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Nationalmannschaft vor Schweden-Spiel: Miro Klose Fußball-Gott

Für Joachim Löw ist er unersetzlich – auch am Dienstag gegen Schweden: Miro Klose. Der Stürmer ist unprätentiös wie kein anderer Nationalspieler. Dabei hätte er allen Grund, laut zu sein.

Von Klaus Bellstedt, Berlin

Nein, auf Uli Hoeneß hat Miroslav Klose einfach keine Lust mehr: „Die Kritik macht mich müde, ich äußere mich nicht mehr dazu. Das Thema jetzt bitte nicht mehr“, sagt der Nationalstürmer am Tag vor dem letzten WM-Qualifikationsspiel des Jahres gegen Schweden in Berlin. Da sitzt Klose jetzt also auf dem improvisierten Podium in der riesigen Verkaufshalle eines Berliner Autohauses und tut das, was er neben dem Toreschießen mit am besten kann: sich niemals aus der Reserve locken lassen und mit geradezu stoischer Gelassenheit Dinge analysieren. Die unvermeidliche Frage zur Kritik von Hoeneß, der Kloses Vielzahl an Tore abwerten wollte, sie musste ja kommen. Aber der Angreifer, mittlerweile 34 Jahre alt, lässt den Reporter wunderbar ins Leere laufen. Eigentlich hätte man Klose auf der Stelle dafür beglückwünschen müssen.

Schon nach dem Irland-Spiel vor drei Tagen kam die Nerv-Frage auf. Und auch in Dublin hatte sich Klose einen Maulkorb verpasst. Dabei hätte er Hoeneß in diesem Moment mal so richtig rechts und links abwatschen können. Schließlich war ihm beim 6:1-Erfolg ein Tor gelungen. Es war Kloses 65. Treffer für die Nationalmannschaft. In der ewigen Bestenliste des DFB liegt er jetzt nur noch drei Tore hinter Gerd Müller. Irland ist nicht Italien, sicher. Aber eben auch nicht Liechtenstein. Klose hatte in seinem 125. Länderspiel abgesehen vom Tor zum zwischenzeitlichen 4:0 („das Tor war jetzt Kategorie drei, aber ich gebe mich trotzdem damit zufrieden“) auch einen Elfmeter herausgeholt und insgesamt eine hervorragende Leistung abgeliefert. So wie fast immer, wenn er sich das Trikot mit dem Adler auf der Brust überstreift. Klose zu kritisieren, ist nicht verboten. Aber bitte nur dann, wenn es dafür einen Anlass gibt. Der ist gerade nicht in Sicht. Nicht mal mit dem Fernglas.

Fairplay-Medaille für Klose

Auch Joachim Löw sieht das so: „Jeder Trainer kann froh sein, einen Miro Klose in der Mannschaft zu haben“, sagt der Bundestrainer, der seinen einzigen Stürmer auch am Dienstag gegen Schweden wieder von Beginn an aufstellen wird. „Miro hat bei drei Weltmeisterschaften 14 Tore erzielt. Nur noch ein Tor, dann ist der der alleinige Rekordhalter. Das spricht doch Bände“, verteidigt er seinen Spieler gegen den Angriff von Uli Hoeneß. Zudem treffe der Lazio-Angreifer nicht nur gegen die sogenannten "Kleinen", sondern auch gegen die "Großen", betont Löw. Klose sei nicht nur ein herausragender Stürmer, sondern erfülle im Team auch eine „Führungs- und Vorbildfunktion“.

Letzterer wurde Klose erst vor kurzem wieder gerecht – weswegen er nun am Dienstag vor dem Anpfiff des WM-Qualifikationsspiels mit der DFB-Medaille „Fair ist Mehr“ ausgezeichnet wird. Der Stürmer hatte vor ein paar Wochen bei der 0:3-Niederlage von Lazio in Neapel sein schon gegebenes Tor wegen eines Handspiels selbst annullieren lassen. Es war eine bemerkenswerte Aktion, für die Klose hinterher nicht nur in seiner neuen Wahlheimat zu Recht abgefeiert wurde. „Ich weiß, wie viele junge Menschen Fußball schauen. Wir müssen wieder Vorbilder sein. Das ist in letzter Zeit verloren gegangen“, sagt Klose und erklärt sein vorbildliches Verhalten mit folgenden, für einen Profifußballer bemerkenswerten Worten: „Die Fairness sollte immer vorangehen. Wenn man dem Schiedsrichter etwas leichter machen kann, sollte man das auch tun.“

"Ich steh allein auf dem Zettel"

Miro Klose ist ein unprätentiöser Mensch, auf dem Platz und auch im Leben. Manchmal wünscht man sich forschere Töne des ehemaligen Bundesligastürmers. Er könnte sie sich locker erlauben. Aber das Laute ist seine Sache nicht. Typisch auch für Klose, dass er den Vergleich mit dem noch amtierenden DFB-Rekordtorschützen Gerd Müller beinahe schon mit Empörung zurückweist: „Ich werde mich nie mit ihm vergleichen. Das darf man nicht. Das nehme ich mir nicht heraus“, sagt Klose. Warum eigentlich nicht? „Er hat den richtigen Instinkt, um im richtigen Moment in den Raum zu gehen“, lobt Löw seinen Stürmer. Das erinnert in der Beschreibung schon ein bisschen an den großen Gerd Müller, der in der Lage war, aus keiner Chance Tore zu erzielen. Klose kann das auch, er ist darüber hinaus aber auch ein „schneller Kombinationsspieler“, wie Löw fortführt. Was ihn insgesamt zu einem „sehr kompletten Fußballer“ mache.

Für Joachim Löw ist Klose trotz seines fortgeschrittenen Sportleralters fester Bestandteil seiner Mannschaft – zumal nach der Verletzung von Mario Gomez. Im deutschen Fußball gibt es derzeit, abgesehen vom Bayern-Stürmer, keine Alternative zu ihm. Klose bringt zwar bei der Fragerunde in Berlin „den Kies“ (Stefan Kießling, Anm. der Red.) und auch Patrick Helmes ins Spiel, ob diese beiden aber auf dem Weg zur WM 2014 in Brasilien, Kloses erklärtem Ziel, tatsächlich zu ernsthaften Konkurrenten des Platzhirschen heranwachsen, bleibt abzuwarten. Zweifel bleiben. „Im Moment stehe ich allein auf dem Zettel“, sagt Klose. Für ihn ist das eine komfortable Situation. Damit das so bleibt, wird der Angreifer auch weiterhin auf seinen Tor-Salto verzichten. Das Verletzungsrisiko auch im Hinblick auf die WM sei zu groß, bekräftigt er mit einem Schmunzeln. Und wenn doch mal was passieren sollte? „Dann machen wir es eben wie Spanien: ohne Stürmer.“ Touché - typisch Klose.

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