Preisschock Das Ende des billigen Öls


Rekordpreise für Benzin und Rohöl peinigen die Verbraucher und lähmen die Wirtschaft. Schuld sind nicht die Scheichs, sondern der Irak-Krieg, der Boom in China und Amerikas Autowahn. Auf Dauer wird der Rohstoff knapper und teurer.

Vor dem Eingang des World Financial Center, Downtown Manhattan, stehen Männer und rauchen. Sie tragen bunte Jacken, auf denen "Goldman Sachs" steht oder "OMT" oder einfach nur "M". Sie schwatzen, und wenn sie ihre Kippen ausgedrückt haben, wünschen sie sich "good luck". Damit hört die Freundlichkeit auf. Sie kehren zurück ins Chaos der New York Mercantile Exchange, kurz Nymex. Dies ist der weltgrößte und wichtigste Handelsplatz für Rohöl, Heizöl und Benzin. 73 Prozent aller damit verbundenen Geschäfte werden hier gemacht: 585.000 Terminkontrakte täglich, knapp 40.000 Abschlüsse. Die Nymex ist das Herz des Ölhandels.

Wenn in Husum oder Berlin die Benzinpreise den höchsten Stand aller Zeiten erreichen, wenn Ökonomen in aller Welt ängstlich auf die Ölnotierungen starren, hat das auch zu tun mit den Herrschaften in den bunten Jacken, die kryptische Kauf- oder Verkaufsorder durch den gigantischen Saal brüllen und hysterisch winken und rot anlaufen. Von oben betrachtet, wirkt das Gewimmel der Männer ein bisschen wie eine Sportveranstaltung. Sie rempeln und schubsen sich und schreien. Es ist das American Football der Business-Welt - hart, laut und unbarmherzig. Dies ist der Ort, wo über das Wohl und Wehe des Ölpreises entschieden wird. Zurzeit über das Wehe.

Scott P. Hess ist Händler bei der Nymex, seit 1982 schon. Er sagt: "Es ist jeden Tag ein Kampf. Ich gegen den Rest der Welt." Nachts schläft er mit einem Radioknopf im Ohr, um nichts zu verpassen. Diese Wochen sind besonders hart. Das Barrel Rohöl steht bei 40 Dollar, der Unmut der Autofahrer wächst und die Nervosität der Händler auch. "Es ist alles eine Frage der Psychologie", sagt Hess. Die Nachrichten aus dem Irak sind schlecht, sie erschüttern das Geschäft. Mit jedem Anschlag, mit jeder Explosion verschlimmert sich die Lage auch im 10.000 Kilometer entfernten New York.

"Extrem" sei der Handel in diesen Tagen, die Nachfrage nach Öl und Benzin ist weltweit so hoch wie nie. Das ist die eine Seite. Der Irak ist die andere. Hess hat verdammt viel erlebt in seinen 22 Jahren an der Nymex. Er will kein Pessimist sein: "Es wird sich wieder beruhigen." Er hofft auf den 30. Juni, den Tag, an dem der Irak seine Souveränität zurückbekommen soll und es vielleicht besser wird. Vielleicht. Und wenn nicht? "Es muss einfach."

Auch Nadja Goe leidet. "Wenn ich nach San Francisco fahre und zurück, muss ich jeden zweiten Tag tanken", sagt die 29-Jährige aus Woodside am Rande des Silicon Valley. Nach San Francisco ist es nicht weit, aber sie fährt einen Toyota Landcruiser V8: hochbeinig, bullig, fast fünf Meter lang und zweieinhalb Tonnen schwer. Der Geländewagen verbraucht 17 Liter auf 100 Kilometer. Und die Gallone Sprit (3,79 Liter) kostet plötzlich 2,45 Dollar bei Chevron in Woodside. Alle zwei Tage, klagt Goe, "werde ich 50 Dollar los. Das tut weh". Dann klettert sie hinters Lenkrad und fährt allein davon in dem Wagen, der acht Menschen Platz bietet.

