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Fußball: Momente, die die Geschichte verändert haben

Der FC Hätte ist bekanntlich Rekordmeister fast jeder Liga. Doch warum so zynisch? Tatsächlich entscheiden oft winzige Momente nicht nur darüber, wie ein Spiel ausgeht - sondern wie die Zukunft eines ganzen Clubs aussieht. Wir wollen das in einer Serie dokumentieren - und stellen Ihnen heute zwei Tore vor, ohne die die Fußballwelt heute ganz anders aussähe.

"Ob das passiert, oder in China fällt n Sack Reis um", sagte der Volksmund früher gerne und wollte damit zum Ausdruck bringen, wie folgenlos ein bestimmtes Ereignis für den Lauf der Welt sei. Ganz anders Ian Malcolm, der Chaostheoretiker in Michael Crichtons Roman Jurassic Park (in Steven Spielbergs Verfilmung gespielt von Jeff Goldblum), der anhand der Flügelschläge eines Schmetterlings demonstriert, dass die kleinsten Bewegungen das ganze Universum verändern können.

Irgendwo in der Mitte Michael J. Fox in der Back to the Future-Trilogie. Er reiste im komfortablen DeLorean in die Jugendzeit seiner Eltern, um einige Dinge zu begradigen, bekam dabei aber durch sich langsam verändernde Fotos immer rechtzeitig mitgeteilt, wenn seine anarchischen Handlungen massiv in die Zukunft einzugreifen drohten.

Wie dem auch popkulturellerweise sei, unbestritten ist, dass die Fußballgeschichte ganz anders hätte aussehen können, wenn bestimmte Tore nicht gefallen wären. Dem trägt der Fan gerne mit dem berüchtigten Fußballerkonjunktiv Rechnung ("Wenn er den reinmacht, dann wird es ganz schwer für uns"). Sie glauben uns nicht?

Damit Sie sehen, dass die heutige Fußballwelt ebenso anders aussehen würde wie Crichtons Isla Nublar, nachdem die Veloziraptoren vorstellig geworden sind, haben wir ein paar Beispiele für späte Tore ausgewählt, die unsere These belegen können. Hier sind die ersten beiden, die den Auftakt zu einer kleinen Serie bilden sollen.

1.) 6. November 1991: Kaiserslautern - Barcelona, Europapokal der Landesmeister 1991/92, 2. Runde, Rückspiel

Jüngere Zeitgenossen kennen den FC Barcelona als beste Mannschaft der Welt und den ewigen Clasico-Konkurrenten Real Madrid als von Minderwertigkeitskomplexen zerfressenen kleinen Bruder. Bis 1992 war das aber noch ganz anders. Da hatte Real Madrid nämlich schon sechsmal Europas höchsten Titel, den Landesmeisterpokal, gewonnen - Barcelona aber noch keinen einzigen. Zu allem Überfluss hatten die Blaugrana das Finale 1986 in Sevilla allen Ernstes gegen Steaua Bukarest verloren und dabei im Elfmeterschießen nicht einen Ball an Keeper Helmuth Duckadam vorbeigebracht.

Kurzum: Den Katalanen haftete der Mangel des ewigen Verlierers an, wenn es um den Titel der Titel ging. Heute weiß man: Johan Cruyffs Dream Team sollte all das ändern. Aber das Dream Team gewann nur einen einzigen Champions League-Titel - und den 1992. Um ein Haar jedoch wäre der FCB nicht einmal im Londoner Finale gewesen, das er dann in der Verlängerung dank Ronald Koemans Tor gegen Sampdoria gewann. Und das kam so...

Erstmals wurde der Landesmeistertitel 1991/92 im Gruppenformat ausgespielt, allerdings nicht von Beginn an, sondern erst nach der 2. Hauptrunde. In der 1. Runde konnte Barcelona sich gegen den letzten DDR-Meister Hansa Rostock durchsetzen, nicht ohne jedoch im Rückspiel im Ostseestadion mit 0:1 zu verlieren. Die Mannschaft um Josep Guardiola (heute Trainer des FC Barcelona) unterlag durch ein Tor von Michael Spies (heute Trainer des SSV Vorsfelde). Da das Hinspiel im Nou Camp jedoch mit 3:0 gewonnen worden war, zog Barcelona in die 2. Runde ein.

