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Schicksalsspiel gegen Frankreich: Vier Gründe, warum Löw bei einer Niederlage zurücktreten sollte

Der Rumpel-Fußball der WM setzt sich in der Nations League fort, die Mannschaft ist verunsichert und der Bundestrainer wirkt ratlos. Es gibt gute Gründe, warum Joachim Löw im Fall einer Niederlage gegen Frankreich zurücktreten sollte.

Joachim Löw beim Training im Stade de France

Joachim Löw wandelt beim Training im Stade de France auf dem Platz. Vielleicht ist hier der Ort, an dem sich sein Schicksal entscheidet

DPA

Es ist seine erste große Krise, und das erst im 13. Amtsjahr. Das muss man als Fußball-Trainer, zumal als Coach der Nationalelf, erst mal schaffen. Wer so lange und erfolgreich arbeitet inklusive Weltmeister-Titel, darf zu Recht stolz sein auf sein Werk. Joachim Löw weiß das nur zu genau. Er hat nach dem Gewinn des WM-Titels vor vier Jahren im Maracana-Stadion in Rio de Janeiro die Rolle sichtlich genossen, nach Sepp Herberger, Helmut Schön und Franz Beckenbauer der vierte Weltmeister-Trainer des Landes zu sein.

Mit dem Holland-Spiel hat er 168 Partien als Bundestrainer absolviert - damit ist er alleiniger Rekordhalter. Herberger kam in seinen 22 Dienstjahren auf 167 Spiele (damals gab es weder eine Europameisterschaft noch die Nations League).

Die beeindruckende Zahl und die zurückliegenden Erfolge werden Löw aber nicht helfen, wenn es am Dienstagabend eine ähnlich schwere Pleite geben sollte wie beim 0:3 gegen die Niederlande. Der Druck auf den DFB und Präsident Reinhard Grindel würden in diesem negativen Szenario so groß werden, dass sich ein Rücktritt des Bundestrainers kaum vermeiden ließe, auch wenn Löw sich selbst weiterhin für den richtigen Mann hält und der Verband keinen Nachfolger parat hat.

Doch es sind nicht nur der Druck von außen und die hohe Anspruchshaltung an die deutsche Nationalelf, die in diesem Fall für ein Ende der Ära sprächen, sondern auch die offensichtlichen Fehler, die der 58-Jährige im vergangenen Jahr gemacht hat. 

1. Löw hat die Krise der Nationalelf zu spät erkannt und sie durch Arroganz selbst verstärkt

Seit November 2017 hat die Nationalelf gerade mal drei Spiele gewonnen. Die Besiegten hießen Saudi-Arabien, Schweden und Peru. Seit diesem Zeitpunkt sind die sportlichen Probleme bekannt, die der Nationalelf zu schaffen machen: Eine wacklige Defensive, Ballverluste in der Vorwärtsbewegung, Ideenlosigkeit in der Offensive und mangelnde Chancenverwertung. Löw hat geglaubt, dass seine Weltmeister-Spieler, die bei der WM das Gerüst der Mannschaft gestellt haben, es schon richten werden, wenn es erst mal ernst wird. Er war so sehr von der Qualität des Teams überzeugt, dass er im mittlerweile berüchtigten ersten WM-Spiel gegen Mexiko auf Marco Reus verzichtete, weil er ihn für schwere Gegner schonen wollte. Taktisch setzte Löw weiter auf den Dominanz- und Ballbesitz-Fußball, der bei der WM unzeitgemäß wirkte.

2. Löw hat auf die grundlegenden sportlichen Probleme weiterhin keine Antwort

Löw räumte nach der WM ein, dass sein Verhalten arrogant gewesen sei. Das Geständnis wurde allgemein positiv bewertet, aber gebracht hat es bislang rein gar nichts. Löw hat auf die grundlegenden sportlichen Probleme weiterhin keine Antwort. Das hat die Niederlage gegen Holland auf schmerzhafte Weise verdeutlicht. Das respektable 0:0 gegen Frankreich und der knappe Sieg gegen Peru zuvor haben die bekannten Mängel nur kurzzeitig verdeckt. Fairerweise darf man nicht außer Acht lassen, dass aktuell mit Reus und Gündogan zwei hochklassige Spieler und mit Kai Havertz und Leon Goretzka zwei große Talente verletzt fehlen. Doch es ist zweifelhaft, ob es mit ihnen in Amsterdam besser gelaufen wäre. Löw hat noch keine feste Formation gefunden und muss experimentieren.

