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Olympia 2012: Der unsaubere Endspurt um die Ringe

Hunderttausende werden am Samstag in den deutschen Bewerberstädten der Olympia-Entscheidung in München entgegenfiebern. Düsseldorf, Frankfurt/Main, Hamburg, Leipzig und Stuttgart präparieren sich für die erhoffte Siegesfeier.

Hunderttausende werden am Samstag in den deutschen Bewerberstädten der Olympia-Entscheidung in München entgegenfiebern. Düsseldorf, Frankfurt/Main, Hamburg, Leipzig und Stuttgart präparieren sich für die erhoffte Siegesfeier. In die Spannung um die Entscheidung der Olympia-Bewerbung mischen sich inzwischen mehr und mehr unschöne Aspekte. Wer mit wem und wie gegen wen - einige Entscheidungsträger verhalten sich in den letzten Tagen alles andere als fair.

Geheime Kommandosache

Ob Nena und die No Angels in Stuttgart, die Prinzen in Leipzig, Bro'Sis in Düsseldorf, die Rattles in Hamburg oder die Rodgau Monotones in Frankfurt: Für Stimmung ist - zumindest bis zur Entscheidung - allerorts gesorgt. Auf großen Videoleinwänden übertragen alle Städte das Finale. Während die Olympia-Planer dafür kräftig die Werbetrommel rühren, gerät die Präsentation der einzelnen Städte vor dem Nationalen Olympischen Komitee (NOK) zur geheimen Kommandosache.

Hamburg an der Spitze

Hamburg wird sich um 14.15 Uhr als erster der fünf Bewerber mit einem Film von Regisseur Dieter Wedel vorstellen. An der Spitze der Delegation stehen Bürgermeister Ole von Beust, Fußball-Idol Uwe Seeler und Wimbledonsieger Michael Stich. Wer aber letztendlich auf der Bühne stehen wird, ist offen. Von Frankfurt ist nur bekannt, dass Oberbürgermeisterin Petra Roth als eine von fünf möglichen Personen auf dem Podium erscheinen wird.

Welchem Olympia-Bewerber drücken Sie die Daumen?

Sympathisch und authentisch

Weitsprung-Olympiasiegerin Heike Drechsler unter anderem soll nach dem letzten Platz im NOK-Prüfungsbericht noch die Kohlen für Stuttgart aus dem Feuer reißen, nachdem Steffi Graf nicht für einen Ausflug ins Bayrische gewonnen werden konnte. "Wir wollen eine selbstbewusste, sympathische und authentische Präsentation ohne Effekthascherei machen", sagt der Geschäftsführer der Düsseldorf Rhein-Ruhr 2012 GmbH, Michael Zilles, "alles andere wäre kontraproduktiv." Als Letzter in der ausgelosten Präsentationsfolge möchte Leipzig die Emotionen der NOK-Mitglieder ansprechen. Die Bachstadt setzt bei der 15-minütigen Vorstellung auf die Stadtentwicklung, die sportbegeisterten Menschen und die zunehmende Internationalität in Verbindung mit der friedlichen Revolution von 1989.

Letzte Pluspunkte sammeln

"Wenn wir gewinnen, wird es das größte Fest, das Stuttgart je erlebt hat", verspricht Raimund Gründler, Geschäftsführer der Stuttgart 2012 GmbH. Bis zu 60 000 Menschen erwartet er auf dem Schlossplatz. Auch bei diesem Freiluft-Konzert soll noch einmal die Begeisterung im Land demonstriert werden. Schließlich schalten ARD und ZDF bei ihren TV-Übertragungen auch in die Bewerberstädte. Da gilt es für die Kandidaten, letzte Pluspunkte zu sammeln.

Unter dem Motto "Olympia liegt in der Luft" will Leipzig ein fröhliches Zeichen setzen: Über der Messestadt sollen bei Bekanntgabe des Siegers zehntausende bunte Luftballons in den Himmel steigen. Die fünf Farben sollen die deutschen Bewerberstädte symbolisierten. Auf dem Römerberg plant Frankfurt eine Party mit Live-Musik und den Cheerleaders der Opel Skyliners.

