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Olympische Winterspiele 2014: Die russische Fata Morgana

30 Grad im Schatten und grüne Palmen sind nicht die einzigen Gründe, warum Olympische Winterspiele in Sotschi wie ein unwirklicher Traum erscheinen: Wettkampfstätten gibt es noch nicht, der einzige Sessellift streikt, und manchmal fällt sogar tagelang der Strom aus.

Am Tag danach blieben in Sotschi die Strände leer. Nach der umjubelten Krönung zum Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2014 erholten sich die Menschen zu Hause von einer durchfeierten Nacht. Der subtropische Ferienort am Schwarzen Meer rief kurzerhand einen arbeitsfreien Tag aus. Ausgiebig hatten Tausende den Zuschlag für Sotschi mit russischem Schampanskoje begossen.

Als IOC-Präsident Jacques Rogge in Guatemala die Karte mit Sotschi in die Kameras hielt, war es in der zukünftigen Olympia-Stadt bereits nach 3.00 Uhr in der Nacht. Und die Welt staunte über einen Austragungsort, der Palmen und Pisten unter einen Hut bringen will, ohne bislang auch nur eine einzige fertige Sportanlage vorzuweisen.

"Wir sind ein starkes Land, das beste in der Welt"

Die große Wintersportnation Russland ist erstmals Gastgeber von Olympischen Winterspielen. Dabei hat niemand in der Vergangenheit so viele Goldmedaillen gewonnen wie die Russen. "Wir sind ein starkes Land, das beste in der Welt", schreit eine junge Frau nach dem Sieg in Sotschi in die Fernsehkameras. Um sie herum tanzt und hüpft die Menge zu russischer Popmusik. Zuvor heizte Thomas Anders vom in Russland immer noch sehr beliebten deutschen Pop-Duo Modern Talking den Olympia-Fans ein. Im fernen Guatemala warb auch die deutsche Eiskunstlauf-Olympiasiegerin Katarina Witt für Sotschi.

Nicht nur die knapp 30 Grad Celsius des subtropischen Badeparadieses unter Palmen lassen Sotschis Olympia-Pläne derzeit noch wie eine Fata Morgana erscheinen. Um die Sommerresidenz von Präsident Wladimir Putin steht noch keine der geplanten elf Wettkampfstätten. Das 50 Kilometer entfernte Skigebiet Krasnaja Poljana, der Austragungsort der meisten Wettkämpfe, verfügt bislang nur über einen einzigen Sessellift. Und selbst der stand im vergangenen Winter wegen eines Rechtsstreits für mehrere Tage still.

Krasnaja Poljana gilt als schneesicher

Die Stabhochsprung-Legende Sergej Bubka zeigte sich deshalb skeptisch. "Mich beunruhigt, ob Sotschi es schafft, in solch kurzer Zeit so viel Infrastruktur und Wettkampfstätten zu bauen. Zumal alles gleichzeitig errichtet werden muss", sagte der Ukrainer. Dafür gilt Krasnaja Poljana als schneesicher. Der leidenschaftliche Skifahrer Putin ist dort nach eigenen Angaben noch vor sieben Wochen durch das Weiß gewedelt.

Neun Milliarden Euro will der Kreml in die Entwicklung der Region stecken. Schon in drei Jahren sollen die ersten Skiwettkämpfe in den nagelneuen Olympia-Anlagen ausgetragen werden. Für Olympia 2014 plant Russland zwischen dem Schwarzen Meer und dem 5642 Meter hohen Elbrus als höchstem Berg des Kaukasus ein Wunderland des Wintersports. "So kompakt sind Winterspiele noch nie veranstaltet worden", kündigt Olympia-Cheforganisator Dmitri Tschernyschenko an.

Der Kreml will auch die Oligarchen mit einbinden

Damit alles rechtzeitig fertig wird, hat der Kreml auch die russischen Oligarchen in die Pflicht genommen. Umweltschützer kritisieren dagegen, dass das neue Wintersportparadies inmitten eines Nationalparks entsteht. Betroffen sei auch das Staatliche Kaukasische Biosphärenschutzgebiet, das seit 1999 Weltnaturerbe ist. Auch auf den Straßen der 1400 Kilometer entfernten Haupstadt Moskau herrscht Freude über die Olympia-Entscheidung. "Wirtschaftlich ist die Entscheidung äußerst vorteilhaft für Sotschi", sagt die Psychologin Galina (30) in Moskau. In der Tat dürften viele Wohnungseigentümer der 328.000-Einwohner-Stadt nach Einschätzung des Onlinemagazins "newsru.com" über Nacht zu Millionären geworden sein. Olympia werde die Immobilienpreise in dem ohnehin schon relativ teuren Ferienort weiter anheizen.

Bislang plagen die Bewohner Sotschis allerdings noch ganz andere Probleme. Stromausfälle sind in der Region keine Seltenheit. Zuletzt blieb Sotschi Ende Januar zwei Tage ohne Strom. Der Flughafen direkt vor dem Kaukasus-Gebirge muss ebenfalls dringend renoviert werden. Derzeit ist er noch so unsicher, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrem Besuch im Januar in Sotschi einen benachbarten Flughafen zur Landung vorzog.

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