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TSG 1899 Hoffenheim: Ein Verein im Spagat

Auf die komplizierte Causa Dietmar Hopp und den bärenstarken Emporkömmling 1899 Hoffenheim hat die Bundesliga sich noch keine schlüssige Meinung gebildet. Einerseits herrscht Bewunderung vor dem Millionenprojekt, andererseits schlägt dem Mäzen blanke Abneigung entgegen. Eine Bestandsaufnahme.

Von Frank Hellmann

Die Bundesliga scheint mit dem Sensations-Aufsteiger TSG 1899 Hoffenheim ein immenses Problem zu haben. Die Kardinalfrage: Ist der von einem Mäzen gefütterte Dorfklub nun Fluch oder Segen für ein von Traditionen geprägtes Business? Zum Vergleich: Vereine aus Dörfern vergleichbarer Größe wie der SC Neuhaus/Inn (3500 Einwohner, Tabellenführer A-Klasse Pocking, Bayern), Ditmarsia Albersdorf (3500 Einwohner, Vierter der Kreisklasse A Dithmarschen, Schleswig-Holstein) oder der TSV Bad Salzschlirf (3300 Einwohner, Kreisliga A Kreis Lauterbach-Hünfeld, Hessen) kicken üblicherweise weitgehend unter Ausschluss überregionalen öffentlichen Interesses acht bis neun Spielklassen niedriger.

So wie die TSG Hoffenheim vor nicht allzu langer Zeit. "Im Grunde ist es egal, wie man es sieht", sagt Völler, "man kann es sowieso nicht ändern. Hoffenheim hat das Glück, so einen Mäzen zu haben wie Herrn Hopp, der dort aufgewachsen ist und auch dort gekickt hat." Leverkusens Fanbeauftragter Andreas Paffrath geht gar noch ein Stück weiter: "Bei uns gibt es unter den Fans keine Vorbehalte gegen Herrn Hopp. Wenn man es genau nimmt, hat unser Verein ja fast noch weniger Tradition als Hoffenheim, weil er von einem Unternehmen gesponsort ist."

Neid auf Hopp

Weise Worte. Ist also TSG 1899 Hoffenheim kein größeres Ärgernis für den traditionsbewussten Anhänger als Bayer Leverkusen und der VfL Wolfsburg? Zweifel sind erlaubt. Gerade in Kreisen der Ultras oder konservativ geprägten Fangruppierungen herrscht Skepsis, Abneigung, mitunter gar Hass vor. Die Unmutsbekundungen sind zahlreich.

Im vergangenen Jahr gingen Wirrköpfe des 1. FC Kaiserslautern auf die Barrikaden – in Hoffenheim. Erst kürzlich entrollten Hartgesottene des SV Waldhof Mannheim im Carl-Benz-Stadion, der Hoffenheimer Ausweichspielstätte für die Hinrunde, ein Plakat mit der Aufschrift: „Mannheim bleib(t) dem Waldhof treu.“ Eine klare Provokation in Richtung des ungebetenen Gastes. Und was grölten so genannte Fans von Borussia Mönchengladbach über den spendablen 68-Jährigen Hopp, der Teile seines Vermögens für soziale Zwecke oder sportliche Aktivitäten in eine Stiftung überführt hat? "Sohn einer Hure."

Keine Lust auf Auswärtsspiele

Borussia-Boss Rolf Königs entschuldigte sich sofort ("Peinlich und beschämend"), DFB-Präsident Theo Zwanziger sprang zur Seite ("Man rückt ihn in ein völlig falsches Bild"). Der Familienvater Hopp, seit 41 Jahren mit Frau Anneliese verheiratet, gibt vor, die Beschimpfungen und Beleidigungen würden an ihm nicht abperlen wie Wasser von einer frisch imprägnierten Regenjacke.

"Das prallt nicht an mir ab. Diese Hasstiraden, diese Feindseligkeiten, dieses Oberflächliche. Ich habe ein Auswärtsspiel in Augsburg auf der Tribüne erlebt, als drei Kahlgeschorene mit verzerrten Gesichtern wie Bluthunde auf mich zugekommen sind. Das tue ich mir nicht mehr an", erzählte Hopp kürzlich in einer Interviewrunde im Golfklub von St.Leon-Rot. Und der Gönner stellt nun klar: "Das muss ich nicht mehr haben. Bevor ich ein blaues Auge riskiere, spare ich mir solche Fahrten lieber."

Aushängeschild der Rhein-Neckar-Region?

