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Fünf Fragen zum Frankreich-Spiel: Wackelt Neuers Stammplatz?

Der Test gegen Frankreich ist für die DFB-Elf eine Standortbestimmung: Wirken die Enttäuschungen aus dem EM-Jahr nach? Was muss besser werden? Und: Kann René Adler die Nr.1 aus dem Tor vertreiben?

Von Maximilian Koch

Ein Lieblingsgegner sieht ganz sicher anders aus: Der letzte Sieg einer deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Frankreich liegt bereits 26 Jahre zurück. Damals gewann die DFB-Elf dank zweier Tore von Rudi Völler in Berlin 2:1. In Frankreich gab es überhaupt erst einmal Grund zu jubeln – und das im Jahr 1935 beim 3:1 in Paris. Die Bilanz spricht vor dem Duell zwischen der "Équipe tricolore" und dem Team von Bundestrainer Joachim Löw (heute, 21 Uhr/ARD und im stern.de-Liveticker) in der französischen Hauptstadt also eine klare Sprache.

Nicht leichter wird die Aufgabe für Löws Mannschaft wegen zahlreicher Absagen: Bastian Schweinsteiger, Miroslav Klose, Marco Reus, Mario Götze und Marcel Schmelzer fallen aus. "Wir können beweisen, dass wir mehr als elf gute Spieler in Deutschland haben", sagte Löw auf der Pressekonferenz am Dienstag. Gleichzeitig zeigte der Bundestrainer großen Respekt vor dem Gegner: "Wir müssen in so einem Spiel eine Topleistung abrufen, wenn wir den Franzosen auf Augenhöhe begegnen wollen." Vor dem Anpfiff beantwortet stern.de die fünf wichtigsten Fragen zum Spiel.

1. Warum ist die Partie so wichtig?

Erst das EM-Aus gegen Italien, dann der beispiellose Einbruch beim 4:4 gegen Schweden: Innerhalb eines halben Jahres sind die Aktien der Nationalelf deutlich gesunken. Vor allem Jogi Löw, der vor der EM höhere Beliebtheitswerte vorzuweisen hatte als die Kanzlerin, hat den Unmut von Fans und Medien zu spüren bekommen. Keine Frage: Gegen Italien hat es Löw mit der Rotation übertrieben und mit seiner auf den Gegner ausgerichteten Taktik offensichtlich für Verwirrung bei seinen Spielern gesorgt. Und ja, vier Tore in einer Halbzeit gegen ein Durchschnittsteam wie Schweden zu bekommen, zeugt nicht von überragender Defensivstärke.

Dennoch steht die hoch talentierte DFB-Elf weiter glänzend da, nahezu jeder Experte zählt Deutschland zu den Topfavoriten auf den WM-Sieg. Die ersten 60 Minuten gegen Schweden waren wohl das Beste, was eine deutsche Nationalmannschaft in den vergangenen 20 Jahren gespielt hat, "das war Weltklasse", befand Mesut Özil völlig zu Recht. Im Jahr 2013 geht es für Löw und sein Team nun darum, das spielerische Niveau weiter zu erhöhen, gleichzeitig aber auch an der Ausgeglichenheit zwischen Offensive und Defensive zu arbeiten. Damit ein Zusammenbruch wie Schweden nicht mehr passiert.

Fazit:

Das Spiel gegen Frankreich ist von großer Bedeutung: Gelingt es Lahm und Co., die öffentlichen Zweifel an Spielphilosophie und Siegermentalität zu zerstreuen?

2. Ist der Kampf ums Tor wieder offen?

Das ist wohl die spannendste Frage in diesem Länderspieljahr. Aktuell hat der Münchner Manuel Neuer die Nase vorn, er ist "die klare Nummer eins", wie Löw betonte. Doch HSV-Keeper René Adler, der nach seiner Degradierung in Leverkusen vor gut einem Jahr so weit weg von der Nationalelf schien wie jetzt Tim Wiese, hat in Hamburg zurückgefunden zu alter Stärke. Und mehr noch: Adler wirkt reifer als früher, man hat den Eindruck, dass ihn das Tal, durch das er gehen musste, stärker gemacht hat. Die Unzufriedenheit Neuers über seine Bankrolle gegen Frankreich dokumentiert, dass Adler für ihn eine echte Bedrohung darstellt.

Was die sportliche Qualität angeht, liegen die Kontrahenten nicht weit auseinander. Neuer ist der bessere Fußballer, kann Spielzüge mit weiten Abwürfen blitzschnell einleiten. Diese Eigenschaften schätzt der Bundestrainer besonders an ihm. Adler verzichtet dagegen auf riskante Ausflüge aus seinem Tor, macht deshalb weniger Fehler, hat wie Neuer seine stärksten Szenen auf der Linie. Bei hohen Flanken sind beide nicht tadellos, Neuer liegt in diesem Punkt knapp vorne.

