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Kommentar

Nach WM-Aus: Macht Mesut Özil jetzt Schluss? Weshalb sein Rücktritt ein Armutszeugnis wäre

Mittelfeldspieler Mesut Özil steht seit Wochen in der Kritik. Daran ist er wahrlich nicht unschuldig, was nichts daran ändert, dass auch der DFB Fehler gemacht hat. Der Verband hat es nicht geschafft, seinen eigenen Spieler zu schützen. Ein Kommentar.

Mesut Özil

Unser Autor meint: Mesut Özil war wahrlich nicht der schlechteste WM-Spieler

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Mesut Özil hat eine ziemlich durchschnittliche WM gespielt. Der Mittelfeldspieler war ein gutes Stück  von Normalform entfernt, er konnte dem Spiel der deutschen Nationalmannschaft nie nachhaltig seinen Stempel aufdrücken und enttäuschte sowohl gegen Mexiko als auch gegen Südkorea. Das darf man – und muss man – feststellen. Doch zur Wahrheit gehört auch: Der 29-Jährige war wahrlich nicht der schlechteste Mann mit dem Adler auf der Brust.

In einer meist kopf- und planlosen Mannschaft war Özil im letzten Spiel sogar noch einer der besseren Akteure, spielte sieben Pässe, die zu Chancen führten. Richtig gut waren seine Auftritte dennoch nicht, doch von welchem deutschen Nationalspieler kann man das nach dieser WM ernsthaft behaupten? Von Sami Khedira bis Thomas Müller, von Toni Kroos bis Julian Draxler – die Liste der Fußballer, die enttäuschten, ist lang. Das Ergebnis ist bekannt, Deutschland schied in der Vorrunde aus. Es ist eine sportliche Schande historischen Ausmaßes. So schlecht war ein Team des DFB bei einer WM noch nie. 

Erdogan-Diskussionen störten WM-Vorbereitungen massiv

Im Kreuzfeuer der Kritik stand dennoch meistens Mesut Özil, was wiederum mit der nicht unbedingt cleveren Entscheidung Özils zu tun hatte, sich vor dem Turnier, wie auch Ilkay Gündogan, mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ablichten zu lassen. Das war, wenn man die politische Dimension bewerten möchte, durchaus kritikwürdig, und es war, wenn man die sportliche Komponente betrachtet, ebenso naiv.

Denn ja, die dadurch entstandenen Diskussionen störten die Vorbereitung der deutschen Nationalmannschaft massiv; erst recht, weil Özil nicht die Größe hatte, sich einmal der Presse zu stellen oder sich in den sozialen Netzwerken klar dazu zu äußern, vielleicht sogar zu entschuldigen, um das Thema endlich zu den Akten legen zu können.

Nun, nachdem die gefallenen Weltmeister wieder in Deutschland gelandet sind, ist die Diskussion um den deutschen Fußball in vollem Gange. Mittendrin: Mesut Özil. Mehrere Medien berichten, dass sein Rücktritt wahrscheinlich sei. Es ist zu lesen, dass sein Umfeld davon ausgehe, dass das Tischtuch zwischen dem Gelsenkirchener und der breiten Öffentlichkeit endgültig zerschnitten sei.

Özils Rücktritt wäre ein katastrophales Zeichen

Zieht Özil nun wirklich den Schlussstrich? Es wäre ein katastrophales Zeichen – und eine weitere Niederlage für den DFB. Der Verband war es, der Özil trotz des Erdogan-Eklats nominierte. Damals hätte man die Option gehabt, ihn nicht mit nach Russland zu nehmen. Es wäre eine drastische Maßnahme gewesen, aber sie schien denkbar. Die Verantwortlichen entschieden sich anders. Und taten anschließend zu wenig, um den eigenen Spieler zu schützen. Doch genau das wäre ihre Aufgabe gewesen.

Weder Bundestrainer Joachim Löw noch Manager Oliver Bierhoff konnten sich dazu durchringen, ihm unmissverständlich und unumstößlich den Rücken zu stärken. Stattdessen gaben sie auf Pressekonferenzen und in Interviews halbgare Antworten, die man in 99 Prozent aller Situationen auch geben kann. Nicht aber, wenn im eigenen Land unzählige Hetzer und Rassisten Politik auf dem Rücken des eigenen Spielers machen, während in sozialen Netzwerken der Mob tobt. Auch aus der Mannschaft kamen keine Impulse, die das mediale Narrativ hätten verändern können. Die schwedische Nationalmannschaft hat eindrucksvoll vorgemacht, wie man reagieren kann, wenn der eigene Kollege angefeindet wird. Doch auch diese Chance verpasste die deutsche Nationalmannschaft.

Hat der DFB den Kontakt zur Basis verloren?

Am meisten kann man das Versäumnis jedoch dem Verband mit DFB-Präsident Reinhard Grindel an der Spitze vorwerfen. Nicht nur, weil er in der Lage gewesen wäre, intern Trainer, Team und Manager in die entsprechende Richtung zu lenken. Sondern auch, weil es der DFB (unter Grindels Vorgänger Theo Zwanziger) selbst war, der Özil einst als Musterbeispiel gelungener Integration vor die Kameras der Republik zerrte. Die Bilder Özils mit nacktem Oberkörper neben Bundeskanzlerin Angela Merkel im Jahr 2010 sind unvergessen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel gratuliert Özil nach dem UEFA EURO 2012-Qualifikationsspiel Deutschland gegen die Türkei im Oktober 2010

Bundeskanzlerin Angela Merkel gratuliert Özil nach dem UEFA EURO 2012-Qualifikationsspiel Deutschland gegen die Türkei im Oktober 2010

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Özil selbst waren diese Aufnahmen unangenehm, doch das störte erst einmal niemanden. Er passte in die Story, die man verkaufen wollte. Und die Erfolgsgeschichte ging ja weiter. Vier Jahre später war man Weltmeister. Mit Özil.

Diesen Titel kann den Spielern und dem Verband niemand mehr nehmen, auch wenn man heute vor einem Scherbenhaufen steht. Der DFB ist gefragt, Lösungen zu präsentieren. Das wird nicht unkompliziert, zumal der DFB parallel auch ein anderes Problem lösen sollte: Dem Verband wird seit einigen Jahren vorgeworfen, den Kontakt zur Basis verloren zu haben. Grindel versucht sich seit einer Weile, als Präsident des Fußballvolkes zu verkaufen, engagierte eine Agentur, um seine Auftritte auf Facebook und Twitter zu inszenieren. Das gehört heute zum Geschäft. Ob es authentisch wirkt, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Viel zu oft wirkt das Team in den Augen der Fans wie ein Produkt, das viel zu intensiv vermarktet wird. Die große Euphorie um die Nationalmannschaft ist längst verflogen, ihre Spiele sind teilweise nicht einmal mehr ausverkauft.

Mesut Özil: Fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel

Musterbeispiel für all diese Irrungen ist die (spätestens jetzt) albern wirkende #ZSMMN-Kampagne, die sich die kreativen Köpfe in der DFB-Zentrale vor der WM ausgedacht hatten. Mutig, innovativ und selbstbewusst sollte das wirken. Doch vom Wort "zusammen" ist nicht mehr viel übrig.

Mesut Özil steht dafür wie kein zweiter. Es wäre ein Armutszeugnis für den Deutschen Fußball-Bund, wenn er nun tatsächlich zurücktreten sollte. Im Alter von 29 Jahren. Fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel. Ja, Mesut Özil hat Fehler gemacht. Auf und abseits des Platzes. Doch solch einen Abschied hätte ein Weltmeister nicht verdient.

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