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Mega-Boxkampf Mayweather gegen Pacquiao: Es geht um viel mehr als Geld

Wenn Manny Pacquiao und Floyd Mayweather in der Nacht zu Sonntag gegeneinander boxen, sprechen alle vom teuersten Boxkampf aller Zeiten. Das ist schade. Es geht um viel mehr als Geld.

Von Andreas Albes, New York

Floyd Mayweather - der Protzer, der Schulabbrecher, der Defensiv-Künstler kämpft in der Nacht von Samstag auf Sonntag gegen Manny Pacquiao, den schnellsten Offensiv-Boxer, den Politiker, den Zurückhaltenden

Floyd Mayweather - der Protzer, der Schulabbrecher, der Defensiv-Künstler kämpft in der Nacht von Samstag auf Sonntag gegen Manny Pacquiao, den schnellsten Offensiv-Boxer, den Politiker, den Zurückhaltenden

Wer die Welt erobern will, muss Eier haben" – so steht es über dem Ring im "Wild Card Boxing Club" am Santa Monica Boulevard zu Hollywood. Reichlich symbolisch für diese Geschichte über zwei Männer, die der Welt beweisen wollen, dass sie nicht nur die Besten sind, sondern die Besten der Besten.

Dass sie es verdienen, nach 47 Minuten – so lange dauert ihr Kampf maximal – 200 Millionen Dollar zu kassieren, die sie im Verhältnis 60:40 unter sich aufteilen. Es wäre allerdings falsch, dieses Duell nur auf das Geld zu reduzieren. Es geht um mehr. Um einen Kampf der Kulturen, um einen Krieg der Welten.

Die alte Uhr im Wild Card Boxing Club zeigt kurz vor drei, als Manny Pacquiao zum Showtraining eintrifft. Es ist sein einziger öffentlicher Auftritt vor dem Showdown am 2. Mai in Las Vegas. Zunächst sieht man Pacquiao gar nicht. Er ist 1,69 Meter klein und verschwindet fast zwischen den mächtigen Kameraleuten von CNN, NBC und CBS. Doch schließlich hat er sich den Weg in den Ring gebahnt, wo er nun steht mit einem schüchternen Lächeln, das Haar gescheitelt, der dünne Bart etwas fransig. Er beginnt in die Kameras zu boxen.

Die Luft ist stickig, man kann sie förmlich schmecken. Die Massagebank neben dem Ring ist so durchgelegen, dass der Schaumstoff aus dem Polster quillt. An den Wänden hängen Hunderte Fotos. Porträts der vielen Boxlegenden, die hier trainiert haben. Männer wie Oscar De La Hoya, der erste Boxer, der in sechs verschiedenen Gewichtsklassen Weltmeister wurde. Oder Virgil Hill, der einmal den deutschen Gentleman-Boxer Henry Maske bezwang. Die meisten Bilder zeigen Männer in aggressiver Siegerpose. Wenn man sie an einem Tag wie heute gefragt hätte, was sie über ihren Gegner denken, hätten sie vermutlich geantwortet, dass sie mit ihm den Fußboden aufwischen werden.

Pacquiao, der Bescheidene

Nicht so Pacquiao. Er überlegt ein paar Sekunden, dann antwortet er: "Ich möchte nichts Schlechtes über Floyd Mayweather sagen. Jeder Boxer hat seinen eigenen Charakter. Ich hoffe, dass wir uns nach dem Kampf hinsetzen und reden wie ganz normale Menschen."

Es heißt, Mayweather sei langsamer geworden? "Ich bin sicher, Floyd hat die perfekte Form." Ist Pacquiao auch darauf vorbereitet, diesen Kampf zu verlieren? "Gott gibt mir Kraft. Für einen Sieg genauso wie für eine Niederlage."

Mayweather - der "Money" Boy

Ganz anders die Atmosphäre am Tag zuvor im Mayweather Boxing Club in Las Vegas. Hier trainiert Pacquiaos Gegner, der sich den Kampfnamen "Money" gegeben hat, weil er mit Geld um sich wirft, als wäre es Konfetti. In der schmucken Lobby zeigt ein riesiger Flachbildschirm Basketball. Zum Showtraining sind außer der Presse vor allem Leute eingeladen, die nicht so aussehen, als würden sie sich für Boxen interessieren, Geschäftsmänner mit polierten Schuhen und junge Frauen in Nachtclub-Kleidchen.

