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Nationalmannschaft: Neue Trikots, alte Sorgen

Riesenbegeisterung beim Training in Köln, aber trübe Aussichten für den Ernstfall in Paris: Ausgerechnet jetzt platzt Jürgen Klinsmanns fest eingeplanter Härtetest für die Innenverteidigung: Christoph Metzelder fällt aus.

Christoph Metzelder, der nach zweieinhalbjähriger Abstinenz gerade erst beim 1:0 gegen China ein verheißungsvolles Comeback in der Fußball-Nationalmannschaft gegeben hatte, fällt beim Jahresabschluss am Samstag (21.00 Uhr/ZDF) gegen Frankreich wegen anhaltender Rückenbeschwerden aus.

Während Klinsmann mit einer Abordnung von Spielern vom DFB- Ausrüster "adidas" am Mittwoch in einer pompösen Präsentation im goldenen Konfettiregen die neue WM-Spielkleidung in Empfang nahm, erhielt der Verteidiger nach einer Kernspin-Untersuchung in der Uniklinik Bochum die bittere Diagnose: Eine Bandscheibenvorwölbung ist Ursache für die Probleme, die den 25-jährigen Dortmunder bereits seit zwei Wochen zur Pause verurteilen. Schon am Abend war er nicht mit von der Partie, als die noch verbliebenen 20 Nationalspieler vor knapp 20 000 Zuschauern im Kölner RheinEnergie-Stadion letztmals in diesem Jahr öffentlich trainierten. Nie zuvor gab es eine so große Fan-Kulisse bei einer Übungseinheit der DFB-Auswahl.

Angeblich "kein Beinbruch"

Klinsmann konnte die Begeisterung allerdings nicht über den Ausfall von Metzelder hinwegtrösten. "Das ist sehr schade für ihn und auch für uns, aber es ist kein Beinbruch", erklärte er mit einem gequälten Lächeln. Denn eigentlich wollte er seine WM-Hoffnungsträger Metzelder und Per Mertesacker nach dem Probelauf gegen die nicht für die WM qualifizierten Chinesen nun gegen das französische Weltklasse- Sturmduo Thierry Henry und David Trezeguet einer echten Prüfung unterziehen. "Wir wollten in der Innenverteidigung nichts ändern. Das zwingt uns jetzt zum Umdisponieren."

Obwohl die Alternativen Lukas Sinkiewicz (20) und Robert Huth (21) seit Wochen außer Form sind, verzichtete Klinsmann auf eine Nachnominierung von Routinier Christian Wörns. Stattdessen liebäugelt er damit, Arne Friedrich von der rechten Seite in die Abwehrzentrale zu stellen, obwohl der Berliner auch im Verein in dieser Saison kein Spiel dort bestritten hat.

Michael Ballack wieder dabei

Grünes Licht erhielt Klinsmann immerhin von Michael Ballack, der nach drei Ruhetagen seinen Pferdekuss im Oberschenkel auskuriert hat und beide Trainingseinheiten am Mittwoch absolvierte. "Mir geht es wieder besser", sagte der Kapitän im Kölner Mediapark. In einem Kinosaal hatte er zuvor vor mehreren hundert Medienvertretern vom "adidas"-Vorstandsvorsitzenden Herbert Hainer das weiße WM-Trikot überreicht bekommen, das die Mannschaft im Stade de France erstmals tragen wird. "Den meisten Spielern hat das Trikot gefallen. Mir auch, vor allem, weil es wieder weiß ist", sagte Ballack über die Kluft, die die Nationalspieler von Freitag an in einem TV-Spot präsentieren werden.

Eine endlich wieder einmal überzeugende Vorstellung der Nationalmannschaft gegen Frankreich würde nicht nur das Weihnachtsgeschäft mit den Trikots beleben, sondern Klinsmann auch die ersehnte Ruhe vor der dreieinhalb-monatigen Länderspielpause bescheren. "Es wäre schon wichtig, dass wir mit einer sehr guten Leistung in diese lange Pause gehen. Das letzte Spiel bleibt immer hängen", bekannte Klinsmann. "Wir wollen in Paris etwas reißen. Wir wollen gewinnen." Der 41-Jährige ist sich bewusst, dass eine weitere Pleite nach den enttäuschenden Vorstellungen in den bislang fünf Saison-Länderspielen die Diskussionen um seine Personal- und Standortwahl wieder beleben dürfte. "Letztendlich wird es so sein wie immer: Wenn es gut läuft, gibt es weniger Nebengeräusche. Wenn es nicht so gut läuft, werden die Nebengeräusche lauter", sagte Klinsmann.

Ballack und Miroslav Klose sollen die Trendwende herbeiführen

Hoffnung auf Besserung gegenüber den alarmierenden Darbietungen in der Türkei und gegen China bezieht Klinsmann vor allem aus der Rückkehr von Ballack und Miroslav Klose, die in Istanbul und Hamburg verletzungsbedingt nicht dabei waren. "Miro und ich sind sehr wichtig für die Mannschaft, aber unsere Stärke liegt im Team", betonte Ballack. Während in der Abwehr nach Metzelders Ausfall weiter experimentiert wird, sollen in der Offensive Klose und Lukas Podolski den WM-Ernstfall proben und dafür sorgen, dass nach über fünf Jahren erstmals wieder ein Großer des Fußballs geschlagen wird. Dafür fordert Ballack absolute Konzentration, "sonst kommt man nicht mit einem blauen Auge davon". Noch frisch ist dem Kapitän das ernüchternde 0:3 im letzten Vergleich gegen die Franzosen vor fast genau zwei Jahren in Erinnerung - beim Jahresabschluss 2003 hatte die DFB-Elf erstmals in den damals neuen schwarzen Trikots gespielt.

Oliver Hartmann und Klaus Bergmann/DPA

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