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P. Köster: Kabinenpredigt Arrogant oder volksnah: Der FC Bayern muss sich entscheiden

Uli Hoeneß, Ehrenpräsident des FC Bayern
Proteste am Ende der Vereinsversammlung veranlassten Uli Hoeneß, Ehrenpräsident des FC Bayern, das Podium zu betreten – doch er ergriff nicht das Wort und schwieg
© Frank Hoermann/SVEN SIMON / Picture Alliance
Sportliche Niederlagen, Impfdiskussionen und Sponsorendeals mit Katar: Der FC Bayern kann sich nicht mehr wegducken, meint stern-Stimme Philipp Köster.

Jubelnde Spieler, menschelnde Funktionäre, silberne Pokale. Wer in diesen Tagen die schöne, heile Welt des FC Bayern betrachten wollte, musste nur auf "Amazon Prime" die sechsteilige Dokumentation über die Titeljagd der letzten Jahre anschauen. Wer hingegen wissen wollte, was beim Rekordmeister derzeit wirklich los ist, der musste am Donnerstagabend in der Basketballhalle des Klubs vorbeischauen.

Dort war nämlich ein Klub zu betrachten, den die Ignoranz und Selbstgefälligkeit seiner Funktionäre in eine tiefe Krise gestürzt hat. Die Pfiffe und Buhrufe der Mitglieder waren nur ein akustisches Symbol dafür, dass der FC Bayern nicht nur durch innere Widersprüche zerrissen wird, sondern auch durch die Weigerung, sich mit diesen Widersprüchen überhaupt auseinanderzusetzen.  

Philipp Köster

Philipp Köster: Kabinenpredigt

Philipp Köster, Jahrgang 1972, ist Gründer und Chefredakteur des Fußballmagazins "11 Freunde". Er sammelt Trikots und Stadionhefte, kennt den rumänischen Meister von 1984 und kann die Startelf von Borussia Dortmund im Relegationsspiel 1986 gegen Fortuna Köln auswendig aufsagen: Eike Immel, Frank Pagelsdorf, Bernd Storck, ... Außerdem ist er Autor zahlreicher Fußballbücher, unter anderem über die Geschichte der Fußball-Bundesliga, und wurde 2010 als "Sportjournalist des Jahres" ausgezeichnet. Vor allem ist er Anhänger der ruhmreichen Arminia aus Bielefeld.

Da ist der Widerspruch, einerseits gegen die Pläne einer europäischen Super League zu wettern, gleichzeitig aber keinerlei Anstrengungen zu unternehmen, wenigstens in der Bundesliga den Wettbewerb wieder in Schwung zu bringen. Da ist auch der Widerspruch, stets den Zusammenhalt der Bayern-Familie zu loben, aber die Egotrips einzelner Spieler in der Impffrage achselzuckend hinzunehmen und zu verharmlosen. 

Da ist aber vor allem der Widerspruch, der dadurch entsteht, dass der FC Bayern seit vielen Jahren im weltweiten Kampf um Marktanteile mitmischt. Fans in Asien, Afrika und Nordamerika sollen Trikots kaufen und kostenpflichtige Kanäle abonnieren. Die Münchner wollen eine global profitable Marke sein, koste es was es wolle. Und dafür werden halt auch Verträge mit autoritären Staaten gemacht. Motto: Die Engländer, Italiener und Spanier machen es doch auch. 

Der feine Unterschied: Der FC Bayern gehört keinem Milliardär und keinem unappetitlichen Staatsfonds, sondern ist seinen Mitgliedern verantwortlich. Und denen ist längst aufgefallen, dass es nicht zusammenpasst, wenn auf Festakten ethische Werte proklamiert werden, die immer dann beiseite geschoben werden, wenn wieder einmal ein lukratives Geschäft winkt. 

Der FC Bayern steht nun am Scheideweg

Die Diskussion insbesondere um die Kooperation mit dem Emirat Katar ist nicht neu. Die Klubführung hätte sich nun endlich einmal mit den Bedenken und Sorgen der Mitglieder auseinandersetzen, einen offenen Dialog führen und auf die Kraft der Argumente vertrauen können. Stattdessen wurde der Antrag eines Mitglieds auf Beendigung des Katar-Sponsorings im Vorfeld nicht einmal ignoriert und auf der Versammlung dann derart herumgefloskelt, dass sich die Mitglieder völlig zu Recht verschaukelt fühlten. Allen voran durch Vereinspräsident Herbert Hainer, der die komplette Versammlung hindurch arrogant und überheblich schnaufte, moserte und die Augen rollte, als sei er noch Adidas-CEO und müsste einem renitenten Kleinaktionär das Mikro abdrehen. Tiefpunkt des desaströsen Auftritts war dann Hainers handstreichartige Beendigung der Versammlung, obwohl noch mehrere Mitglieder Redebedarf hatten. Kein Wunder, dass sich Hunderte Anhänger empörten.

Es war ein gefährliches Spiel, dass die Bayern am Donnerstagabend spielten, gerade weil die alten PR-Strategien nicht mehr verlässlich funktionieren. Früher hatte etwa Uli Hoeneß durch Autorität und Emotionen Kredit und Einfluss bei den Mitgliedern. Dass der nunmehrige Ehrenpräsident diesmal inmitten des Aufruhrs auf die Bühne marschierte, dort aber ostentativ schwieg und im Abgang polterte, das sei "die schlimmste Veranstaltung, die ich je beim FC Bayern erlebt habe", war hingegen nur noch groteskes Bauerntheater. Er hätte nämlich nicht anklagend in den Saal blicken dürfen, sondern hinauf zum Podium, wo eben jene Funktionäre saßen, die den Tumult erst möglich gemacht hatten.

Der FC Bayern steht nun am Scheideweg. Er kann werden wie all die anderen Großklubs, die das globale Rad drehen: aseptisch, kalkuliert und durchkommerzialisiert. Oder er kann sich darauf besinnen, was den Klub mal ausgemacht hat. Nämlich der Gedanke, dass es einen Klub nahezu unbezwingbar machen kann, wenn Mitglieder, Fans, Funktionäre und Spieler ein gemeinsames Ziel und gemeinsame Werte haben. Ein solcher Schulterschluss wäre unendlich wertvoll für den Klub.

Ganz im Gegensatz übrigens zum Sponsorendeal mit Qatar Airways.

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