheim war damit in dieser Form wirklich nicht zu rechnen. Dafür hatte der FC Basel im Hinspiel einen viel zu stabilen Eindruck hinterlassen.

"Ich wusste, dass die Mannschaft so spielen kann"

Ein Ausscheiden in diesem Wettbewerb, zwei Monate vor dem Champions-League-Finale im eigenen Stadion, wäre einem sportlichen Totalschaden gleichgekommen. Für den Weltklub FC Bayern München wäre es der größte anzunehmende Unfall gewesen. Sie hätten diese Saison jetzt schon in die Tonne treten können. Und: Sie alle waren sich dessen bewusst. Nicht ein einziges Mal kam an diesem Abend der Eindruck auf, als würde auch nur einer aus dem fulminanten Ensemble der Bayern nicht an seine Leistungsgrenze gehen. Phasenweise wie im Rausch tanzten sich Robben, Ribéry und Co. durch die Reihen – und demonstrierten dabei ihr weitgespanntes spielerisches Repertoire.

Aber warum klappt es auf einmal wieder? Warum gelingen dem FC Bayern nach einem durchwachsenen Start ins neue Jahr mit Niederlagen wie in Basel, Leverkusen oder Mönchengladbach plötzlich 14 Tore innerhalb von drei Tagen? "Wegen der immer stärker aufkommenden Kritik von außen, hat die Mannschaft angefangen zu überlegen", sagte Uli Hoeneß im Anschluss an das 7:0 gegen Basel. "Sie sind endlich wieder gelaufen." Also doch alles nur ein Einstellungsproblem? Schwer zu glauben. Auch wenn Hoeneß natürlich Recht hatte. Selten hat man die Bayern-Mannschaft in dieser Saison so lauffreudig gesehen wie in diesem Champions-League-Spiel. Jupp Heynckes hatte zu späterer Stunde im Bauch der Arena noch einen weiteren Erklärungsansatz für die Leistungsexplosion seiner Truppe. Die klang plausibler. "Diese Mannschaft kann überragenden Fußball spielen, das wusste ich schon immer. Aber ich wusste auch, dass es während einer langen Saison immer eine Durstrecke geben wird. Es dauert, bis man da durch ist." Heynckes, der nach den beiden Niederlagen in Basel und Leverkusen selber unter Druck geraten war, wirkte in der Nacht nach diesem großen Sieg fokussiert. So, als könne er es kaum abwarten, sein Team auf den nächsten Gegner und die kommenden harten Wochen einzustellen. Schon während der Partie pushte der 66-Jährige permanent am äußersteten Ende seiner Coaching Zone die Seinen. Heynckes fuchtelte wild mit den Armen. Den vorzüglichen David Alaba trieb er immer wieder an, Holger Badstuber bekam für eine allzu nachlässige Abwehraktion ein paar deftige Worte mit. Hinterher wollte Jupp Heynckes von öffentlicher Einzelkritik an seinen Spieler fast nichts wissen. Stattdessen hob er wiederholt die "homogene Mannschaftsleistung" hervor.

Überragende Torquote von Mario Gomez

Für einen seiner Spieler hatte der Trainer dann aber doch noch ein paar mehr Worte übrig. Mario Gomez erzielte in der zweiten Hälfte drei weitere Tore (50./61./67.), eines schöner als das andere und allesamt vorbereitet vom furiosen Franck Ribéry. Wie kaum ein anderer Stürmer wird Gomez fast einzig und allein aufs Toreschießen reduziert. Heynckes kennt als früherer Weltklasseangreifer dieses Phänomen. "Bei Torjägern ist es nicht unbekannt, dass man schnell ungeduldig wird und kritisiert, wenn sie nicht treffen", sagte er nach dem Basel-Spiel. Trotzdem hat der Trainer nie an seinem Mittelstürmer gezweifelt. "Mir ist nie in den Sinn gekommen, ihn auszutauschen. Er ist ganz wichtig für uns."

Vor dem Spiel gegen Hoffenheim hatte Gomez in vier Partien nicht getroffen. Eine Pause wünschten sich viele Bayern-Fans für die einzige Spitze der Münchner. Heynckes aber blieb stur und Gomez zahlt es ihm jetzt zurück. Es war ein atemberaubender Auftritt des 26-Jährigen. Tore mit rechts, Tore mit links, Tore mit dem Kopf. Die Saisonbilanz des Nationalspielers von 34 Treffern in 36 Pflichtspielen ist eine überragende Quote. "Es war nicht einfach die letzten Wochen, das muss ich ehrlich sagen", wie Heynckes so klang auch Gomez nach dem 7:0-Erfolg und dem Einzug ins Königsklassen-Viertelfinale eher nachdenklich. Er trug den Spielball wie eine Trophäe unter seinem linken Arm und bilanzierte bescheiden: "Die tollen Dribblings meiner Kollegen muss ja irgendjemand abschließen. Dafür bin ich schließlich da."

Die Konkurrenz sollte gewarnt sein

Mit dem siebten Tor der Bayern durch Arjen Robben (81.) nach schöner Einzelleistung und der späten Einwechslung des lange verletzten Bastian Schweinsteiger wurde dieser denkwürdige Abend von München schließlich abgerundet. Und dann wurde geträumt. Vor allem auf Seiten der Fans. "Barca, Barca, who f… is Barcelona", sangen die restlos beseelten Bayern-Anhänger nach der Melodie eines bekannten Wiesn-Hits noch weit nach dem Abpfiff. Sie wollten das Stadion partout nicht verlassen. Obwohl sich der Orkan längst schon gelegt hatte – vorerst. Die Konkurrenz von Dortmund bis Barcelona sollte gewarnt sein. Der FC Bayern ist wieder da. Und mit dieser Einstellung, etwas Demut und Mario Gomez wird er nur ganz schwer zu bezwingen sein.

Klaus Bellstedt

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