Fazit:

Der Kampf um die Nummer eins bleibt in jedem Fall spannend. Doch sollte sich Neuer keine Fehlerserie erlauben, dürfte er im kommenden Jahr als Stammtorhüter zur WM nach Brasilien reisen.

3. Welche Spieler stehen besonders im Fokus?

Im deutschen Team richten sich die meisten Augen auf René Adler, der sein letztes Länderspiel am 17. November 2010 gegen Schweden betritt. In Abwesenheit von Mittelfeld-Chef Bastian Schweinsteiger wird es besonders auf den Madrilenen Sami Khedira ankommen, dem Spiel der DFB-Auswahl Struktur und Rhythmus zu verleihen. Offensiv stehen zwei Bayern-Spieler im Blickpunkt: Thomas Müller, der beste Scorer in dieser Bundesliga-Saison, geht nach herausragenden Leistungen zuletzt mit ganz breiter Brust ins Spiel. Ganz anders sieht es bei Mario Gomez aus. Der in der Hinrunde lange verletzte Stürmer saß in den ersten drei Rückrundenspielen nur auf der Bank – heute darf er im Nationalteam zeigen, was er kann.

Bei den Franzosen ist Franck Ribéry der unumstrittene Star der Mannschaft. Pikant: Der Tempodribbler wird es heute auf seiner linken Außenbahn mit Bayern-Kollege Philipp Lahm zu tun haben. Gemeinsam mit Torhüter Hugo Lloris (Tottenham), Linksverteidiger Patrice Evra (Manchester United) und Stürmer Karim Benzema (Real Madrid) bildet Ribéry eine starke Achse, die von jungen Spielern wie Moussa Sissoko (Newcastle United) oder Maxime Gonalons (Olympique Lyon) ergänzt wird. Raphaël Varane, Toptalent von Real Madrid, musste sein Länderspiel-Debüt verletzungsbedingt absagen – doch in den 19-Jährigen werden bereits jetzt große Hoffnungen gesetzt.

Fazit:

Die Bayern-Stars Müller und Ribéry könnten für ihre Teams spielentscheidend werden.

Wieso fehlt Stefan Kießling im Aufgebot?

Der Leverkusener tut ja wirklich alles dafür, dass sein Handy endlich klingelt. 13 Tore hat der Angreifer in dieser Bundesliga-Saison bereits erzielt, gegen Dortmund glänzte er zuletzt auch als Vorbereiter. Bei Joachim Löw steht Kießling aber weiter nicht hoch im Kurs – auch vor diesem Länderspiel blieb der Anruf des Bundestrainers aus. "Wenn ich einen Stefan Kießling zurückhole, muss ich ihm eine echte Perspektive für Monate geben", erklärte Löw. Offenbar kann er das im Moment nicht – obwohl Miroslav Klose wegen eines Bänderrisses im Knie voraussichtlich zwei Monate fehlen wird.

Die "Bild"-Zeitung spekuliert, dass Kießling bei den nächsten WM-Qualifikationspartien des DFB-Teams am 22. und 26. März gegen Kasachstan eine Chance erhalten könnte. Möglich. Es steht jedoch außer Frage, dass Löw einen anderen Stürmertyp in seinem 4-2-3-1-System bevorzugt, als ihn Kießling darstellt. Es könnten auch Podolski, Müller oder Reus in vorderster Spitze agieren, sagte Löw einmal.

Fazit:

Auf lange Sicht wird Kießling in der Nationalelf außen vor bleiben.

5. Warum sind die Franzosen wieder so gut?

Nach der Weltmeisterschaft 2010 lag die "Équipe tricolore" mehr oder weniger am Boden. Sportlich nicht konkurrenzfähig, sorgte das Team um Bayern-Star Franck Ribéry für einen Skandal, als es während des Turniers das Training unter dem damaligen Coach Raymond Domenech boykottierte. Domenech-Nachfolger Laurent Blanc sorgte zwar dafür, dass sich ein solcher Eklat nicht wiederholte – zu einer Weltklassemannschaft formte er "Les Bleus" jedoch nicht. Bei der EM 2012 schied Frankreich im Viertelfinale gegen Spanien aus – ohne jede Chance auf den Sieg. Erst seitdem der langjährige Spielführer Didier Deschamps das Traineramt übernommen hat, geht es für die Franzosen bergauf: In der WM-Qualifikation schaffte der Weltmeister von 1998 ein Remis in Spanien, in einem Testspiel gelang ein Sieg gegen Vize-Europameister Italien. Der neue Coach hat seinen Spielern nicht nur Disziplin und Zusammenhalt vermittelt. Frankreich spielt plötzlich attraktiven Offensivfußball, viele junge Spieler drängen ins Team.

Fazit:

Das Niveau der Deutschen oder Spanier ist für die Franzosen noch ein Stück weit entfernt, zur erweiterten Weltspitze sollte man die Deschamps-Elf aber zählen.

Von Maximilian Koch

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