Keine Frage, die Causa ist vertrackt. Gerade das Zusammenspiel mit dem von 1983 bis 1990 in der Bundesliga beheimateten Traditionsverein Waldhof Mannheim – heute nur noch Viertligist – offenbart den Spagat, den alle Beteiligten unternehmen. Hoffenheims Geschäftsführer Jochen A. Rotthaus betont stets, "sich nur als Gast zu fühlen und keinen Hardcore-Waldhöfer bekehren zu wollen."

Einerseits. Andererseits hat der Bundesliga-Neuling auch eine Vorverkaufsstelle in Mannheim eingerichtet und erinnert sich der gemeine Waldhof-Sympathisant schon daran, dass es Dietmar Hopp war, der gegenüber Unternehmen wie MVV klar machte, dass sein Klub das Aushängeschild der Rhein-Neckar-Region werden wolle, wie Präsident Mario Nöll erzählt. "Kurzzeitig stand ja sogar eine Fusion im Raum, aber das war utopisch", erklärt der Jurist, der Hopp nun dafür lobt, "dass er verstanden hat, dass er sich seinen Hoffenheimer Traum nicht auf dem Rücken des Mannheimer Arbeitervereins erfüllen kann."

Legt Hopp noch nach?

Wohl wahr: Mit seiner 1995 gegründeten Stiftung "Anpfiff ins Leben" hat der Milliardär gerade erst drei Millionen für die Jugendförderung des SV Waldhof gespendet. Dennoch bleibt die Gratwanderung eine schmale. Am ersten Spieltag hatte Rangnick etwas unvorsichtig von gleich großen Etats zwischen Energie Cottbus und 1899 Hoffenheim gesprochen. Da lag jedoch eine fatale Verwechslung vor. 23 Millionen Euro beträgt der Umsatz in der Lausitz, 23 Millionen aber alleine der Lizenzspieleraufwand im Kraichgau.

"Diese Saison wird der Verein noch nicht unter die ersten Sechs kommen", glaubt Heribert Bruchhagen, der Vorstandsboss von Eintracht Frankfurt, "denn die Bundesligatabelle ähnelt am Saisonende in etwa den Aufwendungen an Personalkosten." Und da liegt der (ungeliebte) Neuling noch im Mittelfeld. "Ob Hoffenheim mehr will, entscheidet allein Herr Hopp", betont Bruchhagen. Will er? Das neue, 60 Millionen Euro teure Stadion, das derzeit an der A 6 in Sinsheim gebaut und zum Jahresbeginn 2009 bestimmt fertig wird, ist schon einmal so konzipiert, dass sich die 9000 Stehplätze ganz schnell in Sitzplätze umfunktionieren lassen. Für Spiele im Uefa-Cup und in der Champions League ist das schließlich Bedingung.

Vorbild Leverkusen

"Tante Käthe" muss es ja wissen. Rudi Völler stufte den Emporkömmling TSG 1899 Hoffenheim vor dieser Bundesligasaison "ganz oben" ein. Auf Dauer sehe er, der Sportdirektor von Bayer Leverkusen, den Aufsteiger "als Kandidat für die Champions League, denn da treffen sich finanzielle Möglichkeiten auf Kompetenz. Und wenn das passiert, wird es für die Konkurrenz gefährlich." Der ehemalige Teamchef der deutschen Nationalmannschaft als graues Orakel?

Zumindest hat der 48-Jährige weise Voraussicht bewiesen: Wenn am Samstag die Leverkusener in der Baustelle BayArena auf die TSG 1899 Hoffenheim treffen – die Jahreszahl 1899 betont der Klub aus Marketinggründen, um ein Stück Tradition herauszustellen – dann ist gleichzeitig der Tabellenführer zu Gast. Mit einer extrem jungen Mannschaft (Durchschnittsalter 22,8 Jahre), der eine glänzende Zukunft bescheinigt wird. Und es sind nicht nur die vielen Millionen des Milliardärs und SAP-Gründers Dietmar Hopp, die die Visionen eines 3272 Dorfes nahe Heidelberg Wirklichkeit werden lassen.

Hoffenheims Manager Jan Schindelmeister, aus Zeiten bei Hannover 96 ein Intimus von Trainer Ralf Rangnick, hat sich etwa einmal persönlich bei Bayer-Manager Michael Reschke und Chefscout Norbert Ziegler informiert, um Details über die in Leverkusen meist vorbildliche Integration von Brasilianern zu erfahren. Einer von vielen Gründen, warum die Hoffenheimer Springinsfelde Luiz Gustavo, Carlos Eduardo oder Demba Ba sich jetzt in Windeseile im Oberhaus einen Namen machen.

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