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Fußball WM: "Eure Schule ist besser"

Nächsten Mittwoch der Klassiker: Niederlande gegen Deutschland. TV-Experte Youri Mulder über den frischen Stil von Trainer Marco van Basten, dessen Pendant Klinsmann und die deutsche Talentförderung.

Herr Mulder, gibt's in Rotterdam mal wieder Schmähgesänge und Pfiffe für die Deutschen?

Nö, das glaube ich nicht. Das ist ein normales Spiel. Zwischen zwei Mannschaften, die endlich wieder gut kicken können. Ein Freundschaftsspiel.

Glauben Sie das wirklich? Die Niederländer brennen doch darauf, in einem Jahr Revanche für das WM-Endspiel von 1974 zu nehmen!

Die Leute, die sich daran erinnern und immer noch wütend auf die Deutschen sind, sterben zum Glück aus. Die Jungs von heute kennen das gar nicht mehr. Fragen Sie mal unseren Hedwiges Maduro, der ist 20 Jahre alt. Der weiß gar nicht, dass 1974 schon Fußball gespielt wurde.

Maduro von Ajax Amsterdam ist einer der vielen Neulinge, die der neue Nationaltrainer Marco van Basten ausprobiert hat. Wird er für diesen Jugendstil gefeiert wie sein deutsches Pendant Jürgen Klinsmann? Oder sind die Niederländer irritiert?

Sie genießen es. Wir hatten zuletzt als Trainer Louis van Gaal und Dick Advocaat, die oft schlecht gelaunt waren, und so sah das Spiel von Oranje auch aus. Jetzt hat van Basten frischen Wind reingebracht, genau wie Klinsmann. Die beiden ähneln sich auch in der Art und Weise, wie sie Spieler auswählen. Sie haben keine Scheu vor großen Namen.

Van Basten bekam seinen Posten 2004 am selben Tag an wie Klinsmann, er war früher ebenfalls ein Weltklassestürmer. Seine Situation war aber eine ganz andere: Er fand ein Team voller bräsiger Stars vor, das bei der EM zwar ins Halbfinale gekommen war, die Fans zu Hause aber gemartert hatte. Van Basten warf gleich einige Topleute aus dem Kader - war das wirklich nötig?

Unbedingt. Van Basten wollte von Anfang an der Boss sein. Also brauchte er ein Zeichen, dass er es ernst meint. Wissen Sie, dass er nach seinem Rücktritt als Spieler fast zehn Jahre lang fast nicht im Fernsehen zu sehen war? Er hat nur Golf gespielt, mit Handicap 1, und 2003 wurde er Assistenztrainer - bei der zweiten Mannschaft von Ajax.

Bis ihn im Juli 2004 Johan Cruyff aus dem Nichts inthronisierte?

Ja, Cruyff hat van Basten als Nachfolger von Advocaat vorgeschlagen, den wirklich keiner mehr sehen wollte. Van Basten ist zu Cruyff nach Barcelona gefahren, und dann war das Thema durch. Seinen Trainerstab stellte er aus lauter Ajax-Kumpeln zusammen. Und das erste, was er sagte, war: Kein Spieler hat seinen Platz sicher. Bumm, bumm, bumm. Van Basten ist selbst der größte Name, er steht über allen. Selbst Ruud van Nistelrooy wagt nicht, sich zu beklagen, wenn er ausgewechselt wird. Alle haben viel zu viel Respekt vor Marco.

16 Debütanten hat van Basten in seinem ersten Jahr eingesetzt. Selbst Klinsmann kommt nur auf neun.

Und das in einer laufenden Qualifikation - Wahnsinn. Aber es hat funktioniert, die meisten Jungen haben sich durchgesetzt. Wir sind Tabellenführer unserer Gruppe, es sieht für die WM sehr gut aus. Von seinen ersten elf Spielen hat van Basten nicht ein einziges verloren, das hat kein anderer Bondscoach vor ihm geschafft.

