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Tennis: Starker Federer greift Djokovics Vormachtstellung an

Drei Turniersiege in Serie, nur zwei Niederlagen seit August 2011: Altmeister Roger Federer ist der Mann der Stunde. Noch ist er im Ranking allerdings deutlich hinter Novak Djokovic. Dies wird sich nur ändern, wenn der Schweizer auch bei den Grand Slams Erfolge feiert.

Lässig warf Roger Federer sein Schweißband in die Zuschauermasse, schrieb ein Autogramm auf die Linse der TV-Kamera und winkte ihr mehrfach zu. Dann hatte er einen Moment für sich. Ruhe, zurücklehnen und genießen. Erleichtert und befreit wie lange nicht mehr wirkte der Schweizer nach seinem Triumph in Indian Wells, nach seinem 7:6, 6:3-Erfolg gegen den US-amerikanischen Aufsteiger der Saison John Isner, der im Halbfinale noch den Weltranglisten-Ersten Novak Djokovic aus dem Turnier genommen hatte.

Doch bedeutender als dieser letzte Schritt zu seinem dritten Turniersieg in Serie sind zwei Dinge: Federer besiegte im Halbfinale von Indian Wells den Weltranglisten-Zweiten Rafael Nadal deutlich 6:3, 6:4. Und mit dem vorläufigen Höhepunkt seiner starken Serie hat er die Führung im "Race to London“, dem Ranking der Ergebnisse in diesem Jahr, übernommen.

"Es ist ein wunderbares Gefühl, ich bin extrem stolz auf meine Leistung in dieser Woche“, sagte der 30-Jährige. Dabei dürften ihm die beiden Erfolge im Halbfinale und Finale eine besondere Genugtuung gewesen sein, waren Isner (im Davis Cup) und Nadal (im Halbfinale der Australian Open), doch die beiden einzigen Spieler, gegen die der Schweizer seit den US Open 2011 verloren hatte.

"Ich hatte nicht erwartet, dass ich heute so gut spielen werde. Aber das sind ja manchmal die Voraussetzungen, unter denen man die größten Karriere-Siege einfahren kann. Ich bin froh, mir diese Chance gegeben zu gaben“, so Federer, der Anfang des Turniers mit einer starken Grippe gekämpft hatte.

39 von 41 Partien gewonnen

Damit hat Federer seit den US Open im Vorjahr 39 seiner 41 Partien gewonnen, eine Weltklasse-Bilanz. Er hat in der Zeit mit Indian Wells, Dubai und Rotterdam in diesem sowie Basel, Paris und dem Saisonfinale in London im Vorjahr sechs Turniere gewonnen.

Und er hat damit vor allem eins: sich in der Weltrangliste wieder in eine gute Position gebracht. Aktuell liegt der Schweizer (9.350 Punkte) nur noch 825 Zähler hinter Nadal auf Platz zwei. Schon beim kommenden Masters in Miami besteht die Chance, am Spanier vorbeizuziehen. Möglich ist dies aber nur bei einem weiteren Turniersieg.

Eines aber hat Federer in dieser Zeit noch nicht geschafft: Novak Djokovic zu schlagen. Er hatte aber auch nicht die Möglichkeit dazu. Es ist die letzte noch ungeklärte Frage im Herren-Tennis 2012. Ist Roger Federer schon wieder stark genug, um den schwächelnden Djokovic zu schlagen? Und das auch bei einem Grand Slam? Nur dann hat er eine reelle Chance wieder die Nummer eins zu werden. Schon kommende Woche könnte diese Frage beantwortet werden, Federer und Djokovic treffen wahrscheinlich im Halbfinale von Miami aufeinander.

Dass der Serbe seine Fabelsaison 2011 nicht wiederholen würde war zu erwarten. Dass er Partien verliert ebenfalls. Dass er aber Spielern wie John Isner unterliegt nicht. Und das er zwei von 16 Partien abgibt auch nicht.

Nole bangt um die Pole

Djokovic erlebt in diesem Jahr zum ersten Mal mit voller Wucht, was es bedeutet, bei jedem Turnier der Gejagte zu sein, derjenige, dem jeder Gegner gerne ein Bein stellen würde. Aber auch derjenige zu sein, der massig Punkte zu verteidigen hat, der quasi nur verlieren kann.

"Ich hatte im dritten Satz einige Situationen, wo es 30:30 war, war gut in den Rallies. Aber dann kamen seine unglaublichen Schläge von der Grundlinie“, sagte Djokovic nach der Pleite gegen Isner: "Ich kann ihm nur meine Hand geben und gratulieren.“ Der 24-Jährige fand beim 6:7, 6:3, 6:7 einfach kein Mittel gegen den starken Aufschlag des US-Amerikaners, der insgesamt 20 Asse servierte.

Ein Zustand, den sich der Serbe künftig nicht allzu oft leisten sollte wenn er die Nummer eins bleiben will. Mit 12.670 Punkten liegt er zwar immer noch klar vor Nadal (10.175) und Federer (9.350), doch der Abstand ist kleiner, als er aussieht. Allein durch das Turnier in Indian Wells ist Federer 1.280 Punkte näher an Djokovic gekommen, Nadal verkürzte den Abstand um 400 Zähler.

Und da Djokovic, im Gegensatz zur Konkurrenz, bei allen kommenden Turnieren die er bestreitet die Maximalpunktzahl zu verteidigen hat, könnte der Vorsprung bei weiteren Schwächephase schnell aufgebraucht sein. Achten muss er dabei vor allem auf Federer, weniger auf Nadal, der seit den French Open 2011 auf einen Turniersieg wartet.

Federer aber gibt sich gelassen, auch verbal: "Novak ist momentan der Beste. Immer noch“, erklärte er nach dem Turniersieg von Indian Wells. Es ist die alte weltmännische Art Federers, der gerne den Gentleman gibt. Es ist aber auch als Indiz seiner wieder vorhandenen Gelassenheit zu interpretieren, die möglicherweise der entscheidende Vorteil in den kommenden Wochen sein könnte. Noch vor wenigen Monaten wirkte er nach den vielen Pleiten fahrig, klammerte sich an den Gedanken, wieder die Nummer eins zu werden – und wirkte so in den Matches blockiert.

Murray hofft auf die Hilfe eines Magiers

Außen vor im Rennen um Platz eins ist weiterhin Andy Murray, der formell zwar immer zu den "Großen Vier“ gezählt wird, letztlich aber vom Leistungsniveau der anderen ein Stück entfernt ist. Bezeichnend: Er kann Nadal, Federer und Djokovic zwar immer mal wieder besiegen. Wenn es aber drauf ankommt, ist er ohne Chance. Lässt man die verletzungsbedingte Aufgabe von Nadal im Viertelfinale von Melbourne 2010 außen vor, hat Murray noch nie einen der "Top 3“ bei einem Grand Slam geschlagen.

Trotz der Verpflichtung von Ivan Lendl als Trainer und der Tatsache, dass der schwache Frühling 2011 für dieses Jahr reichlich Luft nach oben ließ, scheint sich an seiner Situation nichts zu ändern. In Indian Wells blamierte er sich zum Auftakt mit einer 4:6, 2:6-Pleite gegen Guillermo Garcia-Lopez, die Nummer 82 der Welt.

Es bleibt nur die Hoffnung. So twitterte Mutter Judy am Sonntagabend vor dem Besuch der Show von Magier David Copperfield in Las Vegas: "Vielleicht kann er ja Djoker, Rafa und Roger wegzaubern.“

sportal.de / sportal

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