GESPERRT! Robert Enke Rückhalt ohne Pose


Die WM-Qualifikation beginnt, das deutsche Tor sucht die neue Nummer 1. Derzeit aussichtsreichster Kandidat ist Robert Enke. Der Schlussmann von Hannover 96 hat eine bizarre Karriere hinter sich - und musste privat einen schweren Schicksalsschlag meistern.
Von Ronald Reng

Am Abend hat er eine halbe Stunde Zeit, laut zu träumen. Der Verkehr auf der Bundesstraße 6 von Hannover nach Neustadt am Rübenberge fließt zäh dahin, er kann das Auto laufen lassen, ohne sich auf die Fahrt konzentrieren zu müssen. Er redet vom nächsten Länderspiel, wie es wohl werden wird, er erzählt von Fahrten mit der S-Bahn zum Training, ab und an nimmt er den Zug noch immer, warum nicht auch als Nationaltorwart, die Verbindung ist gut. Die Gedanken springen. Irgendwann landen sie im Herbst 1996.

Robert Enke ist 19 in jenem Jahr. Bei Borussia Mönchengladbach darf er erstmals mit den Profis trainieren. Er soll sich mit dem ersten Torwart, Uwe Kamps, aufwärmen. Kamps trägt goldene Ohrringe, Sonnenstudiobräune, bäuchlings liegen sich die beiden Torhüter im Gras gegenüber und werfen sich den Ball zu, so geht es Minuten, Enke denkt, es reicht doch längst, es ist doch nur Aufwärmen, aber am nächsten Tag wie an allen Tagen ist es dasselbe Spiel, und irgendwann begreift er: Kamps wird nie aufhören. Er will ihn, Enke, den neuen Rivalen, aufgeben sehen; er will das Gefühl haben, ihn zu besiegen, in der kleinsten Aufwärmübung, jeden Tag.

An diesem Abend, auf dem Heimweg vom Training mit seinem Verein Hannover 96, lacht Enke über die Erinnerung, nicht ohne Zuneigung für Kamps, was für ein Typ. Damals hat Enke gedacht, ein Fußballtorwart müsse so sein; auch er.

Große Tradition, starke Konkurrenz

Der Torwart als einsamer Kämpfer, grimmig und zum Äußersten entschlossen in seiner totalen Isolation, ist längst eine deutsche Heldenfigur, zuletzt kultiviert von Oliver Kahn und Jens Lehmann. Nun wird in der Heimat des Mythos nach Lehmanns Abtritt die neue Nummer eins gesucht, Robert Enke konkurriert mit den viel jüngeren René Adler aus Leverkusen und Manuel Neuer von Schalke. Weil beide derzeit verletzt sind, dürfte der Anfang Enke alleine gehören, in den WM-Qualifikationsspielen dieser Woche in Liechtenstein und Finnland. "Das ist meine Chance vorzulegen", sagt er. Kräftigere Worte benutzt er nicht. "Ich werde nie öffentlich sagen, der ist schlechter als ich, oder sonstwie versuchen, einen Kollegen kaputt zu machen, um die Nummer eins zu werden. Ich weiß, was Respekt ist."

So vernünftig klangen deutsche Nationaltorhüter selten. Sepp Maier gab den Clown, dann kamen die 80er mit Rambo im Kino und Toni Schumacher im Tor, der noch locker Kaugummi kaute, als er dem Franzosen Battiston die Zähne ausgetreten hatte. Es folgte Bodo Illgner, der war ruhig, aber man sah ihn kaum hinter seiner schrillen Frau, und schon bald war man bei Kahn und Lehmann. Mit diesen schillernden Ahnen vergleichen die Leute Enke und reden: Er sei blass, er spiele bei Hannover, das klinge doch schon so: nichtssagend. Diese Leute verwechseln Ausstrahlung mit großer Klappe. Denn Robert Enke, 31 Jahre, ist auf seine Art die außergewöhnlichste Persönlichkeit, die seit Langem im deutschen Tor steht. Er war ein überwältigendes Talent mit 20 und ein vergessenes Talent mit 26, arbeitslos, gehetzt. Und er hat erfahren müssen, dass die schlimmsten Erlebnisse einen Menschen immer mehr prägen als die schönsten.

Vom Autoschlüssel im Zündschloss baumelt ein Anhänger. Darin steckt ein Foto seiner Tochter Lara, des einzigen Kindes. Sie wurde mit einem schweren Herzfehler geboren. Sie überstand drei Operationen auf Leben und Tod. Am 17. September 2006, kurz nach ihrem zweiten Geburtstag, starb sie, nach einem vergleichsweise leichten Eingriff am Ohr. Er rede gern von Lara, sagt Enke. "Gestern habe ich wieder einige Fotos von ihr angeschaut. Auf jedem zweiten Bild hat sie gelacht. Sie war ein fröhliches, tapferes Kind." Sie hat ihm etwas beigebracht, er will es nicht vergessen: "Ich will den Fußball gar nicht kleinreden, er ist mir sehr wichtig, ich bin sehr ehrgeizig. Aber am Ende ist es doch immer nur Fußball."

