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Tore, Fouls, Fair Play Untersuchung zeigt: So verändern Geisterspiele den Fußball

Berliner Olympiastadion vor einem Coronavirus-Geisterspiel in der Fußball-Bundesliga
Gähnende Leere im Berliner Olympiastadion vor dem Anpfiff der Bundesligapartie zwischen Hertha BSC und dem VfL Wolfsburg am 11. November – die Geisterspiele wegen der Coronavirus-Pandemie haben den Fußball verändert
© Soeren Stache / DPA
Es fehlt etwas im Fußball, schon seit fast einem Jahr: die Fans. Doch wie wirken sich die leeren Ränge in den Stadien auf das eigentliche Spiel aus? Das haben Forscher an der Universität Salzburg untersucht.

Seit fast einem Jahr ist alles anders – auch im Fußball. Zur "neuen Normalität" gehören in den Profiligen seither (bis auf wenige Ausnahmen) riesige leere Betonklötze oder -schüsseln, in denen die Mannschaften etwas verloren ihrem Sport nachgehen.

Die Geisterspiele wegen der Coronavirus-Pandemie haben das Aussehens des Fußballs verändert. Aber ist auch das Spiel ein anderes geworden? Dieser Frage sind Forscher an der Universität in Salzburg nachgegangen, sie sprachen von einer "einmaligen Gelegenheit", die Auswirkungen von Zuschauerinnen und Zuschauern auf die Sportler zu untersuchen. Die Ergebnisse ihrer Analyse wurden unter anderem im Wissenschaftsmagazin "Nature" veröffentlicht.

Auswirkungen der Geisterspiele auf den Fußball untersucht

Die Sportpsychologen Michael Leitner und Fabio Richlan haben dazu insgesamt 20 Spiele des österreichischen Fußballmeisters Red Bull Salzburg aus der Saison 2018/19 (mit Zuschauerinnen Zuschauern) und der (Spielzeit 2019/20) ohne Publikum verglichen. Die Aussagekraft ist damit zwar begrenzt, interessant sind die Ergebnisse aber allemal.

Für die Untersuchung wurden sämtliche Szenen der 20 mal 90 Minuten von den Wissenschaftlern regelrecht seziert und bestimmten Kategorien zugeordnet, zum Beispiel "abgeschlossene Spielsituation", "Meinungsverschiedenheiten", "Fouls" oder "regelgerechtes Tackling". Auch das Verhalten der Spieler wurde analysiert und eingruppiert (beispielsweise "Wortgefecht" oder "Fair-Play-Verhalten"). Ebenso flossen offizielle Spielstatistiken in die Studie mit ein.

Aus der riesigen Datenmenge haben die Forscher dann Unterschiede zwischen den Spielen mit Publikum und jenen ohne herausgearbeitet.

Unter anderem stellten sie fest, dass es in Geisterspielen deutlich weniger emotional auf dem Platz zugeht. Die Zahl der Streitigkeiten der Spieler untereinander oder mit dem Schiedsrichter ist gesunken, zugleich nahmen sie im Schnitt nur noch 27 Minuten pro Partie ein, vor vollen Rängen waren es 42 Minuten. Zugleich waren die Unparteiischen dramatisch weniger in solche Situationen involviert. Auch bei Fouls, Gelben Karten und Platzverweisen verzeichneten die Wissenschaftlern einen – wenn auch nur kleinen – Rückgang. "Ohne den externen Faktor der Fans blieben die Spieler und die Teammitglieder öfter ruhig und beschäftigten sich nicht so viel mit Diskussionen und Streit", schlussfolgerte Leitner. Die oft aufgeheizte Stimmung des Publikums übertrage sich offensichtlich auf die Akteure auf dem Platz.

Augenscheinlich konzentrierten sich die Spieler in Geisterspielen weniger auf Meckern, Rudelbildung und Co., sondern vielmehr auf das eigentliche Ziel des Spiels: den Ball ins Tor zu schießen. Red Bull Salzburg erzielte sechs Prozent mehr Tore in den Partien ohne Fans – ligaweit liegt der Wert sogar bei 20 Prozent. "Vermutlich sind es vor allem die Auswärtsteams, die mehr Tore schießen. Der Effekt scheint also möglicherweise mit einem fehlenden Heimvorteil zusammenzuhängen", sagte Leitner im Radioprogramm Deutschlandfunk Nova, das zuerst über die Studie berichtet hatte. Allerdings waren die Autoren zurückhaltend bei der Frage, ob die Anzahl der Tore tatsächlich auf das fehlende Publikum zurückzuführen ist oder es schlicht auf die jeweilige Tagesform der Teams.

Geisterspiele sollen weiter untersucht werden

Die Untersuchung von Leitner und Richlan ist nur ein erster Ansatz, doch die Ergebnisse bestätigen Eindrücke, wonach Fußballspiele ohne Publikum weniger aufgeheizt sind. Die Autoren kündigten an, die Auswirkungen von Geisterspielen auf Fußballspiele ausführlicher zu untersuchen.

Doch eine Frage blieb: Mehr Fair Play, mehr Tore – ist der Fußball ohne Fans das schönere Spiel? Vielleicht. Aber trotz der Ergebnisse seiner Studie sagte Leitner zu Deutschlandfunk Nova, ihm als Fußballfan tue es "im Herzen weh", wenn Spiele ohne Fans stattfinden. Es sei einfach nicht dasselbe.

Quellen: "Nature", Deutschlandfunk Nova

wue

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