Auf Düsseldorfs "Kö" veranstaltet die Stadt ein buntes Rahmenprogramm. Die Hamburger treffen sich zu einem Fest auf dem Rathausmarkt. Unter dem Motto "Talk und Musik rund um die Bewerbung" können sie sich bei Spielen, Musik, Diskussionen und Live- Schaltungen nach München vergnügen. Die Segel-Bewerber Kiel und Lübeck feiern in ihren Rathäusern, Konkurrent Rostock lädt in die Warnemünder Traditionsgaststätte "Teepot"

"Deutsche Kirchtümelei"

Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Henning Voscherau hat zwei Tage vor der Entscheidung über den deutschen Olympia-Bewerber für 2012 eindringlich vor einem politischen Votum gewarnt. "Wir dürfen im Sport nicht in die typisch deutsche Kirchtümelei verfallen, ohne über den Tellerrand zu blicken. Das ist die German Disease, die deutsche Krankheit", sagte der Olympia- Beauftrage des Hamburger Senats.

Der Beste muss gewinnen

Wenn vom Evaluierungsbericht des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) in der Abstimmung am Samstag dramatisch abgewichen würde, sei das eine schallende Ohrfeige für das NOK. Dann wäre der Sport in Deutschland dort, wo die Politik bereits ist. "Das darf nicht sein, denn im Sport muss immer der Beste gewinnen. Entscheidend ist, dass nach den Anforderungen des IOC und nicht nach lokalpatriotischen Gesichtspunkten entschieden wird", forderte der 61 Jahre alte SPD- Politiker.

Für Voscherau hat die Millionenstadt an der Elbe mit den citynahen Spielen eindeutig das beste Konzept: "Hamburg wäre eine Chance für Jacques Rogge". Der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees will den Gigantismus der Spiele eindämmen und bevorzugt kompakte Konzepte. Ein klarer Startnachteil sei aber die abgelegene geographische Lage: "Wir im Norden sind so ab vom Schuss, da mussten wir schon massiv auf Stimmenfang in anderen Regionen gehen", räumte Voscherau ein.

"Wir haben alles getan"

Siegeszuversicht strahlen die Olympia-Werber selbst aus: "Wir haben alles getan, um fachlich zu überzeugen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich die Entscheidungsträger nur von regionalen Aspekten leiten lassen", sagt Horst Meyer, Geschäftsführer der Hamburg für Spiele 2012 GmbH. Mit Sympathieträgern wie Fußball-Idol Uwe Seeler und Tennis-Ass Michael Stich wollen die Hamburger bei der Präsentation die letzten unentschiedenen NOK-Mitglieder auf ihre Seite ziehen.

Vorwürfe gegen Feldhoff

Voscherau hat DSB-Vizepräsident Ulrich Feldhoff Lobbyismus für den Olympia-Bewerber Düsseldorf vorgeworfen. "Feldhoff begeht Foulspiel. Es geht einem das Messer in der Tasche auf", sagte der Senats- Beauftragte für die Hamburger Olympia-Bewerbung im NDR-Fernsehen.

Feldhoff wird massive Einflussnahme vorgeworfen. Er soll hinter den Kulissen 20 der 32 nationalen olympischen Verbände auf die Seite von Düsseldorf gebracht haben. "Das ist der größte Unsinn. Hier werden meine Möglichkeiten völlig überschätzt", sagte der in Oberhausen lebende Vizepräsident Leistungssport des Deutschen Sportbundes (DSB) und Präsident des Deutschen Kanu-Verbandes dem Internetanbieter "Netzeitung" am Montag.

"Meine ehrliche Meinung ist, dass die Entscheidung völlig offen ist. Es lassen sich doch gestandene Kollegen von mir nicht empfehlen, wen sie zu wählen haben. So einen Unsinn habe ich selten gelesen - und weise eine solche Aussage auch zurück."

Prominente Fürsprecher

In einem frühen Stadium der Olympia- Bewerbung hat Gerhard Schröder seine Sympathie für Leipzig bekundet, als hoch willkommenen Beitrag für den Aufbau Ost. Als NRW- Ministerpräsident Wolfgang Clement dann dem Ruf des Kanzlers nach Berlin folgte, schien sich die Haltung des Regierungschefs zu verändern. Die zusätzliche Bundesgabe in Höhe von 2,3 Milliarden Euro an Nordrhein-Westfalen für den Bau der Transrapid-Strecke zwischen Düsseldorf und Dortmund wirkte auch als Olympia-Pfund.