Das Kapitel Südeuropa

Robert Enke macht sein erstes Profi- Spiel vor dem Abitur, mit 17. Unterläuft ihm ein Fehler, martert ihn die Erinnerung die ganze Woche. Er wird erster Torwart in Mönchengladbach, er wechselt zu Benfica Lissabon, mit 23 ist er dort Kapitän, ein Star in Portugal. Einmal, im Februar 2002, geht er mit Teresa, seiner Frau, in Estoril spazieren, als sich ihnen ein Mann in den Weg stellt. Im ersten Moment sieht der wie ein verrückter Exhibitionist aus mit seinem Mantel und den wild in der Luft rudernden Armen. Dann wird klar, er will in seiner Begeisterung nur den Torwart bei einer Parade imitieren. Doch Enke ist zu angespannt, um über den Mann zu lachen. Er will weg; mehr, weiter. "Damals habe ich geredet, wie alle Profis reden, damals habe ich gemacht, was alle machen. Ich bin zum Beispiel hauptsächlich des Geldes wegen nach Lissabon."

Er schließt am Rübenberge die Haustüre auf, und es gibt einen großen Empfang. Ein halbes Dutzend Hunde springt bellend um ihn herum. Teresa hat sie in ihrer Zeit in Südeuropa von der Straße und aus Tierheimen aufgelesen. Neun sind es mittlerweile. "Nicht so wild, Vincent", sagt Teresa zu einem, und zur Erklärung: "Er hat es an der Bandscheibe." Sie besitzt ein ansteckendes Lachen. Die Kinder aus dem Dorf kommen oft einfach so bei ihr vorbei.

Sie war selbst Sportlerin, Moderne Fünfkämpferin, sie lebt die Freuden und auch die Ängste eines Torwarts mit. Nur einmal in seiner Karriere hat Enke sie nicht an seiner Seite, im Frühjahr 2004 auf Teneriffa. Sie ist schwanger, sie haben die Hunde, sie denken, ein Umzug lohnt sich nicht, er wird doch nur ein paar Monate dort sein; hoffentlich. Es ist, objektiv gesehen, die unwichtigste Station seiner Karriere, CD Teneriffa, 2. Liga. Subjektiv gesehen ist es der entscheidende Moment. Robert Enke, der mehr wollte, war beim großen FC Barcelona Ersatz geblieben, zu Fenerbahçe Istanbul abgeschoben worden und nach nur einem Spiel aus der Türkei geflüchtet, wegen eines Gefühls: Er werde sich diesen Istanbuler Fanatismus nicht antun. "Viele haben gesagt, der Enke hat sie nicht mehr alle", sagt er, "klar, das kann man so sehen." Nach einem halben Jahr Arbeitslosigkeit blieb nur Teneriffa: zweitklassig, auf einer Ferieninsel vor Afrika.

Damit hat er für die Fußballszene aufgehört zu existieren. Peter Greiber, ein befreundeter Torwarttrainer, liest im "Kicker" von einem 1:0-Sieg Teneriffas und schickt ihm eine SMS: "Klasse, zu null gespielt." Enke schreibt zurück: "Danke. Leider stand ich gar nicht im Tor." Er ist zunächst selbst in der 2. Liga Ersatz. Man traut ihm nicht mehr, einem, der wegen eines Gefühls kündigte, der Monate ohne Praxis war. Sein Agent ruft an, Mensch, das kann nicht sein, du musst Druck machen! Robert Enke sagt nur, das werde schon. Dem Torwart, dessen Platz er sich holen muss, schenkt er fünf Paar Torwarthandschuhe. Etwas hat sich verändert. Er ist so fleißig und zielstrebig wie eh. Aber es ist, als ob all die Rastlosigkeit und Engstirnigkeit, die mit diesem Beruf kommt, bei ihm in dem Jahr zwischen Barcelona und Arbeitslosigkeit aufgezehrt wurde. "Einfach das Gefühl, wieder zu einer Mannschaft zu gehören, war wunderbar; das Gefühl nach einer Parade im Training, wenn du spürst, für irgendjemanden ist es wichtig, was du machst, und wenn es nur für die drei Rentner hinter dem Tor war." Nach zwei Monaten verletzt sich der Torwart mit den geschenkten Robert-Enke-Handschuhen, Enke darf ran. Er spielt, getragen von einer stillen, glühenden Freude. "Teneriffa", sagt er, "war mein Kururlaub."

