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Deutsche Bahn: Muss Mehdorn gehen?

Einen Tag nach dem geplatzten Börsengang der Bahn werden die Forderungen nach einem Rücktritt von Bahn-Chef Hartmut Mehdorn lauter. Überraschend nahm dieser nicht an einer Sondersitzung des Verkehrsausschusses teil.

Nach der vorläufigen Absage des Börsengangs befasst sich heute der Verkehrsausschuss des Bundestages auf einer Sondersitzung mit der Bahn. Geladen waren auch Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe sowie Bahnchef Hartmut Mehdorn, die jedoch ihre Teilnahme überraschend abgesagt haben.

Stolpe werde durch seinen Staatssekretär Ralf Nagel vertreten, teilte der Ausschuss-Vorsitzende Eduard Oswald (CSU) am Donnerstagmorgen kurz vor Beginn der Ausschusssitzung mit. Von der Bahn sollte kein Vertreter erscheinen.

Börsengang verschoben

"Eine Börsennotierung vor der Sommerpause 2006 erscheint angesichts der derzeitigen Rahmen-Bedingungen nicht realistisch", das teilte der Aufsichtsratsvorsitzende der Bahn, Michael Frenzel, am Mittwoch in Berlin mit. Der anvisierte Termin für einen Gang auf das Parkett noch vor der Sommerpause 2006 erscheine angesichts der Rahmenbedingungen nicht realistisch. Damit brachte der Aufsichtsrat die ehrgeizigen Börsenpläne von Bahn-Chef Hartmut Mehdorn vorerst zu Fall.

Nach Angaben aus Kreisen der Bundesregierung genieße Mehdorn weiterhin Rückendeckung. Diese könnte jedoch zunehmend bröckeln. "So wie er sich zuletzt benommen hat, stärkt es meine Glaubwürdigkeit in Gerüchte, nach denen Mehdorns Ablösung bevorsteht", sagte der verkehrspolitische Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, Dirk Fischer, der "Berliner Zeitung" vom Donnerstag. "Der gesamte Verkehrsausschuss des Bundestages ist stinksauer auf den Bahnchef."

Verkehrsverbände fordern Kurskorrektur

Mehrere Verkehrsverbände forderten, auch die geplanten Preiserhöhungen zum Jahresende zu stoppen. "Die Spirale nach unten, dass die Bahn wegen fehlender Fahrgäste die Preise erhöht, um kurzfristig die Erlöse zu steigern, was dann wieder Kunden vergrault, muss aufgehalten werden", sagte Sprecher des Fahrgastverbands Pro Bahn, Hartmut Buyken, der "Financial Times Deutschland". Die Absage des Börsengangs könne für Fahrgäste und Steuerzahler nur von Vorteil sein, zitierte ihn das Blatt.

Auch der Verkehrsclub Deutschland (VCD) forderte der Zeitung zufolge, das Scheitern von Mehdorns Börsenplänen für eine Kurskorrektur der Bahn zu nutzen. Dazu gehöre auch, dass sich der Bund nicht länger aus der Verantwortung für den Erhalt und den Ausbau des Schienennetzes zurückziehen dürfe. Dem Blatt zufolge legte beide Verbände Bahnchef Hartmut Mehdorn zudem den Rücktritt nahe. "Das ist eine Frage, die sich die Politik jetzt stellen muss", zitiert das Blatt Pro-Bahn-Sprecher Buyken.

Mehdorn sieht sich nicht gefährdet

Durch die aufgeschobene Privatisierung des Konzerns sieht sich Hartmut Mehdorn in seiner Position nicht gefährdet. Über den Zeitpunkt eines Börsengangs entscheide der Eigentümer, also der Bund, sagte Mehdorn der Agentur Reuters. Er selbst habe stets nur auf eine Kapitalmarktfähigkeit des Unternehmens gedrängt. Daher hänge auch seine Position als Vorstandschef nicht mit dem Datum 2006 zusammen.

Der oberste Eisenbahner gilt als enger Freund von Bundeskanzler Gerhard Schröder. "Wir brauchen jetzt eine klare Botschaft vom Bund", sagte Mehdorn am Mittwoch. Der Konzern brauche jetzt Ruhe.