Der Eingang wird abgeschirmt von Mayweathers Leibwächtern: Big Church, Big A, Big Pat und Jethro. Zwei von ihnen arbeiteten früher für den Rapper Snoop Dogg – aber Mayweather zahlte besser.

Die Tür zum Trainingssaal wird aufgestoßen, Floyd Mayweather steht mit breitem Grinsen im Saal, seine weißen Zähne leuchten im dunklen Gesicht. An den Wänden überall große Schriftzüge: "The Money Team". Pacquiaos Gesicht ist auf den Plakaten für den großen Fight am 2. Mai mit dicken Balken abgeklebt. Mayweather knufft ein paar Bekannte, dann beginnt sein Training am goldfarbenen Sandsack. Neben dem Ring steht Mayweather Senior, der Vater und Trainer. "Wir haben vor niemandem Angst" , versichert er. "Ob wir siegen werden? Wir siegen immer!"

"Wir werden diesen kleinen gelben Trottel auseinandernehmen"

Über Pacquiao, der von den Philippinen stammt, hat sein Sohn einmal gesagt: "Wir werden diesen kleinen gelben Trottel auseinandernehmen. Und wenn ich den Zwerg eingestampft habe, kann er mir ein Sushi rollen und Reis kochen." Im Boxgeschäft sind das Sätze für die Ewigkeit.

Mayweather lässt nichts aus, um an seinem Image als Großmaul zu arbeiten. Youtube-Videos zeigen ihn an Bord seines Privatjets, wie er 31 Millionen Dollar in bar auf den Tisch wirft. Sein Fuhrpark besteht aus Dutzenden Bugattis, Bentleys und Mercedes, die schwarzen stehen in Las Vegas, die weißen in Miami. Für den 2. Mai hat ihm ein New Yorker Zahnarzt einen 25 000-Dollar-Mundschutz angefertigt, in den Diamantenstaub eingearbeitet ist.

Beide Boxer verbindet mehr als man denkt

Natürlich sind diese unterschiedlichen Charaktere die Würze, die ein Jahrhundertkampf braucht. Aber die beiden Kämpfer verbindet mehr, als sie trennt. Vor allem ihre Herkunft.

Zwei, die sich hochboxen mussten: Mayweather wuchs in einer Industriestadt in Michigan auf, in einer Baracke ohne Warmwasser, sieben Personen teilten sich dort ein Schlafzimmer. Er sagte einmal: "Niemand weiß, durch welche Hölle ich gegangen bin." Seine Mutter war heroinsüchtig, seine Tante starb an Aids. Der Vater war ebenfalls Boxer, verdiente jedoch mehr Geld als Drogendealer. Einmal wurde Mayweather Senior angeschossen, da trug er seinen einjährigen Sohn gerade auf dem Arm. Die Schule brach Mayweather vorzeitig ab. Bis heute kann er nicht richtig lesen. 2012 saß er 63 Tage im Gefängnis, weil er auf seine Exfreundin einschlug, mit der er vier Kinder hat. Sie sei im Drogenrausch gewesen, behauptete er hinterher.

Pacquiaos Leben auf der Straße

Pacquiao stammt von Mindanao, der zweitgrößten und gefährlichsten der über 7000 philippinischen Inseln. Hier herrscht permanenter Bürgerkrieg zwischen der katholischen Regierung und den muslimischen Rebellen. Die Hütte, in der Pacquiao mit seinen fünf Geschwistern lebte, stand auf einem Müllberg. Sein Vater verließ die Familie, da war Pacquiao sechs.

Um Geld zu verdienen, verkaufte er Snacks und Billigschmuck auf der Straße und trat beim Bakbakan an, Kämpfe, bei denen Kinder für 250 Peso, etwa vier Euro, aufeinander eindreschen. Es gibt nur eine Regel: Wer nicht mehr aufsteht, hat verloren.

