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Erdogan-Affäre: Die katastrophale Krisen-PR des DFB: So deutlich kommentiert die Presse die Grindel-Aussage

Die Aussagen von DFB-Präsident Reinhard Grindel und Nationalelf-Manager Oliver Bierhoff zu Mesut Özil werden in den Medien scharf kritisiert. Viele Kommentatoren sehen den DFB in einer schweren Krise.

Erst Bierhoff, dann Grindel: Özil im Mittelpunkt der Kritik? Unterstützer stärken ihm auf Twitter den Rücken

Das Thema Mesut Özil bewegt die Öffentlichkeit in Deutschland weiter intensiv. DFB-Präsident Reinhard Grindel und Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff haben in Interviews der Erdogan-Affäre eine Teilschuld für das Scheitern der Nationalelf in Russland gegeben, und dabei besonders Özil in den Fokus gerückt, der bislang zu dem Thema schweigt. Genau dieses Schweigen macht ihm der DFB-Präsident nun, Wochen später, zum Vorwurf und fordert eine Stellungnahme des Nationalspielers.

Zahlreiche Kommentatoren in den Medien (auch die von stern.de) verstehen die Aussagen als Ultimatum und werfen Grindel und Bierhoff "schäbiges" und "beschämendes" Verhalten gegenüber Özil vor. Gleichzeitig bescheinigen sie dem DFB selbst in einer schweren Krise zu stecken, die in der Affäre lediglich zum Tragen komme. Andere hingegen sehen auch den Nationalspieler in der Pflicht, sich endlich öffentlich zu äußern. Genauso kritisch wird die Ankündigung von Joachim Löw eingestuft, der bis Mitte August abgetaucht ist.

"Die Welt" wirft Bierhoff und Grindel vor, nach dem sportlichen auch für ein PR-"Debakel" zu sorgen: "Der Neuanfang nach der verkorksten Fußball-WM beginnt mit einem ähnlichen Debakel wie das sportliche in Russland eines war. (...) Damals, als die ganze Affäre hochkochte, da wollten auch Bierhoff und Grindel noch, dass nichts mehr gesagt wird. (...) Jetzt reden Bierhoff und Grindel. Fühlen sich zum Teil missverstanden, sagen in der Sache aber das Gleiche: Der Özil ist schuld. Und überhaupt, es wird höchste Zeit, dass er mal was sagt. Davon - und natürlich von Löws sportlicher Analyse - wird am Ende abhängen, ob Özil Nationalspieler bleiben darf. Bei Grindel klingt das so: 'In der Tat hoffe ich, dass Özils Stellungnahme so eindeutig ist, dass die Fragen der Fans und des Verbandes beantwortet sind." Sonst..."

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" schreibt, dass auch persönliche und professionelle Verbindungen dazu beigetragen hätten, dass der Verband "vor einem Scherbenhaufen" steht. "Der Berater von Mesut Özil und Ilkay Gündogan ist auch der Berater des Bundestrainers", betont die FAZ, "dass dieser Löw geraten haben könnte, sich gegen seine beiden anderen Klienten zu stellen, kann man sich kaum vorstellen." Dort mischt sich in der Folge allerdings auch eine Fehlinformation unter. Der Kommentator schreibt: "Beziehungen zu "Bild" und Springer, so scheint es, spielen ebenfalls eine Rolle. DFB-Präsident Grindel lässt seine persönliche Kommunikation seit einigen Monaten vor allem mit Blick auf die sozialen Netzwerke von einer Agentur steuern, die zum Teil dem langjährigen "Bild"-Chefredakteur Diekmann gehört". Nach stern-Informationen ist das nicht korrekt, die Agentur "Storymachine" arbeitete mit dem DFB an einem Projekt, das vor der WM abgeschlossen war. Die PR liegt nach stern-Informationen einzig beim DFB.

