Felix Matath Nur Geduld, Trainer


Die Mannschaft: lauter kapriziöse Typen, begabt, ehrgeizig, empfindlich. Der Coach: ein Mann ohne meisterlichen Ruhm, aber mit höchsten Ansprüchen. Wie Felix Magath das Ensemble des FC Bayern wieder reif machte für die große europäische Bühne - die Geschichte einer Annäherung.

Dominiere das Zentrum. Bedrohe den Gegner mit jedem Zug. Schütze zugleich deine eigene Stellung. Stifte Verwirrung auf einer Flanke, um auf der anderen in die entstehende Lücke zu stoßen. Das ist sein Ideal des Spiels. So in etwa. Für Felix Magath, Trainer des FC Bayern München, ist Fußball eine ähnlich komplizierte Angelegenheit wie Schach, nein, viel komplizierter, weil Menschen mitmischen. "Genau deshalb ist die Disziplin auf dem Platz so wichtig", sagt Magath und fügt hinzu, mit seiner sanften Ironie: "Aber ich habe lernen dürfen, dass es manchmal auch gut ist, wenn ein Spieler alles über Bord wirft, was ich ihm gesagt habe. Das ist die Kunst: zu wissen, wie viel Chaos man sich erlauben kann."

Eine ruhige Woche Ende März, Magath versinkt in einer Münchner Hotelbar in seinem Ohrensessel aus Leder. Sein rechtes Bein hat er über die Lehne geschlagen, genüsslich trägt er Bissen um Bissen seines Stückchens Apfeltorte ab, und plötzlich beginnt er zu erzählen, wissense, sehnse. Man kennt ihn so nicht. "Das Gefühl ist jetzt da", sagt er, vielleicht erklärt es das. Das Gefühl für die Mannschaft. Das Gefühl, dass es seine Mannschaft ist.

Seit Sommer ist dieser ruhmlose Trainer beim FC Bayern, dem verwöhntesten Klub Deutschlands, der mit dem Wienern der Pokale kaum nachkommt, aber zuletzt leer ausging. Nun liefert sich die Mannschaft an der Bundesliga-Spitze ein Wettrennen mit Schalke, im Pokal steht sie im Halbfinale. Und kommenden Mittwoch geht es im Viertelfinale der Champions League nach London, wo Chelsea wartet, ein stinkreicher Verein. Dass man den Bayern 2005 tatsächlich zutraut, gegen die derzeit wohl beste Elf Europas zu bestehen - das muss man vor allem Magath zuschreiben. Noch vor zehn Monaten wirkten die Bayern-Stars gegen den späteren deutschen Meister Bremen wie eine satte Truppe Alter Herren.

Wie lange es dauerte,

bis der selbstbewusste Kader den kompromissarmen Felix Magath anerkannt hatte? Die einen, wie Manager Uli Hoeneß, behaupten fröhlich: nicht mal ein halbes Jahr, bis zur Herbstmeisterschaft.

Die anderen, und dazu zählt mancher Spieler, sagen nur ein Wort: Arsenal. 9. März 2005. Highbury-Stadion, London. Nach Ende des Achtelfinal-Rückspiels sitzt Arsène Wenger im Pressekabuff ganz vorne auf der Kante seines Stuhls. "Wir sind verdient ausgeschieden", sagt Arsenals Trainer kühl. "Das war die beste Elf, gegen die wir seit langem gespielt haben." Die englischen Reporter schweigen konsterniert. Endlich fragt einer: "Äh, Sie meinen, in der Champions League, oder? Sie meinen doch nicht besser als Chelsea?"

Die Frage steht seither im Raum. Zu schlagen scheinen die Bayern derzeit nur durch Geniestreiche wie dem des Franzosen Henry, der Arsenal am Ende 1:0 siegen ließ, was nach dem 1:3 des Hinspiels aber nichts mehr nützte. Magath stellt seit Februar den Argentinier Demichelis als Wachmann vor die Abwehr und Ballack weiter nach vorne, jenen Mann, der drohen und schützen kann wie kein Zweiter in der Welt. Auf einmal atmet das Team wieder den gefürchteten Bayern-Geist: Erst zerstören sie den Gegner. Dann setzen sie sich durch, irgendwie. Keiner drückt es so schön aus wie der im Winter aus Marseille zurückgekehrte Bixente Lizarazu: "Wir saugen den anderen die Qualität aus dem Spiel. Es gibt klasse Mannschaften, aber gegen uns sieht man von ihrer Klasse nichts."