Gibt es schon einen van-Basten-Stil?

Er liebt den einfachen Fußball. Deswegen hat er wieder das klassische holländische System eingeführt: 4-3-3, mit zwei Flügelstürmern. Das haben alle Spieler in ihrer Jugend gelernt, Superleute wie Arjen Robben von Chelsea oder Arsenals Robin van Persie sind dafür wie geschaffen. Van Basten lässt nach vorne spielen. Ich habe das nicht erwartet, denn er hatte doch beim AC Milan die größten Erfolge gehabt, mit einer ganz starken Defensive. Trotzdem sagt er: Das Wichtigste ist, dass meine Jungs Spaß haben.

In van Bastens Vertrag steht angeblich, er müsse offensiv und dominant spielen lassen.

Wirklich? Wenn das so ist, dann hat er ihn noch nicht erfüllt, da waren auch langweilige Spiele dabei. Aber die Journalisten in Holland sind ein bisschen lieber als bei Euch, die schreiben das nicht. Und er hatte manchmal auch Glück.

Fortune heißt das bei großen Trainern.

Ja, aber ist er das schon, ein großer Trainer? Es ist wie bei Klinsmann: Man weiß es nicht. Marco war ein überragender Spieler, er ist in Holland unglaublich populär, weil er so normal ist. Er verschwendet keine Energie, indem er sich mit Kritikern anlegt, er ist sehr souverän, sehr freundlich, ganz abgeklärt. Er verkauft sich und die Mannschaft sehr gut.

Hat van Basten vielleicht dieselben Bücher gelesen wie Klinsmann?

Das ist doch keine Masche. Die beiden leben ihre Philosophie ja vor. Sie haben den Mut, ihren Anspruch auf dem Platz umzusetzen. Offenbar ist das heute so bei ganz großen Spielern, wenn sie Trainer werden: Sie waren zwar in der Hochschule des Fußballs, sind unerreichbare Größen, und man könnte meinen, die müssten komisch komplizierte Sachen machen und ihre Spieler unglaublich unter Druck setzen. Aber das Gegenteil ist der Fall.

Gibt es denn gar keine Unterschiede? Van Basten hat doch nicht etwa auch Fitnesstrainer aus den USA verpflichtet?

Nein, das nicht. Aber... Am Anfang hatte er auch einen Psychologen dabei. Nach drei Spielen hieß es dann, das bringt uns nicht so viel.

Die Deutschen entdecken dieses Thema gerade für sich. Sehr aufregend für manche.

Ich muss aufpassen, was ich sage - ich mache nämlich gerade in Köln meinen Trainerschein. Es ist unglaublich, wie viele Leute mich dort ansprechen: Wie macht Ihr das denn in Holland, bei uns in Deutschland rennen alle nur, bei Euch ist ja alles super.

Und: Ist es das?

Eben nicht. Alle schwärmen von der Holland-Schule. Dabei ist die deutsche Schule viel besser. Ich bin sehr beeindruckt von der Talentförderung. Die Jungen ackern nicht mehr, die sind die ganze Zeit am Ball. Ich habe 12-, 13-Jährige gesehen, die können alles, die sind phantastisch. Wartet noch fünf, sechs Jahre, dann habt Ihr wieder viele Riesenspieler.

Die Heim-WM ist leider schon nächstes Jahr.

Aber die deutsche Mannschaft hat sich doch im letzten halben Jahr bereits enorm verbessert. Wie Podolski und Schweinsteiger kombiniert haben beim Confed-Cup, das waren Spielzüge, die hat man lange nicht mehr gesehen. Es ist schon viel passiert, und bis zum nächsten Jahr wird noch viel passieren.

Hat van Basten vielleicht dieselben Bücher gelesen wie Klinsmann?

