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P. Köster: Kabinenpredigt Geisterspiele schon ab dem 9. Mai? Für die Bundesliga geht es dabei ums nackte Überleben

Der Kölner Mark-Alexander Uth (l) tritt einen Eckball
Wegen des Coronavirus fand das Spiel Borussia Mönchengladbach gegen den 1. FC Köln am 11. März ohne Zuschauer als Geisterspiel statt. So könnte es auch bis ins Jahr 2021 weitergehen.
© Roland Weihrauch /stern-Kombo / DPA
Am 9. Mai könnte die Bundesliga wieder starten - allerdings ohne Publikum. Dabei sind Geisterspiele nur eine zynische Karikatur des Fußballs, meint stern-Stimme Philipp Köster. Und trotzdem notwendig, um die Bundesliga zu erhalten.

Am Ende musste alles ganz schnell gehen, da blieb nicht einmal Zeit für das richtige Datum. Am 9.Mai könne die Bundesliga wieder starten, verkündeten die Ministerpräsidenten Armin Laschet und Markus Söder am Montagnachmittag live bei "Bild", dann jedoch ohne Zuschauer und unter Beachtung strenger Hygienevorgaben. Dass ein solcher Spieltag dann natürlich bereits am Freitag, den 8. Mai, starten würde, war zwar nur ein Flüchtigkeitsfehler, zeigte jedoch die Eile, mit der die Politiker die frohe Botschaft unters Volk bringen wollten. 

Es war ein bemerkenswertes Timing. Schließlich hatte Kanzlerin Angela Merkel erst ein paar Stunden zuvor gemahnt, die Erfolge bei der Bekämpfung des Corona-Virus nicht durch Leichtsinn und voreilige Lockerungen aufs Spiel zu setzen. Wenig später platzten dann Laschet und Söder beinahe vor Stolz, dem Fußball die frohe Kunde zu überbringen und konterkarierten so auf den ersten Blick die besorgten Worte der Kanzlerin.

Auf den zweiten Blick taugt die Ankündigung, die ja auch erst mal von den anderen Ministerpräsidenten mitgetragen werden muss, allerdings nur bedingt zur Empörung. Sie kam nicht überraschend, sondern ist das Ergebnis beharrlicher Lobbyarbeit. Denn natürlich hat der deutsche Profifußball in den letzten Wochen engagiert darauf hingearbeitet, wieder spielen zu können, er hat ein offenbar stimmiges Hygienekonzept präsentiert, die Zahl der beteiligten Personen an den Geisterspielen auf ein Mindestmaß reduziert und die Klubs auf einen baldigen Wiederbeginn eingeschworen. 

13 von 36 Bundesligavereine von Insolvenz bedroht

Er hat all das natürlich nicht aus purem Altruismus getan, nicht vornehmlich um "ein wenig Lebensfreude in die Wohnzimmer der Fans" zu bringen, wie es Aki Watzke pastoral verkündete. Der BVB-Boss war gemeinsam mit Bayerns Vorstand Kalle Rummenigge im Schlepptau von Söder und Laschet vor die Kameras marschiert, um der Freude der Liga Ausdruck zu geben – und hätte sich wahrscheinlich lieber die Zunge abgebissen, als zuzugeben, dass ein rascher Wiederbeginn der Bundesliga kein Dienst am Anhänger ist, gleichwohl aber zwingend notwendig, will sie in gegenwärtiger Form weiterbestehen.

Denn das ist die triste und erschreckende Realität. Wer in die Klubs hineinhört, bekommt noch einmal und mit drastischen Worten bestätigt, dass 13 von 36 Bundesligisten bei pausierendem Betrieb kurz- und mittelfristig von der Insolvenz bedroht sind. Die Etats vieler Klubs waren seit jeher auf Kante genäht, Rücklagen sind nicht vorhanden, stattdessen bereits zukünftige Tranchen des TV-Geldes verpfändet. Es wurde in Saus und Braus gelebt, ohne einen Gedanken daran, dass die üppigen Vermarktungsgelder mal versiegen könnten.  

Natürlich hat derlei kurzsichtiges Geschäftsgebaren keine Zukunft. Die Liga wird darüber nachdenken müssen, wie sie die Klubs künftig zu nachhaltigerem Wirtschaften zwingen kann. Klar ist aber auch: Diese Diskussion kann nur geführt werden, wenn überhaupt eine Geschäftsgrundlage vorhanden ist, soll heißen: ein funktionierender Spielbetrieb. Ansonsten bleiben den von der Insolvenz bedrohten Klubs nur zwei Alternativen: Sie müssten vom Staat oder von externen Geldgebern gerettet werden, die 50+1-Regel würde in Windeseile pulverisiert.

Geisterspiele sicher auch bis 2021 

Zur bitteren Wahrheit gehört zudem, dass es im Jahr 2020 überhaupt keine Fußballspiele vor Publikum mehr geben wird, nicht in der Bundesliga und nicht international. Ein ausverkauftes Estadio Bernabeu in Madrid und eine prallvolle Münchner Allianz-Arena im September 2020 sind eine absurde Vorstellung inmitten einer grassierenden Pandemie. Verwaiste Stehränge und leere Schalensitze werden auf absehbare Zeit und sicher bis ins nächste Jahr zum Alltag im Profifußball gehören.

Was bedeutet: Geisterspiele abzulehnen, ist ein nachvollziehbarer Impuls. Weil diese Spiele ohne Zuschauer nur eine zynische Karikatur dessen sind, was Fußball so faszinierend macht. Und weil der Fußball eigentlich gesellschaftliche Verantwortung beweisen und mit gutem Beispiel voran gehen müsste, bei der großen Aufgabe, die Corona-Epidemie zu bekämpfen. Trotzdem sind sie ein notwendiges Übel. Und beinhalten, wenn sich das Publikum darauf einlassen soll, eine Verpflichtung: es in Zukunft nie wieder soweit kommen zu lassen. 


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