Dazu trägt der FC Bayern an diesem milden Abend in London eindeutig Magaths Handschrift: Seine Bayern sehen aus wie eine hungrige Elf, das gepriesene Arsenal verliert seinen Glanz. Als es trotzdem eng wird, senst Michael Ballack Arsenals Kapitän Patrick Vieira um. Das Foul bringt Ballack Gelb - und nimmt Arsenal allen Mut. "Er hat ihren Anführer gefällt, er hat die Partie entschieden", wird Magath später sagen. Seit diesem Abend ist Ballack endgültig der Anführer der Bayern.

Später flackert in der Lobby des Landmark Hotels ein Kaminfeuer, im Ballsaal fließt Paulaner unter Kronleuchtern, so lieben es die Bayern. Kurz nach Mitternacht verlässt Magath das Bankett. In seiner Rechten hält er das Video vom Match.

Seine Taktik hat

Wengers Traum zerstört: nach drei englischen Meistertiteln endlich in Europa zu siegen. Magath hat mal bei Wenger hospitiert, vor acht Jahren, er kennt die Sehnsucht des anderen. Es ist seine eigene. Sein letzter Titelgewinn als Spieler ist 22 Jahre her, dreimal war er mit dem HSV Meister, zweimal Europacup-Sieger. "Das hat mit meinem Leben jetzt nichts mehr zu tun", sagt Magath, 51. "Ich habe noch keinen Titel." Als er auf sein Zimmer geht, ist das Feuer im Kamin längst erloschen.

16. November 2004. Restaurant Ederer, München. Fast ein halbes Jahr davor. Magath sitzt geduckt am Tisch, wie zum Sprung bereit. Das ist der misstrauische Magath, der seine eigenen Sätze belauert, der prüft, ob er die Deckung lockern kann.

In diesen Tagen verströmt er Skepsis. "Keiner ist da, der führen will. Das ist das größte Problem", sagt er leise. Seine Urteile sind scharf, wie wenig andere beherrscht er den tödlichen Satz. "Von Ballack muss noch mehr kommen", sagt Magath, um dann minutenlang zu schwärmen, nein, er schwärmt nicht, er seziert Ballacks Qualitäten, seine Abschlussstärke, dessen Gabe, "das Richtige zur richtigen Zeit" zu tun. "Uns fehlt eine Hierarchie, er muss der Fixpunkt sein", sagt Magath. "Vielleicht muss ich ihm das noch klarer machen."

Zur Freude des Münchner Boulevards hat der Neue die Profis vor der Saison den 1722 Meter hohen Wallberg hochgescheucht, er hat ihnen Beine gemacht, und jetzt muss er aus dem Team, das sich unter Hitzfeld, wie der sagte, "zu Tode gesiegt" habe, irgendwie neues Leben kitzeln.

Einen "Kulturschock" diagnostizierte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge bei den Seinen, als Magath Ende Juni loslegte. Die Spieler schluckten ihren Ärger hinunter, obwohl es am Anfang schien, als könne man diesem Trainer nichts recht machen. So sehr sie sich reinhängten, der Boss krittelte. "Unsere Maßstäbe waren zu weit auseinander", sagt Magath gelassen, "irgendwann haben sie begriffen, was ich will." Er ist ein konservativer Trainer, legt Wert auf Autorität, auf seine Autorität. Und vor allem eins hat Magath von Ernst Happel gelernt, seinem früheren Mentor: "Die Meinung der Spieler interessiert mich nicht."

Vielleicht sagen viele Bayern-Profis deswegen, wenn sie ihren Trainer beurteilen sollen: Entscheidend ist, ob er Erfolg hat. Es hört sich seltsam an, ganz so, als liege es nicht an ihnen selbst, ob man nun siegt oder nicht. Es wirkt sehr, wie soll man sagen, defensiv. Erfolg jedoch ist die einzige Währung, mit dem sich ein Trainer beim FC Bayern Respekt erwirbt. Ottmar Hitzfeld, Magaths Vorgänger, war in sechs Jahren viermal Meister und 2001 Champions-League-Sieger. Man kann sagen, er genoss sehr viel Respekt. Das Problem war nur, dass er am Ende selbst sehr viel Respekt vor den Spielern hatte.