Wie neutral ist die Bundesregierung?

Nichts da, hat Otto Schily gesagt. Die Bundespolitik verhalte sich beim nationalen Fünfkampf zwischen Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, Leipzig und Stuttgart um die Spiele 2012 neutral. "Sie ist sehr zurückhaltend", behauptet der für den Sport zuständige Innenminister. Dies dürfte sein SPD-Parteifreund Henning Voscherau als blauäugig bewerten. "Auch bei Olympia werden politische Türmchen gebaut", so die Einschätzung des ehemaligen Hamburger Bürgermeisters und Werbers der Hansestadt für die Spiele.

Schröder hat mit Superminister Clement jenen Mann an seiner Seite, der als NRW-Regierungschef die Bewerbung Düsseldorfs schon zu einem Zeitpunkt anschob, als die vier Konkurrenten noch zu schlafen schienen. Den Gegenpol im Kabinett bildet Manfred Stolpe, als Verkehrsminister für den Aufbau Ost zuständig und deshalb schon von Berufs wegen ein Leipzig-Förderer. Partei übergreifend haben sich zudem Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU), Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sowie Altkanzler Helmut Kohl (CDU) und Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) als Sympathisanten der Sachsen-Stadt geoutet.

Leise Töne bei der Wirtschaft

Zurückhaltend, wenn auch nicht uninteressiert, gibt sich die Wirtschaft. Als Förderer treten bisher lediglich ortsansässige, zumeist mittelständige Unternehmen auf, wobei nach der Einschätzung von DSB-Präsident Manfred von Richthofen Hamburg, Stuttgart und Düsseldorf die stärkste Unterstützung aus der Wirtschaft finden. Die Großindustrie als potenzieller Sponsor wartet bis zum NOK-Votum am Samstag ab, um nicht schon bei der nationalen Entscheidung auf der Verliererseite zu stehen.

So sagt DaimlerChrysler-Vertreter Matthias Kleinert: "Als in Stuttgart ansässiges Unternehmen fänden wir es zwar faszinierend, wenn die Wahl auf die baden-württembergische Landeshauptstadt fiele." Doch favorisiere DaimlerChrysler "nicht spezifisch einen deutschen Bewerber". Mit NOK-Präsident Klaus Steinbach gäbe es die Vereinbarung, "dass wir der deutschen Bewerberstadt für die Spiele 2012 unsere guten Kontakte zum IOC sowie unser Know how zum internationalen Sport zur Verfügung stellen können".

Direkten Einfluss auf das Votum von München hat ein knappes Dutzend an Meinungsbildnern und Strippenziehern unter den 73 NOK-Mitgliedern. Dazu gehören Steinbach und sein Vorgänger Walther Tröger, Dieter Graf Landsberg-Velen als Vorsitzender der Prüfungskommission, Richthofen und der Sporthilfe-Vorsitzende Hans-Ludwig Grüschow, DSB- Leistungssport-Chef Ulrich Feldhoff, DFB- Präsident Gerhard Mayer- Vorfelder und nicht zuletzt IOC-Vizepräsident Thomas Bach und IOC- Ehrenmitglied Berthold Beitz.

Chancenlose Düsseldorfer?

Steinbach hat als Generalmanager der nationalen Olympia-Bewerbung bisher keine schlechte Figur gemacht. Sein Hauptinteresse ist es, bis zum Samstag alles offen und die vier Verlierer als "kleine Sieger" bei der Stange zu halten. Er möchte dem IOC die Stadt mit den international größten Chancen präsentieren. Andernfalls droht eine Wiederholung des Berlin-Debakels zu den Spielen 2000, und das würde Steinbach besonders treffen. Unter diesem Gesichtspunkt dürfte der in Cleve geborene ehemalige Weltklasseschwimmer zumindest nicht Düsseldorf wählen. Dessen 12-Städte-Bewerbung ist von ihm und seinen NOK-Mitprüfern unter dem Maßstab der zehn IOC-Kriterien noch hinter Stuttgart als am ungeeignetsten bewertet worden.

DPA

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