Dortselbst wartete die nächste deutsche Mannschaft, der Bundesligameister 1. FC Kaiserslautern. Das Hinspiel in Barcelona hatten Cruyffs Spieler mit 2:0 gewonnen, zweifacher Torschütze war Barcas späterer Sportdirektor Txiki Begiristain, durften sich dafür aber bei Guido Hoffmann bedanken, dessen Name in der Erinnerung der FCK-Fans immer mit der Szene verbunden bleiben wird, in der er beim Stand von 2:0 Andoni Zubizarreta umkurvte, nur um am leeren Tor vorbeizuschießen.

Nichtsdestoweniger lag es nicht nur an Hoffmann, dass Barcelona in die Gruppenphase einziehen durfte. Sondern auch an José Mari Bakero. Mit 3:0 führten die Roten Teufel bereits auf dem Betzenberg, in einer Atmosphäre, die von spanischen Medien als "feindselig" bezeichnet und von Lauterer Fans als "Nacht der 100 Bengalos" gefeiert wurde. So ändern sich die Zeiten. Damals galten bengalische Feuer in Deutschland als Zeichen für perfekte Europacupstimmung, heute als schwerer Verstoß gegen die Menschenwürde.

Auf dem Rasen brannte der FCK allerdigs auch so einige Feuer ab, und führte durch zwei Tore von Demir Hotic vor und nach der Pause sowie einen Treffer von Bjarne Goldbaek in der 76. Minute mit 3:0. Damit wäre der FCK in der Gruppenphase gewesen, Barcelona ausgeschieden. Doch in der 90. Minute trat Ronald Koeman einen Freistoß von kurz hinter der Mittellinie in den Strafraum, Bakero schraubte sich höher als der gerade erst eingewechselte Markus Kranz und Uwe Scherr und platzierte einen halb genialen, halb glücklichen Kopfball im langen Winkel.

FCK-Trainer Karl-Heinz Feldkamp schüttelte fassungslos den Kopf, Gerry Ehrmann - selbst schuld an einem Gegentor im Hinspiel - stauchte alles zusammen, was nicht niet- und nagelfest war. Kaiserslautern war in letzter Minute ausgeschieden, wurde am Saisonende Fünfter und stieg vier Jahre später erstmals in seiner Clubgeschichte in die 2. Liga ab.

Barcelona aber gewann am Saisonende zum ersten Mal den Europapokal, als erster spanischer Club überhaupt außer Real Madrid. Ronald Koemans toller Freistoß in der 111. Minute der Verlängerung gegen Sampdoria verhalf den Blaugrana zum größten Triumph ihrer Geschichte. Seither kamen drei weitere dazu, und heute stehen nur Madrid, Milan und Liverpool in der ewigen Bestenliste des Wettbewerbs vor dem FCB. Ob das auch so gekommen wäre, wenn Bakero besser gedeckt worden wäre? Wir werden es nie erfahren. Es sei denn, jemand hat einen Zeitreise-DeLorean zur Hand und ist wirklich kopfballstark.

2.) 19. Mai 1986: Borussia Dortmund - Fortuna Köln, Bundesliga-Relegation, Rückspiel

Eigentlich sind Relegationsspiele ein cleveres Mittel der Bundesliga, um die Gefahr des Abstiegs für ihre Mitglieder zu reduzieren. Wenn man als Drittletzter nicht absteigt, sondern über Hin- und Rückspiel gegen einen Zweitligisten die Chance bekommt, sich zu retten, bedeutet das eine reduzierte Fluktuation zwischen den Ligen. So konnten sich in den 13 Jahren, in denen es Relegationsspiele zwischen der Bundesliga und dem Unterhaus gab, neunmal die vertretenen Bundesligisten doch noch retten.

