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WM 2010: Löw vs. Maradona Mr. Perfect trifft den Springteufel


Im Viertelfinale Deutschland gegen Argentinien kommt es auch zum Duell zwischen Joachim Löw und Diego Armando Maradona - zwei Trainer, die unterschiedlicher nicht sein könnten.
Von Klaus Bellstedt, Kapstadt

Ok, Joachim Löw raucht während der WM in seinem Hotelzimmer oder nach den Spielen in den Stadionkatakomben mal eine Marlboro Lights, aber eine Zigarre auf dem Trainingsplatz? Doch nicht der smarte Herr Löw. Diego Maradona ist nicht smart. Der argentinische Nationaltrainer schert sich einen Dreck um seine Außenwirkung. Er mag auf seine Cohiba auch auf dem Bolzplatz nicht verzichten. Warum auch? "Dieguito" hat keine Kündigungen von Sponsoren zu fürchten - weil er keine persönlichen besitzt. Und in seiner Heimat vergöttern sie ihn sowieso. Maradona kann sich alles leisten. Joachim Löw leistet sich außer der erwähnten Kippe und seinem täglichen Espresso gar nichts. Maradona und Löw - zwei Trainer, die verschiedener kaum sein können. Vor dem WM-Viertelfinale hat stern.de die beiden Typen verglichen.

Löw und Maradona als Spieler:

Diego Armando Maradona bestieg als Spieler 1986 den Fußball-Thron. Er führte die "Albiceleste" bei der WM in Mexiko mit fünf Toren und fünf Torvorlagen zum Titel. Die WM 1986 prägte Maradona wie wohl kein anderer Spieler eine WM zuvor oder danach. Im selben Jahr spielte Joachim Löw mit dem SC Freiburg gegen den Abstieg - in der Zweiten Liga. Im Ausland kickte Löw auch, in der Schweiz bei Schaffhausen und Winterthur. Maradona schnürte unter anderem für den SSC Neapel, den FC Barcelona und Sevilla die Schuhe.

Löw und Maradona als Trainer:

VfB Stuttgart, Fenerbahce Istanbul, Karlsruher SC, Adanspor, FC Tirol (Meister 2002), Austria Wien, Nationalmannschaft (Vize-Europameister 2008): Als Trainer ist Joachim Löw schon ganz gut herumgekommen. Der Vize-Titel von Wien 2008 ist sein bisher größter Erfolg Hauptverantwortlicher Übungsleiter einer Fußballmannschaft. Deportivo Textil Mandiyú, Racing Club Avellaneda, argentinische Nationalmannschaft, die Trainerstationen von Maradona sind überschaubar. Erreicht hat Diego als Trainer bisher noch nichts. Außer der WM-Qualifikation mit Argentinien - und die war reichlich holprig. Löw ist längst ein gestandener Trainer, Maradona muss erst noch beweisen, dass er ein Fachmann und Taktikfuchs ist. Er stelle zwar die Mannschaft auf, aber die Superstars um Messi, Tevez und Higuain würden "eh" so spielen wie sie wollen, sagen Kritiker. Als Experte wird Maradona eher belächelt.

Umgang mit der Öffentlichkeit:

Löw ist der Mr. Perfect. Immer charmant, immer freundlich. Löw schlägt den Fans nur selten Autogrammwünsche aus. Zu den deutschen Journalisten pflegt er auch in Südafrika ein hochprofessionelles Verhältnis. Löw bietet null Angriffsfläche. Maradona ist da eher die Diva. Autogramme gibt es nur bei guter Laune. Die heimische Presse hasst ihn. Beinahe jede Pressekonferenz bei der WM artete bis jetzt in Wortgefechten zwischen dem leicht aufbrausenden Coach und den argentinischen Reportern aus. Aber Maradona hat durchaus auch Charme - und großes schauspielerisches Talent. Seine Auftritte haben stets höchsten Unterhaltungswert.

Vergehen:

Wie gesagt: Espresso und Marlboro Lights, dazu eine Tribünenverbannung bei der EM 2008, Löws Laster halten sich in engen Grenzen. Maradonas bizarre Exzesse lassen sich am besten in Stichworten zusammenfassen: Magenverkleinerung, Drogenpartys, Doping während der WM 1994, Schrotflintenangriff auf einen Journalisten, Steuerschulden in Millionenhöhe, vulgäre Aussagen über seine Kritiker und so weiter und so fort. Maradona ist der Wahnsinn auf zwei Beinen. Auch bei der WM gibt es schon wieder jede Menge Anekdoten. Es hält sich beispielweise das hartnäckige Gerücht, dass der argentinische Nationaltrainer jeden Abend in einer Kneipe im Studenten-Viertel Pretorias, Hatfield, anzutreffen sei. In der Pinte trinke er wohl nicht nur Milch, heißt es.

Werbeverträge:

Löw ist unter anderem Testimonial für Nivea und das Werbegesicht von Tui. Löw könnte für alles Werbung machen. Sein Saubermann-Image lässt Werberherzen höher schlagen. Diego taugt aus schon erwähnten Gründen nicht zum PR-Zugpferd.

Konsequenzen aus einer Niederlage:

Joachim Löw entscheidet selbst über sein Schicksal. Seine Zukunft beim DFB ist völlig unabhängig vom Ausgang des WM-Viertelfinales gegen Argentinien. Theo Zwanziger bettelt seit Wochen um eine Vertragsverlängerung, aber der Bundestrainer lässt sich nicht drängen. Sein Verhältnis zum DFB-Boss ist nach der geplatzten Vertragsverlängerung Anfang des Jahres beschädigt. Gut möglich, dass Löw seinen Abschied nach der WM schon selbst eingeplant hat. Andererseits: Mit jedem Sieg in Südafrika wächst auch das Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen Trainer und Mannschaft. Es ist Löws Mannschaft. Das könnte ihn vielleicht doch halten.

Maradona erweckt den Eindruck, als sei es ihm einerlei, gegen wen er bei der Fußball-Weltmeisterschaft mit seiner Startruppe antritt. Aber der Druck zuhause in Argentinien ist brutal. Es wird erwartet, dass jedes Spiel gewonnen wird. Bei einer deutlichen Niederlage gegen Deutschland ist es sogar vorstellbar, dass der Trainer sofort gefeuert wird. Maradona kann in Südafrika wahrscheinlich nur der Titel retten. Das ist ihm im Zweifel aber auch egal.

P.S.: Löw oder Maradona? Wer ist der bessere Trainer? Diskutieren Sie das Thema auf Fankurve 2010, der Facebook-Fußballfanseite von stern.de.


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