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Einzug ins Champions-League-Finale Wie aus dem Nichts (fast) nach ganz oben: die erstaunliche Karriere des Hansi Flick

"Menschliche Qualitäten" und "Empahtie": Hansi Flick (m.) nach dem Schlusspfiff gegen Olympique Lyon
"Menschliche Qualitäten" und "Empahtie": Hansi Flick (m.) nach dem Schlusspfiff gegen Olympique Lyon
© Miguel A. Lopes / DPA
Hansi Flick hat den FC Bayern innerhalb weniger Monate zu einer Angriffsmaschine mit unbedingtem Siegeswillen geformt. Der Lohn seines erstaunlichen Comebacks: Einzug ins Champions-League-Finale - und vielleicht Bayerns zweiter Triple-Trainer.

Geschafft. Hansi Flick hat nach knapp acht Monaten als Chefcoach des FC Bayern den Einzug in das Champions-League-Finale erreicht. Sollte er am Sonntag mit seiner Mannschaft gegen Paris Saint-Germain als Sieger vom Platz gehen, würde Flick seinem unglaublichen Comeback die Krone aufsetzen. Doch erst einmal saß er nach dem gewonnenen Halbfinale gegen Olympique Lyon (3:0) im Presseraum im Stadion José Alvalade in Lissabon und beantwortete die Fragen der zugeschalteten Journalisten. Das machte er trotz einiger Tonprobleme so, wie man es von ihm kennt: ruhig, unaufgeregt, sachlich. "Wir sind alle happy, wir sind im Finale", war da schon der zumindest inhaltlich überschwänglichste Satz. Was folgte, war eine klare Analyse des Spiels. Denn die Bayern zeigten sich gegen Lyon defensiv anfällig, nur mit Glück kassierten sie kein Gegentor. Die Kurzform der Analyse lautete in Flicks Worten: "Manchmal läuft es nicht so optimal."

Auch wenn er natürlich recht hatte, klangen die Worte angesichts des Erfolges fast schon zu bescheiden. Die Weg von Flick und den Bayern ist bislang mit Siegen gepflastert. Seit seinem Amtsantritt im November 2019 hat er 32 von 35 Spielen gewonnen. Zuletzt verloren die Bayern Anfang Dezember gegen Borussia Mönchengladbach. Das letzte Unentschieden stammt aus dem Februar gegen RB Leipzig. 

Zuletzt war er Chefcoach in der Regionalliga bei Hoffenheim

Erstaunlich ist an all dem, dass Flick es trotz seiner zurückhaltenden Art fast wie aus dem Nichts wieder nach oben geschafft hat. Von 2000 bis 2005 war er Cheftrainer der TSG Hoffenheim, damals Regionalliga. Der frühere Bayern-Profi wurde damals von Dietmar Hopp gefeuert, weil der nach vier verpassten Aufstiegen die Geduld mit ihm verlor. Nach einer Zwischenstation in Salzburg unter Giovanni Trapattoni folgten acht Jahre als Assistent von Nationaltrainer Joachim Löw, zweieinhalb Jahre als DFB-Sportdirektor (da kündigte er selbst) und ein fünfmonatiges Intermezzo als Sportdirektor erneut in Hoffenheim (ein Missverständnis). Vor dieser Saison verpflichteten die Bayern ihn als Co-Trainer, um dem umstrittenen Niko Kovac taktisch und menschlich unter die Arme zu greifen.

Es war ein Glücksgriff. Ob Flick damals schon mit dem Hintergedanken zu den Bayern kam, Kovac vielleicht abzulösen, ist Spekulation. Tatsache ist, dass er seine Chance nutzte, nachdem Kovac gefeuert und Flick zunächst Interimstrainer wurde.

Der 55-Jährige hat die Bayern wieder so stark gemacht, dass man automatisch an die Zeiten unter Jupp Heynckes oder Pep Guardiola zurückdenkt. Das Double aus Meisterschaft und Pokal gewann er souverän. Sollte er am Sonntag das zweite Triple der Vereinsgeschichte perfekt machen, wäre das der Höhepunkt einer ungewöhnlichen Karriere.

Flick war zunächst ein Experiment

Vorherzusehen war sie nicht. Für die Bayern war es zunächst ein Experiment, Flick auf den Posten des Cheftrainers zu befördern. Mit Carlo Ancelotti und Niko Kovac hatten sie zuvor zwei Trainer verbrannt, weil es menschlich und sportlich nicht passte. Und die in der Champions League nicht über das Viertelfinale (Ancelotti) und das Achtelfinale (Kovac) hinaus kamen. Es war die Zeit von Missverständnissen, Machtspielen und Unruhe. Weder Kovac noch Ancelotti fanden einen echten Draht zur Mannschaft, aus der Kabine drangen unangenehme Details nach außen. Ancelotti ließ angeblich nicht genug trainieren, Kovac habe keine Spielidee. Am Ende mussten sie gehen.

Unter Flick hat sich das grundlegend geändert: Das größte Lob sprach Thomas Müller aus: "Ähnlich klar geregelt war unser Spiel zuletzt unter Pep Guardiola", sagte der 30-Jährige im Januar. "Da durfte zwar jeder Spieler seiner Position eine individuelle Note mit hinzugeben, aufgrund seiner Vorlieben, Stärken und Schwächen, aber trotzdem hatte diese Position immer eine klare Aufgabe."

An Müller wird besonders deutlich, welches sportliche Wunder Flick bewirkt hat. Der ehemalige Nationalspieler ist wieder aufgeblüht. Von Löw aus der Nationalelf geworfen, unter Kovac zum Bankdrücker degradiert, ist er nun wieder eine der großen Stützen der Mannschaft.

Flick liebt den Offensivfußball

Flick befreite die Bayern aus dem starren Defensivkonzept von Kovac. Er lässt das spielen, wofür er schon immer stand: Offensivfußball und aggressives Pressing. Und alle Profis ziehen mit. Mit dieser Taktik deklassierte Flick den schwerfälligen FC Barcelona im Viertelfinale gnadenlos mit 8:2. Flick gilt als akribischer Arbeiter, der selbst kleinste Details plant. Sein Einfluss auf den Fußball des Weltmeisterteams an der Seite von Löw 2014 galt als groß. Und Flick gewann die Mannschaft für sich. Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge sprach im April, als Flick einen Vertrag bis 2023 erhielt, von dessen "menschlichen Qualitäten" und seiner "Empathie". Der "Spiegel" nannte ihn mal "uneitel" und "anständig". Diese Art kommt bei den Bayern-Stars offenbar an.

Das heiß aber nicht, dass man Flick unterschätzen sollte. Er installierte eine klare Hierarchie in der Mannschaft. Müller steht dort weit oben, während Thiago beispielsweise seinen Stammplatz an Leon Goretzka verlor. Im Moment spielt Thiago, weil Joshua Kimmich, der zweite Mann in der defensiven Schaltzentrale, aus Personalnot in die Viererkette zurückbeorderte.

Man darf gespannt sein, wie Flick sein Team gegen PSG im Finale spielen lässt. Die defensive Anfälligkeit seines Lieblingssystems muss er abstellen gegen Superstars Neymar oder Kylian Mbappé. Doch eines kann man schon jetzt feststellen, unabhängig, ob die Bayern das Triple aus Meister, Pokal und Champions-League-Gewinn holen, Flick hat seine Chance genutzt – auf seine Art: ruhig, unaufgeregt, aber mit großer Entschlossenheit.

Quellen: "Spiegel", Bayerischer Rundfunk, "Welt", "spox.com", "Sport1"


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