Das ist doch keine Masche. Die beiden leben ihre Philosophie ja vor. Sie haben den Mut, ihren Anspruch auf dem Platz umzusetzen. Offenbar ist das heute so bei ganz großen Spielern, wenn sie Trainer werden: Sie waren zwar in der Hochschule des Fußballs, sind unerreichbare Größen, und man könnte meinen, die müssten komisch komplizierte Sachen machen und ihre Spieler unglaublich unter Druck setzen. Aber das Gegenteil ist der Fall.

Gibt es denn gar keine Unterschiede? Van Basten hat doch nicht etwa auch Fitnesstrainer aus den USA verpflichtet?

Nein, das nicht. Aber... Am Anfang hatte er auch einen Psychologen dabei. Nach drei Spielen hieß es dann, das bringt uns nicht so viel.

Die Deutschen entdecken dieses Thema gerade für sich. Sehr aufregend für manche.

Ich muss aufpassen, was ich sage - ich mache nämlich gerade in Köln meinen Trainerschein. Es ist unglaublich, wie viele Leute mich dort ansprechen: Wie macht Ihr das denn in Holland, bei uns in Deutschland rennen alle nur, bei Euch ist ja alles super.

Und: Ist es das?

Eben nicht. Alle schwärmen von der Holland-Schule. Dabei ist die deutsche Schule viel besser. Ich bin sehr beeindruckt von der Talentförderung. Die Jungen ackern nicht mehr, die sind die ganze Zeit am Ball. Ich habe 12-, 13-Jährige gesehen, die können alles, die sind phantastisch. Wartet noch fünf, sechs Jahre, dann habt Ihr wieder viele Riesenspieler.

Die Heim-WM ist leider schon nächstes Jahr.

Aber die deutsche Mannschaft hat sich doch im letzten halben Jahr bereits enorm verbessert. Wie Podolski und Schweinsteiger kombiniert haben beim Confed-Cup, das waren Spielzüge, die hat man lange nicht mehr gesehen. Es ist schon viel passiert, und bis zum nächsten Jahr wird noch viel passieren.

Die Niederlande kann zur Not auf Routiniers zurückgreifen. Aber reicht den Deutschen die Zeit zur Reife?

Ihr habt eine Stärke, neben dem Heimvorteil. Ihr wisst, wie man regeneriert. Deswegen hat Deutschland auch so oft eine gute WM gespielt: Eure Jungs sind einfach fit, da kann Klinsmann noch so oft klagen. Ich sehe das bei dem jungen Rafael van der Vaart, der jetzt in Hamburg spielt. Der hat richtig abtrainiert, der sieht wahnsinnig gut aus. Bei Ajax hatte er sich die letzten zwei Jahre zurückgelehnt. Der ist lieber faul als müde. Auf dem Platz ist das gut, er hat viele Ideen. Aber er ist deshalb noch kein großer Star in Holland.

Wirklich nicht? Die Bundesliga ist ganz stolz auf ihren neuen Supermann.

Ich habe manchmal den Eindruck, Ihr macht unsere Spieler größer als sie sind. Warum? Nur weil sie aus Holland kommen? Ihr habt Ballack, das ist ein Star! Manchmal habt Ihr Deutschen zuwenig Selbstbewusstsein. Ihr seid dreimal Weltmeister geworden und habt trotzdem irgendwann beschlossen: Das mit den Tugenden Kraft und Wille ist uns ab sofort peinlich. Dabei seid Ihr nur so gefährlich. So wie beim letzten Spiel gegen Holland, beim 1 : 1 in Porto, EM 2004. Das war ein Willensspiel. Das war ganz kurz noch mal das alte Deutschland, das von früher.

Und wie geht's aus zwischen dem neuen Holland und dem neuen Deutschland?

Ich tippe... Ja, 1 : 1. Oder? Nee, schreiben Sie: Holland gewinnt 5 : 0. Und dann in Klammern: Mulder lacht.

Rüdiger Barth / print

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