Steigende Anerkennung

Aus heutiger Sicht lässt sich leicht sagen: Als ihn 2004 Hannover 96 aus dem Fußballexil zurück auf die Bühne holte, war klar, er würde, als Torwart neu geboren, eine Offenbarung sein. "Na ja", sagt er, "ich hätte leicht in der 2. Liga stecken bleiben können, ohne ein schlechterer Torwart zu sein, als ich es heute bin." Enke war lange, was Briten einen "Torhüters Torhüter" nennen: Ein Torwart, der von Kollegen gerade deshalb verehrt wird, weil die Massen seinen Wert nicht genügend erkennen. Er hat alles, explosive Sprungkraft, blitzende Reflexe, sichere Hände. Er macht daraus trotzdem keine Schau. Während die Nation 2006 noch über Kahn debattiert, wählen die Konkurrenten Enke bereits zum besten Bundesligatorwart.

In der Zeitung steht in jener Zeit, er spiele trotz der Sorgen um seine Tochter exzellent. Aber spielt er nicht eher dank Lara famos? "Fußball wurde eine wunderbare Ablenkung, im Prinzip war es Erholung." Lara liegt das erste halbe Jahr auf der Intensivstation, Enke lebt zwischen Klinik und Sportplatz. Weihnachten verbringen sie in der Krankenhauskantine, solche Details vergisst man nie: Es gab Lachs. Und auf einmal stürzt alles zusammen. "Wir haben sie alle überschätzt", sagt er. Nach den geglückten Herzoperationen dachten sie, Lara sei so stark, der Eingriff am Ohr könne kein Problem werden.

Der Fußball nimmt keine Rücksicht, Bundesliga ist immer, auch nach Laras Tod im Herbst 2006. Er zwingt sich, sechs Tage danach, zu spielen, "ich wusste, je länger ich es herausschiebe, desto schwieriger wird es zurückzukehren". Er spielt innerlich taub. Die Zuschauer sehen einen starken Torwart. Nur er registriert durch eine Wand, wie er einige kleine Fehler macht. Er denkt, wer es wirklich schlimm hat, ist Teresa, "sie hatte kein Fußballspiel, in dem sie für 90 Minuten abtauchen konnte".

In ihrem Haus haben sie viele Fotos von Lara aufgehängt. Sie wollen sich an die schönen Momente erinnern, und natürlich gelingt es nicht an jedem Tag. Als er im Sommer 2007 ein Angebot vom damaligen Deutschen Meister VfB Stuttgart erhält, denken sie daran zu gehen, auch, um den Schmerz zurückzulassen. "Aber am Ende hätte das bedeutet wegzulaufen." Sie bleiben in Hannover, auch, "weil Laras Grab hier ist", aber vor allem, weil Robert Enke etwas verstanden hat in seiner Karriere und durch Lara: "Fußball verleitet dazu, immer weiter zu wollen, zu einem größeren Klub, mehr Erfolg, mehr Geld. Ich habe gelernt, dankbar zu sein für das, was man hat." Er glaubt, dass er nicht vergessen darf, dass ihn 96 aus Teneriffa rettete, als niemand mehr nach ihm fragte, dass sich 96 finanziell mächtig für ihn streckte, dass ihn die Fans als Liebling behandeln. Er glaubt, dass, auch für einen Torwart, Demut kein schlechter Wesenszug ist.

Warum wechseln?

Die Leute verstehen das nicht. Ein Nationaltorhüter könne nicht bei Hannover spielen, im Mittelmaß, er brauche die Härte der Champions League. "Manchmal, wenn wir wieder drei Tore bekommen haben, zweifele ich kurz selbst", sagt er. Letztendlich ist er Profi, kein Idealist. Sollte er spüren, 96 stehe seinem Fortkommen im Weg, wird er gehen. Doch dann sagt er lachend: "Der Bundestrainer hat mir nicht ans Herz gelegt, ich müsse den Verein wechseln." Später am Abend wird ein Pokalspiel übertragen. Er verpasst einen Torschuss, weil der andere Torwart im Hause Enke eingreift. Chispa, eine der zwei Katzen, die mit den neun Hunden leben, jagt mit der Pfote den Ball im Fernsehen.

Er muss noch mal an Uwe Kamps denken, seinen Kollegen in Mönchengladbach: wie der auch beim Hin- und Herschießen zum Aufwärmen immer fester schoss, der einen Wettkampf daraus machte, fester, fester, wer den Ball zuerst fallen ließ. "Also, heute könnte ich auch einen Kollegen mit Psychospielchen aus der Ruhe bringen." Er? Und wie würde er das machen? "Ich könnte ein kaltes Lächeln aufsetzen, wenn er im Training ein Tor kassiert." Und Enke lächelt, nicht kalt, sondern unbeschwert, weil es ihm selbst absurd vorkommt.

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