Die  "Süddeutsche Zeitung" nimmt den DFB in den Blick und sieht den Verband in schweren strukturellen Krise, in der die Erdogan-Affäre nur ein Teilaspekt ist: "Auf dem Weg zu den Antworten lohnt ein Blick auf den generellen Zustand des DFB - unabhängig vom sportlichen Scheitern in Russland. Der Verband ist nämlich kaum noch präsentabel. Der Umgang mit den Erdoğan-Fotos von Mesut Özil und Ilkay Gündogan war auch schon vor dem WM-Start irritierend, im Verlauf des Turniers und danach wurde es noch schlimmer. Das Verhalten - auch der aktuellen Führung - rund um die "Sommermärchen-Affäre" zur WM 2006 wirft weiterhin Fragen auf. Und trotz neu geschaffener Strukturen gibt es im DFB Vorgänge, die Compliance- und Ethikexperten erstaunen."

Erst Bierhoff, dann Grindel: Özil im Mittelpunkt der Kritik? Unterstützer stärken ihm auf Twitter den Rücken

Bierhoffs Erklärungsversuche sind an der "Schmerzgrenze"

Ähnlich beurteilt es die Sport-Internetseite "Sport1":  "Als Beobachter steht man kopfschüttelnd am Rand und fragt sich, wie ausgewiesenen Profis solche Fehler passieren können. (...) Ausgerechnet der Direktor für die Nationalmannschaft und der DFB-Präsident haben in den vergangenen vier Tagen Zweifel aufkommen lassen. Zweifel daran, ob der DFB an seiner Spitze richtig aufgestellt ist, um die sportlich und imagemäßig schwierigste Situation der letzten 14 Jahre erfolgreich zu meistern. Sowohl Oliver Bierhoff als auch Reinhard Grindel sind (Medien-)Profis. Dass Bierhoff seine mindestens unglücklichen Aussagen über Mesut Özil mit einer Panne im Freigabeprozess zu erklären versucht, ist schon hart an der Schmerzgrenze."

"Spiegel online" erweitert den Blick auf die politische Dimension und erinnert den DFB an seine gesellschaftliche Bedeutung: "Es sind Äußerungen, die daher so schwer wiegen und ein solches Echo auslösen, weil sie in eine Zeit fallen, in der die Themen Integration, Migration und Einwanderung extrem emotional diskutiert werden, teilweise mit Ressentiments vermischt, nicht zuletzt politisch instrumentalisiert. Es müsste Bierhoff und Grindel bewusst sein, dass das Thema Özil längst kein rein sportliches mehr ist und jeder Satz zu dem Thema auch gesellschaftspolitisch auf die Goldwaage gelegt wird."

Die "Berliner Zeitung" macht Grindel schwere Vorwürfe: "Grindel schüttet Öl ins Feuer, um selbst in einem guten Licht zu stehen. WM-Aus, Özil im Urlaub. Nachzutreten, wenn schon abgepfiffen ist, ist eine grobe Unsportlichkeit."

"Der Westen" sieht es genauso: "Nun, da sich der Wind gedreht hat, lässt der DFB-Präsident Özil völlig allein im Sturm der Hetze stehen und fordert dessen Stellungnahme. Opportunismus nennt man das."

Özil und Gündogan stehen ebenfalls in der Kritik

Das Sportnachrichten-Portal: "Spox" sieht Özil und Gündogan ebenfalls weiter in der Pflicht, sich in aller Klarheit von Erdogan und dessen Politik zu distanzieren: "Özil, und selbstverständlich auch Ilkay Gündogan müssen es klar als persönlichen Fehler deklarieren, überhaupt nur mit Erdogan posiert zu haben. Viel entscheidender und wichtiger ist jedoch auch jetzt noch: Sie müssen sich eindeutig und unmissverständlich von der undemokratischen wie menschenunwürdigen Politik des Autokraten Erdogan distanzieren, mit dem sie sich ablichten ließen."

Die "Bild"-Zeitung richtet ihre jüngste Kritik gegen Bundestrainer Joachim Löw, dessen Schweigen "fatal" sei: "Dass der Bundestrainer aber seiner Richtlinienkompetenz im Moment nicht nachkommt, erweist sich als fatal. Indem er das Thema immer weiter wabern lässt, nimmt er in Kauf, dass Özil gefühlt als Hauptschuldiger des WM-Versagens wahrgenommen wird. Und das wäre nun wiederum auch höchst ungerecht. (...) Vor dem Spiel der neuen Nations League am 6. September gegen den möglichen neuen Weltmeister Frankreich will Löw verkünden, was er verändern und verbessern will. Geht auch das krachend schief, muss man schon heute das Schlimmste befürchten."

tis

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