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Kommentar

US Open: Wie peinlich - weder ARD noch ZDF zeigen Kerbers Triumph

Weder ARD noch ZDF haben das Finale von Angelique Kerber bei den US Open, übertragen - das ist peinlich. Es sagt viel darüber aus, wie die öffentlich-rechtlichen Sender nur dem Fußball huldigen.

Angelique Kerber im Finale der US Open in New York

Tennis-Königin: Angelique Kerber im Finale der US Open in Flushing Meadows

Was ist nur los in diesem Land? Oder besser gesagt: Was erlauben ARD und ZDF? Da gewinnt eine deutsche Tennisspielerin in der Nacht von Samstag auf Sonntag die US Open, eines der vier größten Tennisturniere der Welt. Zuvor war sie schon zur Nummer eins in der Weltrangliste aufgestiegen. Die 28-jährige Angelique Kerber ist aktuell eine der größten Sportlerinnen des Planeten, sie ist die Königin des Tennis, kurzum: Angelique Kerber ist ein echter Star. Und was machen die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland? Sie übertragen das Finale in Flushing Meadows nicht live. Wer Kerbers Erfolg gegen Karolina Pliskova verfolgen wollte, musste den Spartensender Eurosport wählen, der noch nicht mal überall in Deutschland empfangbar ist. Das ist ein Trauerspiel.

In den deutschen Medien wurde und wird Kerbers triumphale Woche zwar angemessen gewürdigt. Zahlreiche prominente Sportler gratulierten der ersten deutschen Nummer eins nach Steffi Graf zudem via Twitter und Facebook. Dennoch fehlt Kerbers historischem Erfolg der "Knalleffekt", wie die "Welt" schreibt.

Als Tennis-Fan kann man verzweifeln

Sicher, der gebürtigen Bremerin fehlt es an Glamour, wie ihn zum Beispiel Boris Becker verströmte. Sie ist kein Michael Schumacher, der mit seinen Erfolgen in der Formel 1 eine landesweite Euphorie entfachte. Sie ist nicht das Wunderkind, das in jungen Jahren aus dem Nichts in die Weltspitze aufstieg. Doch das reicht nicht als Erklärung für den ausbleibenden "Knalleffekt" aus. Es hat auch viel mit der Macht des Fernsehens zu tun. Als Tennis-Fan kann man da verzweifeln.

Kerbers Erfolg kommt schließlich nicht überraschend. Ihr Aufstieg in die Weltspitze vollzieht sich seit Jahren. In diesem Jahr gewann sie bereits die Australian Open, sie stand im Finale in Wimbledon und holte die Silbermedaille in Rio. Was braucht es noch für Argumente, um Tennis im Fernsehen aus dem Nischen-Dasein zu befreien? ARD und ZDF hätten trotz der zugebenermaßen langwierigen Planung die Rechte an den Liveübertragungen rechtzeitig kaufen können. Die Öffentlich-Rechtlichen haben die Entwicklung im deutschen Damentennis schlicht verschlafen. Man darf aber von zum großen Teil gebührenfinanzierten Sendern erwarten, dass sie derartige Entwicklungen rechtzeitig erkennen und darauf reagieren.

ARD und ZDF befeuern negative Entwicklung

Die Missachtung des größten Tennis-Highlights seit vielen Jahren ist vor dem Hintergrund einer Debatte geschehen, die schon seit längerem schwelt, aber es muss nochmal in aller Deutlichkeit gesagt werden: Die Macht des Fußballs wird immer größer und das geht auf Kosten anderer Sportarten. ARD und ZDF befeuern die Entwicklung, indem sie Fußball einem immer größeren Platz im Programm einräumen. Der Tiefpunkt dieser Entwicklung war die ZDF-Übertragung eines Testspiels der Bayern gegen Manchester City keine zwei Wochen nach Ende der EM. Das Spiel war sportlich ohne Wert, kein einziger Star lief auf. Die Übertragung war genauso langweilig wie die Vorrunde der kommerziell aufgeblähten EM.

Der Fußball ist die unumschränkte Nummer eins in Deutschland - und er soll es auch bleiben. Auf die Sportschau wollen wir nicht verzichten. Doch leider fehlt es an anderen Sportarten, die in ihrer Popularität an den Fußball heranreichen. Die Quoten in der Formel 1 sind seit Jahren rückläufig, nur der Wintersport hat passable Quoten. Und sonst? So gesehen sind ARD und ZDF nicht allein Schuld an der Entwicklung in einem Land, in dem die Bürger die Austragung von zwei Olympischen Spielen (Garmisch-Partenkirchen und Hamburg) per Referendum abgelehnt haben. Spitzensport genießt in diesem Land nicht den gleichen Stellenwert wie zum Beispiel in den USA. Dabei haben die Spiele in Rio gezeigt, wie spannend es auch außerhalb eines Fußballstadions zugeht. 

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