3. Löw hat das Leistungsprinzip zu oft außer Kraft gesetzt

Schon vor der WM entzündete sich eine Debatte darüber, ob Manuel Neuer als Nummer eins mitfahren sollte. Neuer hatte nahezu die komplette Saison wegen seines Fußbruches gefehlt. Er wurde gerade rechtzeitig zur WM fit und absolvierte die Testspiele gegen Österreich und Saudi-Arabien. Löw ging damit nicht nur sportlich ein hohes Risiko ein (es hatte aber keine Auswirkungen, Neuer spielte solide), sondern die Entscheidung war für die Nummer zwei, Marc-André ter Stegen, ein herber Dämpfer, denn nach allen Regeln des Fußballs hätte er spielen müssen. Und noch schlimmer: Löw signalisierte den jüngeren Spielern damit: Das Leistungsprinzip ist teilweise komplett ausgesetzt. Die Weltmeister von 2014 genießen einen Bonus - das dürfte sich negativ auf die Stimmung in der Mannschaft ausgewirkt haben.

Auch nach der WM setzt Löw auf die übrig gebliebene Weltmeister-Achse (ohne Khedira und Özil) Neuer, Boateng, Hummels, Kroos und Müller, obwohl diese Spieler ihren Leistungszenit aktuell aus verschiedenen Gründen nicht erreichen. Die Weltmeister von 2014 stehen einem echten Neuanfang im Weg. Es ist zwar richtig, dass die Jungen teilweise nicht so weit sind wie die Alten es mal waren, aber auch das kann man kommunizieren. Wer einen echten Neuanfang wagt, dem wird man Rückschläge verzeihen. 

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4. Löw hat keine Aufbruchstimmung erzeugt

Das Festhalten an den Weltmeistern erzeugt nach der desolaten WM keine Aufbruchstimmung. Äußerungen und Andeutungen einiger junger Spieler wie Joshua Kimmich oder Julian Draxler deuten darauf hin, dass es zwei Lager in der Mannschaft gibt: die Jungen und die alten Platzhirsche, die ihren Platz nicht räumen wollen. Das betrifft auch den Blick auf die aktuelle Situation, der unterschiedlicher gar nicht sein kann. Das beweisen die Aussagen von Mats Hummels und Julian Draxler nach der Niederlage gegen Holland. Unterschiedlicher kann man ein Spiel nicht bewerten. Hummels sagte: "Wir haben drei Situationen, wo wir frei vor dem Tor stehen, aber wir schießen den Ball momentan selten ins Tor. (...). Ich glaube nicht, dass man uns viel vorwerfen kann. Das große Ganze, die Spielanlage, die Einstellung ist nicht schlecht im Moment." Draxler sagte: "Wenn wir sagen würden, wir machen alles richtig, aber treffen das Tor nicht, wäre das gelogen. Wir sind zu harmlos, haben zu wenige Überraschungsmomente, das muss sich ändern und besser werden."

Spannend wird sein, auf wen Löw im so wichtigen Spiel gegen Frankreich setzt. Boateng ist angeschlagen abgereist und Müller dürfte die Bank drohen. Für sie werden wahrscheinlich Niklas Süle und Julian Brandt zum Einsatz kommen. Leroy Sané könnte Timo Werner ersetzen. Für Außenverteidiger Jonas Hector wird möglicherweise der Hoffenheimer Nico Schulz auflaufen. Auch das ist berechtigt. Löw hat viel zu lange auf den langsamen Kölner gesetzt. Die Weltmeister-Achse wäre in Paris dann auf Neuer, Hummels und Kroos geschrumpft. 

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