So auch 1986. Aber wie. Das ungleiche Duell zwischen Borussia Dortmund, dem großen Traditionsclub und ersten deutschen Europapokalsieger und der ungeliebten Fortuna aus der Kölner Südstadt, traditionell einer der deutschen Proficlubs mit den niedrigsten Zuschauerzahlen überhaupt, wirkt aus heutiger Sicht wie ein groteskes Mismatch zweier unterschiedlicher Gewichtsklassen.

Doch sportlich verlief das Duell zunächst alles andere als einseitig zugunsten des BVB. Ohnehin hatte Dortmund nicht gerade eine gute Bilanz gegen den kleinen Rivalen. Nur eines der ersten acht Spiele, die beide gegeneinander in Bundesliga, 2. Liga und Pokal bestritten, entschieden die Schwarzgelben für sich. Im Pokalhalbfinale 1983 war der BVB gar mit 0:5 vom Zweitligisten besiegt worden, in einem der großen Spiele in der Karriere des Dieter Schatzschneider, der kurz darauf zum HSV wechselte.

1986 nun kam es zur Relegation zwischen dem Drittletzten der Bundesliga Dortmund und dem Zweitligadritten SC Fortuna. Reinhard Saftig hatte erst Ende April den entlassenen Pal Csernai in Dortmund beerbt und nur zwei Spiele Zeit, den Relegationsplatz noch zu verlassen. Trotz eines Unentschieden gegen Schalke und eines klaren Sieges beim Absteiger Hannover reichte es um zwei Tore nicht und die Relegation musste entscheiden.

War Platz 16 aus Dortmunder Sicht zwar ärgerlich, aber angesichts der späten Entlassung Csernais nicht ganz unerwartet gewesen, so hatten die Kölner eine wahre Achterbahnfahrt der Emotionen hinter sich. Die Mannschaft von Trainer Johannes Linßen, der selbst beim Pokaltriumph gegen den BVB noch als Spieler dabei gewesen war, stand Mitte April auf Platz eins der 2. Liga, holte dann aber nur einen einzigen Punkt aus den nächsten sechs Spielen und fiel komplett aus den Aufstiegsrängen.

Ein 6:0 im letzten Heimspiel gegen Bayreuth vor den üblichen 4.000 Zuschauern in der Südstadt erhielt der Fortuna für den letzten Spieltag die Chance auf Platz drei. Als das Team aber eine Viertelstunde vor Schluss im Karlsruher Wildpark noch mit 0:2 zurücklag, schien der Aufstieg verschenkt. Dann trafen Achim Kropp und Bernd Grabosch innerhalb von zwei Minuten, Konkurrent Hessen Kassel kassierte in der 85. Minute das 0:1 beim Absteiger Bayreuth, und Fortuna war Dritter.

"Hessen Kassel? Bayreuth? Muhahaha!" höre ich Sie rufen. Wissen Sie, wer dann tatsächlich in dieser Saison in die Bundesliga aufstieg? Der FC Homburg und Blau-Weiß 90. Different times. Aber das nur am Rande. Fortuna Köln jedenfalls ging guten Mutes in die Entscheidungsspiele gegen Dortmund.

Für das Hinspiel war der Club ins große Müngersdorfer Stadion des Lokalrivalen FC umgezogen, was über 40.000 Fans anlockte. Sie hatten einen souveränen 2:0-Sieg ihrer Mannschaft gesehen. Beim Rückspiel im damals mit 54.000 Zuschauern schon ausverkauften Westfalenstadion lief zunächst auch alles für die Fortuna. Bernd Grabosch traf nach einer knappen Viertelstunde zum 0:1. Nach heutiger "Europapokal-Arithmetik" hätte der BVB nun schon vier eigene Tore gebraucht. Damals allerdings nicht, denn in der Relegation gab es keine Auswärtstorregel.

