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Zeugnis für Guardiola: Pep hat Götze schlechter gemacht - aber einen Superstar (noch) besser

Pep Guardiola steht nach dem drohenden Aus im Champions-League-Halbfinale in der Kritik. Ist das gerechtfertigt? Immerhin führte er Bayern zu ungeahnter Konstanz. Ein Zwischenzeugnis.

Für Star-Trainer Pep Guardiola gibt es beim FC Bayern München erstmals starken Gegenwind

Für Star-Trainer Pep Guardiola gibt es beim FC Bayern München erstmals starken Gegenwind

Bayern-Trainer Pep Guardiola erwartet von seinem Team immer nur den maximalen Erfolg. "Nur das Triple ist genug", sagte er vor einigen Wochen zu den Saisonzielen des FC Bayern. Nun dürften zwei der drei möglichen Titel futsch sein. Und Guardiola muss sich an seinen eigenen Aussagen messen lassen.

Fakt ist: Als Trainer hat Guardiola seine Saisonziele nicht erreicht. Das sorgt für Kritik. Es liege auch an ihm, dass der FC Bayern im Pokal ausgeschieden sei und das Hinspiel in Barcelona vergeigt habe, kritteln Ex-Bayern-Stars wie Lothar Matthäus oder Stefan Effenberg.

Die derzeit entscheidende Frage lautet: Hat Pep Guardiola den FC Bayern besser gemacht? Was nach fast zwei Jahren im Amt für und gegen den Star-Trainer spricht. Ein Zwischenzeugnis (ohne Noten).

Hat Pep Guardiola bei den Bayern bisher gute Arbeit geleistet?

Das spricht für Guardiola

1. Er hat das Team zu enormer Konstanz geführt
Zweimal Meister, einmal Pokalsieger, zweimal Champions-League-Halbfinale. Von solch einer Bilanz können selbst die meisten europäischen Topclubs nur träumen. Selbst Real Madrid oder der FC Barcelona waren in den vergangenen Jahren nicht so konstant gut wie der FC Bayern unter Pep Guardiola.

2. Er lehrt eine neue taktische Flexibilität


Pep Guardiola ist ein Tüftler, ein Taktik-Genie. Das hat er in seinen zwei Jahren an der Säbener Straße bewiesen. Sein Team kann in mehreren Systemen spielen, ist so flexibel wie nie. Das sorgt vor allem für die Dominanz in der Bundesliga. Wenn ein Team den Bayern mit einer besonderen Taktik Ärger macht, dann stellt Guardiola um - und in der Regel werden die Bayern stärker.

3. Er hat viele Spieler (noch) besser gemacht


Leider ist Arjen Robben verletzt. Was wäre gewesen, fragen sich Bayern-Fans und Guardiola unisono, wenn Robben seine Form durch die Saison getragen hätte? Denn eines ist klar: Robben gehörte schon immer zu den besten Offensiv-Spielern der Welt - aber so gut wie unter Guardiola war er nie. Guardiola hat Robben noch besser gemacht, er hat ihm die Freiheiten gegeben, die er brauchte, um konstant torgefährlich zu werden. Mehrere Bayern-Spieler haben sich unter Guardiola ebenfalls weiterentwickelt: Boateng oder Rafinha etwa reiften zu Führungsspielern.

4. Pep macht die Bayern zu besseren Verlierern


Der FC Bayern verliert zwei wichtige Spiele in einer Woche und kaum einer rennt mit hochrotem Kopf durch die Katakomben und meckert über Schiedsrichter, Gegner, eigene Spieler. Die Münchner ertragen die Niederlage nach innen natürlich nach wie vor kaum - aber sie ertragen sie nach außen mit Fassung. Guardiola hat die Bayern zu besseren Verlierern gemacht. Das sorgt für Anerkennung - auch bei Anhängern von anderen Vereinen.

Das spricht gegen Guardiola

1. Guardiola scheitert in der entscheidenden Phase der Saison
Der FC Bayern hat unter Pep viele starke Spiele abgeliefert und mit Traumkombinationen und starken Toren Fußball-Fans verzaubert. Doch häufig lieferten Peps Teams diese Spiele in der Hinrunde ab (in Manchester 2013, in Rom 2014) - in entscheidenden Spielen ist den Bayern unter Guardiola nur gegen den BVB im Pokal-Finale 2014 und gegen Porto in der Champions-League ein wirklich großer Sieg gelungen.

2. Guardiola stellt zu hohe Ansprüche


Wer sagt, nur das Triple sei genug, schürt die Hoffnung, dass es auch so weit kommt. Dass der Anspruch bei den Bayern besteht, ist klar. Aber: Man sollte vielleicht betonen, dass auf dem Weg zum Triple alles passen muss. Niemand darf beim Elfmeter ausrutschen, die wichtigen Spieler müssen fit und in Bestform sein, ein Bernat darf keinen Fehlpass vor dem 0:1 in Barcelona spielen - doch solche Aktionen sind eben bei Duellen auf Augenhöhe nicht auszuschließen. Wer vorher nur übers Triple spricht, verspricht den Fans zu viel. Selbst beim FC Bayern.

3. Pep hat Götze schlechter gemacht


Mario Götze steht bei den Fans des FC Bayern derzeit nicht hoch im Kurs. Er lachte nach der Packung in Barcelona noch auf dem Rasen! Mit dem Gegner (seinem Freund Marc-Andre ter Stegen). Unerhört. Götze sah sich genötigt, eine Entschuldigung bei Facebook zu posten. Der Junge kann einem fast leid tun. Denn Guardiola setzt nicht auf den WM-Star. Er hat ihm nach einer starken Vorrunde das Vertrauen entzogen und lässt ihn inzwischen häufig auf der Bank versauern. Egal ob das nun an Götzes fehlendem Antrieb oder Peps mangelndem Vertrauen liegt. Fest steht, Guardiola hat das Top-Talent Götze nicht besser gemacht.

4. Er macht den FC Bayern zu einem besseren Verlierer - aber ist das überhaupt gut?


Okay, Guardiola hat den FC Bayern zu einem besseren Verlierer macht. Siehe oben. Doch in München werden sie sich die Frage stellen: Wollen wir das überhaupt sein, ein guter Verlierer? Ein Teil des bayrischen Mia san Mia war es schließlich, über Jahrzehnte ein galligerVerlierer zu sein, weil man sich allein über den sportlichen Erfolg definiert. Gegner oder Schiedsrichter verbal niederzutrampeln gehörte da mitunter zum Konzept.

Felix Haas

Wissenscommunity