Als Pacquiao 14 war, konnte es sich seine Mutter nicht mehr leisten, ihm die Schule zu bezahlen. Er ging nach Manila, lebte eine Weile auf der Straße und nahm an Boxkämpfen teil, um zu überleben. Schließlich wurde er entdeckt und nach Las Vegas eingeladen. 2001 kämpfte er zum ersten Mal um den IBF-Titel im Super-Bantam-Gewicht. Es war eine typische Pacquiao-Schlacht, volle Offensive, immer auf Angriff, ein K.o.-Sieg in der sechsten Runde.

Floyd Mayweather, inzwischen 38, gilt indes als großer, ja, als bester Defensivtaktiker. Beim Sparring ist das gut zu beobachten: Er schlägt hoch konzentriert, sein Kopf bewegt sich keinen Millimeter, doch wenn ihn ein Gegenschlag zu treffen droht, weicht er so plötzlich aus, als hätte er ihn vorhergesehen. Wie ein Chamäleon scheint er seine Augen überall zu haben. Kein anderer Boxer beherrscht das so wie er.

Manny Pacquiao ist einer der schnellsten Boxer aller Zeiten

Manny Pacquiao ist wohl der einzig Boxer der Welt, der Floyd Mayweather schlagen kann

Pacquiao ist ein wilder Schläger

Manny Pacquiao ist 36 Jahre alt und vier Zentimeter kleiner als sein Gegner. Sie treten in der Weltergewichtsklasse gegeneinander an und dürfen maximal 69 Kilo schwer sein. Allerdings würde Pacquiaos Kampfstil eher zu Mayweathers Image passen. Er ist ein wilder Schläger.

Viele Bewegungen hat er sich aus alten Bruce-Lee-Filmen abgeschaut, die er heute noch studiert. Er ist der schnellste und spektakulärste Boxer unserer Zeit. Er schlägt keine Kombination, sondern Kombinationen aus Kombinationen. Weltklasse wurde er jedoch nur dank seines Trainers Freddie Roach, dem Inhaber des Wild Card Boxing Clubs. Roach schaffte es, eine Choreografie und eingeschliffene Abläufe in Pacquiaos chaotischen Stil zu bringen. Dennoch birgt dessen offensive Art hohes Risiko. 2012 wurde Pacquiao überraschend ausgeknockt.

Was nichts daran ändert, dass er wohl der einzige Boxer ist, der den in all seinen 47 Profikämpfen siegreichen Mayweather bezwingen kann.

TV-Sender und ihre Gladiatoren

Die Fans warten seit fünf Jahren auf diesen Fight. Bob Arum, Pacquiaos 83-jähriger Manager, der schon Begegnungen wie Muhammad Ali gegen Joe Frazier auf die Beine stellte, sagte zum stern: "Ich kann mich nicht erinnern, dass es jemals schwerer war, zwei Kämpfer zusammenzubringen." Das Unternehmen scheiterte bislang vor allem an Mayweathers Behauptung, die abnorme Geschwindigkeit des Philippiners sei das Ergebnis von Doping. Eine Aussage, die ihn eine Millionenstrafe kostete. Allerdings pflegte sich Pacquiao gern unerreichbar für internationale Kontrolleure auf einer der vielen Inseln seiner Heimat vorzubereiten. Das wirkte verdächtig. Nun sind Kontrollen zugelassen.

Nach dem 2. Mai wird jedenfalls endlich feststehen, wer der beste Boxer auf unserem Planeten ist, über alle Gewichtsklassen und Boxverbände hinaus. Das sogenannte Pound for Pound Rating wird vom "The Ring"-Magazin erstellt, der Bibel der Boxfans. Es richtet sich danach, wie viele Treffer ein Boxer landet und wie oft er getroffen wird.

Mayweather führt diese Liste an, weshalb er von der Rekordbörse 60 Prozent kassiert. Schon sein Sieg 2013 über Saúl "Canelo" Álvarez, damals Weltmeister im Halbmittelgewicht, machte ihn um mehr als 80 Millionen Dollar reicher und zum bestbezahlten Sportler der Welt. Die Explosion der Preisgelder erklärt sich dadurch, dass in den USA Boxen vor allem im Bezahlfernsehen übertragen wird.