Dennoch schien der 0:1-Halbzeitstand schon eine Vorentscheidung zugunsten des Zweitligisten zu sein, der gegen verunsicherte Dortmunder kaum Chancen zuließ, wie das Dortmunder Fanzine Schwatzgelb sich heute noch erinnert. Erst nach der Pause gelangen den Dortmundern, die immerhin mit Michael Zorc, Keeper Eike Immel und Marcel Raducanu einige namhafte Spieler aufboten, bessere Angriffsaktionen. Eine von ihnen führte zu einem vom späteren Schalker Ingo Anderbrügge herausgeholten Foulelfmeter, den Zorc in der 54. Minute verwandelte.

Raducanu markierte per Kopf das 2:1 in der 68. Minute, aber als die Nachspielzeit angebrochen war, stand es immer noch 2:1. Köln fehlten noch 20 Sekunden zum Aufstieg, als Fortuna-Keeper Jacek Jarecki einen Anderbrügge-Schuss nicht festhalten konnte und Jürgen "Die Kobra" Wegmann zum 3:1 abstaubte. Wegmanns Wechsel zu Schalke stand zu diesem Zeitpunkt bereits fest, aber niemand im Westfalenstadion hätte es ihm verübelt, wenn er die Ehrenrunde in Königsblau absolviert hätte.

20 Sekunden hatten über Bundesliga oder 2. Liga entschieden. Anstatt 20 Jahre nach dem Europacupsieg gegen Liverpool und zehn Jahre nach dem Aufstieg in die Bundesliga zurück in die Zweitklassigkeit zu stürzen, erhielt der BVB die Chance auf ein Entscheidungsspiel. Dieses wurde in Düsseldorf ausgetragen und war eine einseitige Sache: Die von einer Magen-Darm-Grippe physisch geschwächten und von Wegmanns Tor mental traumatisierten Zweitligaspieler verloren das dritte Spiel mit 0:8.

Der Rest der Geschichte ist bekannt. Die wundersame Rettung verhalf dem BVB zu neuer Popularität. Zwar war Dortmund immer ein beliebter Club gewesen, aber das hieß im Fußballdeutschland der 1980er Jahre nicht viel: Nicht selten war das Stadion zu Bundesligaspielen nur zur Hälfte gefüllt (Zuschauerschnitt in der Relegationssaison: unter 23.000). Das sollte sich gerade in Dortmund allerdings ändern.

1989 gewann der BVB den DFB-Pokal gegen Werder Bremen, seinen ersten Titel seit mehr als 20 Jahren, noch unter Coach Horst Köppel. 1991 kam dann Ottmar Hitzfeld, die wohl wichtigste Personalie der Clubgeschichte. 1992 wurde der BVB Vizemeister, 1993 UEFA Cup-Finalist, 1995 und 1996 Deutscher Meister, 1997 Champions League-Sieger, elf Jahre nach dem Tor von Jürgen Wegmann.

Und Fortuna Köln? Der Club konnte sich noch eine Zeitlang in der 2. Bundesliga halten, stieg aber 2000 in die damalige Regionalliga Nord ab, zwei Jahre später in die Oberliga Nordrhein. Dort ging dem früher vom Mäzen Jean Löring abhängigen Club endgültig das Geld aus. Löring hatte sich aus finanziellen und gesundheitlichen Gründen 2001 zurückgezogen.

Ohne die Probleme eines Fußballclubs mit dem Tod eines Menschen gleichsetzen zu wollen, entbehrte es nicht einer gewissen symbolhaften Tragik, dass sich Fortuna Köln im gleichen Jahr, in dem Löring einem Krebsleiden erlag, vom Spielbetrieb zurückziehen musste.

Das war 2005. Seither fing der Club in der sechstklassigen Verbandsliga Mittelrhein wieder an, mit einem innovativen Modell der Fanbeteiligung an allen Entscheidungen der sportlichen Leitung. Nach dem Aufstieg in die NRW-Liga gelang im Sommer der Sprung in die Regionalliga West und damit die vierte Spielklasse. Borussia Dortmund feierte derweil seinen siebten Deutschen Meistertitel.

20 Sekunden.

Daniel Raecke

sportal.de / sportal

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