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Nationalmannschaft: Löw macht den Sensenmann

Still und heimlich werden die Hierarchien im DFB-Team aufgebrochen. Hatten vor kurzem noch Lehmann, Metzelder, Frings und Ballack das Sagen, ist gut möglich, dass Mittwoch im WM-Qualifikationsspiel gegen Wales niemand von ihnen mehr mitspielt.

Von Frank Hellmann, Düsseldorf

Es ist besser, diesen Mann nicht anzusprechen, wenn er schlechte Laune hat. Dann ist er garstig und grantig, ungenieß- und unberechenbar. Ständige Begleiter von Torsten Frings wissen das. In einer schon legendären Dortmunder Herbstnacht am vergangenen Samstag hat niemand unter der Haupttribüne der gewaltigen Arena auch nur den Versuch unternommen, den 31-Jährigen zu stoppen. Frings wollte nur flugs in den Luxusbus, dessen Betreten bekanntlich Kevin Kuranyi für immer verweigert hatte. Wort- und grußlos hetzte als einer der ersten der 78-fache Nationalspieler Frings in den Bus und suchte die Abgeschiedenheit hinter den abgedunkelten Scheiben. Das tun solche Fußballprofis zumeist, wenn sie schmerzliche Niederlagen haben.

Doch die deutsche Nationalmannschaft hatte an diesem Abend in einem berauschenden WM-Qualifikationsspiel gegen Russland 2:1 gewonnen, und Frings hatte immerhin ein paar Minuten mitgewirkt. Doch für ihn war der Kurzeinsatz eine ganz persönliche Niederlage. Denn spätestens am Spieltag wurde Werder Bremens Nummer 22, seiner Lieblingszahl, auf der gepolsterten Ersatzbank neben seinem Klubkollegen Clemens Fritz gewahr, was sich zuvor in den Trainingseinheiten angedeutet hatte. Bundestrainer Joachim Löw bricht heimlich, still und leise die alten Hierarchien auf, die noch bei der Europameisterschaft galten.

Braucht die DFB-Elf Torsten Frings?

Jens Lehmann ist zu alt - und zum Rücktritt bewegt worden. Christoph Metzelder ist zu langsam - und gar nicht mehr nominiert. Michael Ballack ist mal wieder angeschlagen - nach einem Tritt des Juri Schirkow schmerzt nicht zum ersten Male die rechte Wade. "Wir kennen sein Problem", sagt Oliver Bierhoff. "Wir arbeiten die ganze Zeit dran." Ausgerechnet der Teammanager, der mit dem Kapitän zuletzt ziemlich quer lag, betont die Bedeutung Ballacks, "da hängt viel dran, es fällt nach dem Russland-Spiel nicht schwer, sportlich ein Ballack-Fan zu sein." Hört, hört. Die Physiotherapeuten versuchen den 32-jährigen Schlüsselspieler für das WM-Qualifikationsspiel am Mittwoch in Mönchengladbach gegen Wales (20.45 Uhr/live ZDF) fit zu machen. Nur ein "hundertprozentig einsetzbarer Ballack", so Bierhoff, solle spielen, "wir brauchen hundert Prozent Einsatz, wir werden die Waliser nicht im Vorbeigehen schlagen."

Braucht die DFB-Auswahl dabei aber auch Torsten Frings? Der 78-fache Nationalspieler ist vom unumstrittenen Stammspieler zum austauschbaren Kadermitglied degradiert worden. An seiner Stelle spielte Thomas Hitzlsperger. Nicht überragend, aber engagiert und konzentriert. "Ich bin froh, dass ich den Vorzug bekam. Es gibt keine Einsatzgarantien mehr", erklärt der 26-Jährige selbstbewusst, "wir haben uns weiterentwickelt - der andere mehr, der andere weniger." Musterschüler Hitzlsperger zählt sich zur ersten Kategorie. Löw lobt die Handlungsschnelligkeit des Mittelfeldspielers vom VfB Stuttgart und dessen Passqualitäten. Weil der Badener weiß, wie empfindlich aber der langmähnige Konkurrent aus dem hohen Norden ist, beeilt sich der 48-Jährige stets mit der Feststellung: "Ich hätte genauso gut Torsten Frings oder Simon Rolfes aufstellen können. Die Entscheidung ist mir schwer gefallen." Man kann, man muss das aber nicht glauben.

Wenn Löw und sein Trainerstab, allen voran die akribisch-analytisch arbeitende Scouting-Abteilung um Urs Siegenthaler zuletzt in Bundesliga und Champions League genau hingeschaut haben, dann wird auch beim DFB angekommen sein, dass Frings sich bei Werder nicht mehr in der Form der Vorjahre befindet. Nach drei Knieoperationen 2007 fehlt ihm ein Stück Dynamik, nach dem Rippen- und Nasenbeinbruch 2008 noch ein Teil jener Entschlossenheit, die ihm einst zum gefürchteten deutschen Kraft- und Powerpaket gemacht haben. Vor allem an ihm bissen sich ja 2006 im WM-Viertelfinale die spielstarken Argentinier die Zähne aus. Mit Verlaub: Dieser Verfassung hechelt Frings, der am 22. November 32 Jahre alt wird, seit einiger Zeit hinterher.

"Ich fühle mich gut, ich bin gut drauf", entgegnet der Spieler auf solche Vorhaltungen. Nach seinem Selbstverständnis sieht sich Frings noch immer als den besten in Deutschland im zentralen defensiven Mittelfeld. "Ich habe über Jahr bewiesen, dass ich auf dieser Position einer sehr guter Spieler bin. Und ich habe oft genug gezeigt, dass man sich auf mich verlassen kann." Und die forschen Ansprüche der Rivalen Hitzlsperger und Rolfes konterte der Platzhirsch vergangene Woche mit den Worten: "Da muss mal was kommen, nicht nur durchs Reden." Mit der Folge, dass Frings raus und Hitzlsperger rein rotierte.

Auch Allofs zeigt sich leicht verwundert

Vielleicht war es deshalb ganz ratsam, dass der Führungsspieler seinen Frust nach dem Russland-Spiel für sich behalten und geschwiegen hat. Fällt Ballack wirklich aus, wird Frings sicher gebraucht, denn wenn Löw stattdessen Rolfes und Hitzlsperger - wie gegen Liechtenstein und Finnland - spielen lassen würde - der Affront gegenüber Frings wäre riesengroß. Wohlweislich hatte Löw seine Nummer acht schon am Montag wieder über Gebühr gelobt. "Ich habe mit ihm am Freitagabend gesprochen, da war er sehr enttäuscht. Aber er hat eine sehr gute Reaktion gezeigt. Ich schätze ihn über alle Maßen, er hat eine unglaubliche Leidenschaft für den Fußball, Einsatz und Power. Ich weiß, dass Torsten Frings nach wie vor ein wichtiger Spieler ist."

Und doch ist aus ihm ein Wackelkandidat geworden, was auch in seinem Verein mit gewisser Verwunderung registriert wird. "Das ist schon überraschend für mich. Wenn Torsten nach Bremen zurückkommt, muss man hören, was da los war", ließ sich Klaus Allofs aus Bremen zitieren. Auch Werders Sportdirektor ahnt nämlich, dass bei der deutschen Nationalmannschaft ein Umbruch in Gange ist, der Arrivierten wie eben Frings schneller als gedacht überflüssig macht.

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