Differenzen vertraglich geregelt

Jeder Sender hat mehrere Kämpfer unter Vertrag, wie Gladiatoren. Je mehr Leute einschalten, desto höher die Einnahmen. Dieser Kampf soll mindestens 400 Millionen Dollar einspielen, ein Rekord. Das amerikanische Pay TV kassiert 90 bis 100 Dollar von jedem Zuschauer, in Deutschland überträgt Sky ab 20 Euro. Von den 16.800 Tickets für die berühmte MGM Arena ging der Großteil an Sponsoren. Der Rest der Plätze soll jeweils 5000 bis 47.000 Dollar kosten.

Ihre persönlichen Differenzen regelten die Kontrahenten vertraglich: So wurde festgeschrieben, dass Mayweather stets zuerst genannt wird und dass er das Zustandekommen der Begegnung verkünden durfte.

Trotz der langen Verhandlungen war alles am Ende vielleicht gar nicht so kompliziert: Im Januar besuchten die beiden Superstars zufällig das gleiche Basketball-Match in Miami. Zunächst trafen sie sich auf einen Handschlag in einer Spielpause, abends dann zogen sie sich in Pacquiaos Hotel suite zurück. Was da geredet wurde, ist bis heute geheim, doch es kam jener Prozess in Gang, den ihre Fans so herbeigesehnt hatten. Womöglich haben die beiden in jener Nacht erkannt, dass sich ihre Karrieren dem Ende zuneigen und dass sie es eines Tages bereuen werden, nie unter sich ausgemacht zu haben, wer der Bessere ist.

Die Auguren sind sich einig: Ein Favorit ist vorher kaum auszumachen, zu verschieden die Kampfstile, zu überragend die jeweiligen Fähigkeiten. Doch wie auch immer der Kampf ausgeht: Die brillanten sportlichen Leistungen der beiden werden in ihren Heimatländern vollkommen unterschiedlich bewertet. Mayweather wird in den USA immer ein ungebildeter Underdog bleiben, denn so wie er haben schon viele schwarze Sportler Karriere gemacht. Seine Auftritte als Millionärsproll waren die einfachste Möglichkeit, sich auch abseits des Rings Aufmerksamkeit zu verschaffen. Vor einer Woche sagte Mayweather, das Boxen würde für ihn allmählich an Reiz verlieren. "Es ist nur noch ein Job." Zwei Kämpfe vielleicht noch, dann will er aufhören.

Pacquiao einer der einflussreichsten Menschen der Welt

Pacquiao dagegen wird in seiner Heimat wie ein Gott verehrt. Über seine Schwächen, etwa seine angebliche Spielsucht, spricht niemand. Wenn er boxt, sitzt das ganze Land vor dem Fernseher. Es ist erwiesen, dass die Mordrate während seiner Kämpfe auf nahe null sinkt. Pacquiao erwidert diese Bewunderung, indem er Schulen, Straßen und Krankenhäuser bauen lässt.

Mit seiner Frau kämpft er gegen den Verkauf junger Mädchen als Sexsklavinnen. Er ist Kongressabgeordneter und hat schon erklärt, Präsident der Philippinen werden zu wollen. Er darf für das Amt erst kandidieren, wenn er 40 ist, frühestens bei den Wahlen 2022. Dass er sein Ziel dann erreicht, bezweifelt kaum jemand. Das "Time Magazine" führte Pacquiao bereits 2009 unter den 100 einflussreichsten Menschen der Welt.

Und so treten in der MGM-Arena von Las Vegas vor allem zwei Männer gegeneinander an, die völlig unterschiedliche Zukunftsperspektiven haben. Der eine besitzt nichts außer seinen Millionen. Der andere steht vor der Herausforderung, ein korruptes Land zu regieren, das zu den gefährlichsten Asiens zählt. Angesichts dessen erscheint der Boxkampf am 2. Mai fast schon wie eine Nebensächlichkeit.

Dieses Stück erschien erstmals im stern 18/2015

Mitarbeit: Anuschka Tomat

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