Magath faltet die Hände, es sind braun gebrannte, schlanke Finger. Doppelter Espresso zum Crêpe. Er ist ein Denker, der nicht nur andere, auch sich selbst analysiert, zugleich ein Gefühlsmensch, der sich unwohl fühlt, wenn er Gefühle zeigt. Früher war er ein wankelmütiger Spielmacher, mit oft nachdenklich gekräuselter Oberlippe. "Als Nationalspieler war ich leider zu weich", sagt er. "Ich habe mich wegdrücken lassen von Paul Breitner." Nach seiner Karriere - 43 Länderspiele, zweimal Vizeweltmeister -, die er 1986 beendete, hat Magath viel gegrübelt. Als er Jahre danach wieder auftauchte, hieß es, er sei zu hart.

16. November, Säbener Straße, München. Uli Hoeneß ist grantig. Croissants lauern auf dem Tisch seines Büros, dabei steckt er mitten in einer Brutaldiät. Doch als die Rede auf Magath kommt, strafft sich seine Miene. "Felix macht das Unerwartete", sagt Hoeneß. "Nachdem die Jungs das Spiel in Bochum umgebogen hatten, sagte er: Wir sehen uns am Mittwoch. Drei Tage frei? Die Spieler haben geschaut, als wäre Weihnachten."

Magath sei konsequent,

aber nicht stur. "Und er ist flexibel. Ich habe noch nie so viel mit einem Trainer gesprochen wie mit ihm. Felix fragt dreimal die Woche: Hast du Zeit? Ich sage ja, batsch, sitzen wir hier." Hier, in seinem Büro, das wie eine zünftige bayerische Stube eingerichtet ist, mit viel Holz, hörte sich Hoeneß in den ersten Wochen Magaths Urteile an, ergänzte, korrigierte, widersprach. Zu Scholl etwa. Magath dachte, der sei ein verwöhntes Bürschchen, doch als er ihn kennen lernte, sah er: Das ist einer, wie ich war. "Felix würde den Mehmet jetzt am liebsten fünf Jahre in Watte packen", sagt Hoeneß.

Gar nicht lange her, da klopfte Sebastian Deisler an. Hoeneß hatte Magath zuvor überzeugt, dass er den labilen Jungen anders behandeln müsse als die anderen. Das widerstrebt dem Coach. Aus Prinzip sind bei ihm alle gleich. "Wir glauben an dich, aber du musst Geduld haben", sagte Magath schließlich zu Deisler, und der nickte. Hoeneß musste grinsen. Es war auch sein Rat an Magath. "Du wirst selbst merken, auf wen du dich verlassen kannst", sagte er ihm, "nur dauert das seine Zeit." Es werden Monate vergehen, bis Magath zugibt: Der Uli hatte Recht.

Aber auch Hoeneß hat sich angepasst. "Ich bin härter zu den Spielern als früher. Es fällt mir nicht immer leicht, aber es muss sein. Das spüren die Jungs: Da ist jetzt eine Doppelwand." In der Ecke liegt sein weißer Baustellenhelm, Ende Mai wird das neue Stadion eingeweiht. Keine Rede mehr davon, dass er 2006 aufhört. Hoeneß wirkt angriffslustig wie zu besten Zeiten, ganz so, als wittere er eine neue Ära.

6. Januar 2005. Dubai. Trainingsalltag im Offiziersklub, bei 22 Grad bolzen die Bayern Kondition. Magath hat solchen Drill früher selbst geleitet, bis er begriff: Es ist klüger, wenn die Spieler einen anderen hassen. Aus Stuttgart brachte er einen Ex-Oberleutnant mit, Werner Leuthard, der, den Nacken ausrasiert, stundenlang herumschnarrt: Heh! Hopp! Zack!

Beim Abschlusskick

des ersten Tages schaut Magath schweigend zu. Sein Mienenspiel verrät gar nichts. In dieses Trainingslager ist er gegangen, als entscheide sich die ganze Saison. Und vielleicht tut sie das auch. Noch nie war ein Bayern-Team so talentiert. Und noch nie so formbar. Wenn er die Mannschaft versammelt, redet er mal mit rudernden Armen auf sie ein, mal fährt er sachte mit der Hand durch die Luft, wie ein Bildhauer, der mit Axt und Poliertuch einen Marmorblock bearbeitet. Er will das Spiel flotter machen, mit Querpässen droht man nicht, das muss in die Köppe rein.

Zum Gespräch lässt sich Oliver Kahn ächzend in den Stuhl fallen. War's so schlimm? "Nee", sagt er, "normal." Dann erzählt der Kapitän, dass "Magath am Anfang ein bisschen misstrauisch war. Aber jetzt habe ich das Gefühl, hier wächst was, auf eine andere Art als 2001. Da ist ein Prozess im Gange, und er steuert den gut."

