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Torwart rettet Bayern-Sieg: "Kahn, äh Kraft"

Es war sein Abend: Bayerns junger Torhüter Thomas Kraft hat seinem Team mit Weltklasse-Paraden im Champions-League-Spiel bei Inter Mailand den Sieg festgehalten. Krafts Auftritt war auch ein Ausrufezeichen in Richtung der Bayern-Bosse. Die favorisieren für die Zukunft ja Manuel Neuer - noch.

Von Klaus Bellstedt

In der Pause der hochklassigen Champions-League-Partie zwischen Inter Mailand und dem FC Bayern München ließ sich Sky-Experte Stefan Effenberg zu einem Versprecher verleiten: "Kahn, äh Kraft hält wirklich überragend. Er macht eine tolle Partie." Man konnte Effenberg gut verstehen. Die Leistung von Thomas Kraft erinnerte stark an Bayerns früheren Torwart-Titanen. Der 22-Jährige, für den das Match in San Siro die Feuertaufe auf der internationalen Fußballbühne war, lieferte in kahnscher Manier gleich reihenweise Weltklasse-Paraden ab. Keine Frage: Thomas Kraft, und nicht der Torschütze zum späten Siegtreffer Mario Gomez, war der Gewinner des Abends.

Es fing aus kurzer Distanz gegen Esteban Cambiasso in der 22. Minute an und steigerte sich zu einem tollen Sensations-Reflex gegen Samuel Eto'o (33.). Im zweiten Durchgang ließ Thomas Kraft erneut Eto'o, Thiago Motta und auch Houssine Kharja verzweifeln. Kraft, die Krake, schien sich an diesem Abend nicht mit zwei, sondern mit 100 Armen gegen Inters geballte Offensivpower zu wehren. Am Ende stand ein "Shutout", wie es in der blumigen amerikanischen Sportsprache heißt. Ein Spiel, bei dem vom Torwart kein Gegentor zugelassen wird. Beim Eishockey kann man sich damit als Goalie in großen Spielen unsterblich machen. Soweit ist es bei Kraft noch nicht, aber ein fettes Ausrufezeichen war der Auftritt in Mailand allemal - auch in Richtung der Bayern-Bosse, die sich ja angeblich schon mit Deutschlands Nummer eins Manuel Neuer über einen Transfer im Sommer einig sein sollen.

Wird Kraft der neue Sepp Maier?

In gewisser Weise war Krafts Auftritt im Giuseppe-Meazza-Stadion also auch eine Bewerbung für die Zukunft. Sollte der junge Tormann weiter so überzeugen und sich als sicherer Rückhalt etablieren, wird es die Vereinsführung der Münchner zumindest schwerer haben, ihren Wunschkandidaten aus Gelsenkirchen zu verpflichten. Kommt Manuel Neuer aber doch, würde Kraft den am Saisonende auslaufenden Vertrag wohl nicht verlängern. Dann wäre im Sommer ein deutsches Weltklasse-Torwart-Talent als ablösefreies Schnäppchen zu haben.

Bayerns Torhüter-Legende Sepp Maier rät den Bossen von einer Verpflichtung des Schalker Keepers Manuel Neuer ab: "Das Geld, die Millionenablöse für den Transfer, können sie sich sparen. Ich glaube: Wenn Thomas jetzt eine Super-Saison spielt, werden sie den Neuer nicht holen. Warum denn auch?", so Maier in der "Abendzeitung". Krafts ehemaliger Torwarttrainer Maier beobachtet die Entwicklung des 22-Jährigen genau. "Thomas macht das sehr gut. Das freut mich wahnsinnig, er wirkt abgeklärt, hat ein ganz ruhiges, souveränes Torwartspiel", sagt Maier, der noch weitergeht und Kraft sogar zutraut, bei den Bayern eine Ära zu prägen. "Ich habe damals schon gesagt, als Thomas 16, 17 Jahre alt war: Er hat die besten Anlagen. Meine Hoffnung ist: Kraft wird der neue Sepp. Er schafft das locker."

Die Bescheidenheit zeichnet ihn aus

Seit 2004 ist Thomas Kraft jetzt beim FC Bayern. Damals war er 16 Jahre alt und spielte in der B-Jugend. Er quartierte sich nicht wie üblich im Jugendinternat der Bayern ein, sondern suchte sich eine eigene Wohnung. "Im Nachhinein bin ich auch sehr froh, dass ich es so gemacht habe, obwohl es anfangs sehr schwer war", sagt Kraft bei "ran.de". Als er ein halbes Jahr in München ist, stirbt sein Vater. "Das war eine harte Zeit. Aber ich glaube, dass ich das gut gemacht habe und dass es viel gebracht hat, dass ich da für mich selbst verantwortlich war." Nach zwei Jahren bei den Junioren und weiteren zwei Jahren als Torwart der zweiten Mannschaft der Bayern, unterschrieb Thomas Kraft vor Beginn der Saison 2008/2009 seinen ersten Profivertrag. Gleichzeitig war er weiter der Stammtorhüter der Amateure. Erst seit dieser Saison steht der 22-Jährige im Kader der ersten Mannschaft. Zunächst als zweiter Mann hinter Jörg Butt, bevor Bayern-Trainer Luis van Gaal den "Reflextorwart" in der Winterpause völlig unerwartet zur neuen Nummer Eins beförderte.

Ruhig, seriös, rational, diese Eigenschaften schätzt der niederländische Coach besonders an seinem jungen Torwart. Auch Bescheidenheit zeichnet Thomas Kraft aus. Ein Beispiel: Als "ordentlich" und "ganz gut gehalten" spielte der Keeper seine Gala-Vorstellung bei Inter Mailand im Anschluss an die Partie herunter, auch wenn er gestand, dass es "von der Atmosphäre und vom Stadion her das schönste und größte Spiel bis jetzt" gewesen sei.

Beckenbauer outet sich als Neuer-Fan

Franz Beckenbauer wollte übrigens nach der Partie nicht in die allgemeine Lobhudelei rund um Thomas Kraft einsteigen. Bayerns Ehrenpräsident outete sich als Manuel Neuer-Fan. "Für mich ist Manuel Neuer der beste Torhüter der Welt", merkte Beckenbauer bei Sat.1 an. Und wenn der zu haben sei, solle man ihn auch holen. Kraft sei für ihn noch nur ein Talent. Wenn sich der Kaiser da mal nicht gewaltig täuscht. Denn in der Vergangenheit war es oft so, dass unerfahrene Spieler an Siegen wie dem von Mailand gewachsen sind. Derartige Schlüsselerlebnisse sind nicht selten karriereentscheidend - auch weil sich das teaminterne Standing nach solchen Auftritten immens verbessert. Das weiß jeder, der schon mal Mannschaftssport betrieben hat. Der Torwart wird im Club jetzt ganz anders wahrgenommen. Thomas Kraft kann für die Bayern noch sehr wichtig werden.

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