WM 2010: Deutsche Nationalmannschaft Löw in der Badstuber-Falle


Nach der 0:1-Pleite gegen Serbien fordern viele eine Ablösung von Holger Badstuber auf der linken Seite. Bundestrainer Löw verteidigt seinen Jungstar vehement - weil er zu ihm kaum Alternativen hat.
Von Klaus Bellstedt, Centurion

Klose wegen seiner dämlichen Gelb-Roten Karte, Podolski wegen seines verschossenen Handelfmeters und immer wieder Holger Badstuber: Über die Hauptgründe für die 0:1-Niederlage der deutschen Nationalmannschaft gegen Serbien bei der WM in Südafrika herrschte bei Journalisten und Fans schnell Einigkeit. Die "Bild" gab dem heillos überforderten Außenverteidiger sogar die Note sechs. Auch wenn diese Beurteilung überzogen war, der Bayern-Profi war der Schwachpunkt im deutschen Team.

Im WM-"Eröffnungsspiel" der deutschen Mannschaft gegen das zweitklassige Australien war Badstuber war in einem sehr auffälligen Team der unauffälligste - was aber nicht unbedingt als Nachteil zu werten war. Defensiv vor allem in den Zweikämpfen sehr abgezockt, rückte er auch immer zur richtigen Zeit ein. Im zweiten Gruppenspiel gegen Serbien erlebte das Talent nun sein persönliches Waterloo.

Badstuber nicht schnell genug


Die Datenanalyse der Fifa deckte Badstubers größtes Problem auf: Während sein Gegenspieler auf der linken Seite, Milos Krasic mit bis zu 30,03 km/h über den Platz jagte, erreichte der Münchner gerade mal einen Spitzenwert von 22,49 km/h. Der 21-Jährige war einfach nicht schnell genug. Auch das entscheidende Gegentor der Serben fand auf der linken Außenbahn der Nationalmannschaft seine Entstehung, als Krasic Badstuber zum x-ten überlief und ungehindert in die Mitte flanken konnte.

"Ich werde kein Philipp Lahm mehr", sagt Holger Badstuber gern, wenn er auf seine Defizite in Sachen Schnelligkeit und Offensivdrang angesprochen wird. Und auch der Bundestrainer weiß um die größte Schwäche seines Außenverteidigers. Trotzdem hat ihn Joachim Löw auf diese Position hin beordert, die gar nicht dessen ideale Position ist. Der Münchener fühlt sich als Innenverteidiger viel wohler. Schon für die Bayern absolvierte Badstuber als Linksverteidiger beispielweise in den beiden Champions-League-Viertelfinalpartien gegen Manchester United schwächere Spiele. Dort hatte er massive Probleme mit Nani und dem schnellen Ekuadorianer Valencia.

Löw: Nicht zu hart kritisieren


Der Bundestrainer war am Tag nach der 0:1-Pleite gegen Serbien weit davon entfernt, Kritik an der Leistung Holger Badstubers gelten zu lassen. Löw machte deutlich, dass die alleinige Schuld nicht bei seinem Außenverteidiger zu suchen sei. "Badstuber wird für Deutschland in den nächsten Jahren noch sehr wichtig sein", verteilte Löw ein vielleicht etwas zu dickes Lob an den deutschen Jungstar. Er warnte noch einmal eindringlich davor, ein Talent wie Badstuber nach einem Spiel zu stark unter Druck zu setzen. "Badstuber hat den einen oder anderen Fehler gemacht, aber er alleine war nicht Schuld an dem Gegentor. Das war eine Kettenreaktion", verteidigte Löw den 21-Jährigen.

Warum der Bundestrainer seinen Problemspieler derart vehement aus der Schusslinie von Medien und Öffentlichkeit nimmt, lässt sich leicht erklären: Joachim Löw ist auf die Dienste von Holger Badstuber schlicht angewiesen. Auf dieser neuralgischen Position hat er keine Alternative. Objektiv betrachtet, sind weder Jansen noch Aogo besser als Badstuber. Und auch das Verschieben von Philipp Lahm von der rechten auf die linke Seite mit der Folge, dass Jerome Boateng seinen angestammten Platz rechts einnehmen würde, scheint unrealistisch - weil Kapitän Lahm überhaupt nicht als Linksverteidiger agieren will.

Schnelle Konter mag Badstuber nicht


Joachim Löw steckt vor dem letzten Gruppenspiel gegen Ghana, für die Deutschen immerhin die erste K.o.-Partie, also in einem Dilemma. Er steckt in der Badstuber-Falle. Aber damit nicht genug. Wenn es ganz blöd für die Nationalmannschaft läuft, könnte die Falle sogar zuschnappen. Angesprochen auf die Stärken der Ghanaer warnte der Bundestrainer vor dem "sehr schnellen Konterspiel" der Afrikaner. Spätestens nach dem Spiel gegen Serbien weiß man: Schnelle Konter mag Badstuber nicht so gern.

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