Über den Platz pflügt Kahn noch immer, als drücke sein Ruf tonnenschwer auf die Schultern. Dabei hat ihm Magath die größte Last genommen: Der Mann, der noch vor einem Jahr bei Real Madrid "allein gewinnen" wollte, sagt jetzt: "Es ist für mich angenehmer, meine Energien aus der Mannschaft zu holen und zu verstehen, dass nie ein Einzelner entscheidend sein kann." Man ahnt, in welche Parallelwelt sich der Torwart verstiegen haben muss - bis ihn Magath zurückholte.

Kahn hat er gestärkt, Roque Santa Cruz gepiesackt, Bastian Schweinsteiger provoziert. Den schob er im Herbst erst zu den Amateuren ab, wollte ihn dann ausleihen - doch der Junge biss sich durch, bis hoch in die Stammelf. Schweinsteiger, 20 Jahre, EM-Teilnehmer und eines der größten Talente im Land, schaut noch immer irritiert drein. Die Eltern riefen damals an, Bub, was ist denn los? Degradiert habe er sich nicht gefühlt, sagt er, aber die Wut, "jetzt zeigst du's denen, die war da". Wüsste er, wie sein Trainer als Spieler war, er verstünde wohl besser, warum Magath so gern die Hochbegabten triezt - er will sie zwingen, sich zu wehren.

Magath bekämpft Egoismen und fordert zugleich Mut, Spielwitz, Risiko. Er will Künstler, die "ihre Kunst in den Dienst der Mannschaft stellen". Und er will Arbeiter, die pausenlos ackern, so wie Hasan Salihamidzic, genannt Brazzo. Der wetzt in seinem putzigen Dampflokstil wie aufgedreht über den Platz, er ist vielleicht der schlechteste Kicker, der sich da herumtreibt, aber er hat das größte Herz.

Brazzo wurde von Magath entdeckt, als der noch die HSV-Amateure trainierte. Der Bosnier mag seinen Chef, man merkt es ihm an. Aber vom Trainer kommt selten ein Klaps, Knuff oder Zwinkern. "Ich suche keine Nähe", sagt Magath. "Ich kann als Profi keine Emotionen gebrauchen." Seine Mutter ist Ostpreußin, sein Vater stammt aus Puerto Rico, sein Großvater aus Spanien. Er war schon immer ein Mann, in dem es fortwährend gärte, in dem mächtige Ansprüche und Hemmungen miteinander rangen. Noch heute kann dieser Widersprüchliche selbst sein größter Feind sein, dann schimpft er grummelnd auf sich ein. Er hat an sich die höchsten Erwartungen, das ist seine Triebfeder und sein Problem.

Schon immer war das so:

als Manager in Uerdingen, als Trainer in Bremerhaven, oder als er 1995 die HSV-Profis übernahm. Nach der Entlassung 1997 wurde er zum Retter vom Dienst, der wackeligen Teams mit Gewalt Halt gab. Doch sobald wieder Ruhe eingekehrt war, schassten alle Klubs diesen unerbittlichen Perfektionisten.

In Stuttgart endlich fand er einen Stil, der auf Dauer angelegt war, machte in seinen dreieinhalb Jahren aus Jungs wie Lahm, Hinkel und Kuranyi Nationalspieler und sich selbst einen Namen. "Ich stehe immer noch dazu: Man muss Spieler zwingen, über ihre Grenzen zu gehen", sagt er. "Aber ich nehme mich heute entgegen meiner Überzeugung zurück, weil sich zu viel Härte schnell verschleißt." Kein einfaches Spiel, Magaths Fußball.

Mitte März, Säbener Straße. München. Die Grippe hat den Trainer im Griff. Fest hat er einen Schal um den Hals geschlungen, langsam schlürft er seinen Tee. Vor dem Match bei Arsenal hatte Magath in der Teamsitzung verkündet: "Vorne spielt unsere peruanische Mafia." Gemeint waren Pizarro und Guerrero. So flachsen könne er nur, sagt er, weil er spüre, dass die Mannschaft ihm vertraue. Dass sie das Gefühl habe: Das ist unser Trainer.

In der Liga hat Bayern Schalke wieder überholt, alles in Butter, so scheint es, und das Los hat ihnen im Europacup nun Chelsea beschert, das spielt, wie so lange der FC Bayern spielte: zynischen Ergebnisfußball, inszeniert vom zynischen José Mourinho, der im Vorjahr mit Porto die Champions League gewann. Chelseas Trainer gilt als Großmeister des Psychokriegs. "Ein ideales Los", sagt Magath und setzt sein süffisantestes Lächeln auf.

Er kann das Duell kaum erwarten.

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