Auch Autofahrer wie Nadja Goe aus Kalifornien tragen Schuld daran, dass der Liter Super in Deutschland bis zu 1,24 Euro kostet. Dass die Weltbörsen nervös sind wie lange nicht. Dass Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement sein Gesicht in Falten wirft und sagt: "Der hohe Ölpreis ist sehr gefährlich." Autofahrer wie Nadja Goe gibt es zu viele in den Vereinigten Staaten. 204 Millionen Personenwagen sind dort zugelassen, obwohl nur 190 Millionen Menschen einen Führerschein besitzen. Neun von zehn Amerikanern fahren mit dem Auto zur Arbeit. Rund die Hälfte der verkauften Autos sind solche Dickschiffe wie Nadjas Toyota. 40 Prozent ihres gesamten Öls nutzt die größte Wirtschaftsmacht der Welt, die auch ihr größter Ölkonsument ist, einzig dazu, die privaten Autos zu betanken.

Amerika fällt es immer schwerer, den wachsenden Bedarf seiner Bürger zu decken. Auch deshalb ist am Rotterdamer Spotmarkt der Preis für die Tonne Superbenzin seit Mitte Januar um rund 50 Prozent gestiegen: von 310 auf bis zu 460 Dollar. Zehn Prozent ihres Benzins schaffen die Amerikaner aus Europa heran, weil die eigenen Raffinerien überaltert und überlastet sind. 1976 wurde die letzte gebaut. Wegen der gigantischen Nachfrage sind die Preise für Rohöl durch die Decke gegangen: Mehr als 41 Dollar kostete ein Barrel der amerikanischen Standardsorte WTI vergangene Woche - die höchste Notierung seit Bestehen der Nymex und 13 Dollar mehr als im Mittel des vorigen Jahres. Noch Anfang 1999 mussten die Förderländer den wichtigsten Rohstoff der Welt für erbärmliche zehn Dollar verramschen.

Schuld am schlimmsten Preisschock seit langem sind diesmal eben nicht allein die fiesen Ölscheichs, die seit den Krisen der siebziger Jahre zum Angstrepertoire des Westens gehören. Im Gegenteil, die meisten Förderländer pumpen so viel Öl aus der Erdkruste, wie die Anlagen hergeben. Einzig die Saudis könnten kurzfristig nennenswert mehr produzieren und haben das auch angeboten. Schuld ist, etwa in Deutschland, auch nicht der Staat, denn er hat in jüngster Zeit nicht an der Steuerschraube gedreht. Schuld sind die Käufer, die durch ihre stetig steigende Nachfrage die Preise treiben. Anders gesagt: Nicht der Dealer macht die Droge knapp und teuer, sondern die Junkies betteln nach immer mehr von dem begehrten Stoff.

Es sind nicht Amerikas Autofahrer allein. Die Bush-Administration ist dabei, die strategischen Reserven der USA bis zum Maximum von 700 Millionen Barrel aufzustocken. Offen ist, ob das nur Vorsorge in unsicheren Zeiten ist oder ob der Präsident vor den Wahlen im November einen Teil des gebunkerten Öls freigeben will, um so den Preis zu drücken und die Amerikaner mild zu stimmen. Auch Bill Clinton machte es so.

Und es ist nicht Amerika allein. Die Weltwirtschaft dürfte dieses Jahr um mehr als vier Prozent wachsen. Mit ihr wächst der Durst nach Öl. Vor allem wächst die Wirtschaft Chinas - allein im ersten Quartal um 9,8 Prozent. Der gigantische Rohstoffbedarf des boomenden Riesenreichs hat schon anderweitig für Angst und Schrecken gesorgt: Die Preise für altmodische Produktionsgüter wie Kohle und Metalle sind explodiert. Unversehens ist selbst das Massengut Stahl teuer und knapp geworden, was auch deutsche Mittelständler in die Verzweiflung treibt. Und nun das Öl. Gemessen am Pro-Kopf-Verbrauch ist das einstige Agrarland China zwar noch ein Zwerg - doch unterm Strich hat das bevölkerungsreichste Land der Erde die Wirtschaftssupermacht Japan überholt und liegt als Ölschlucker auf Platz zwei hinter den USA. Nach den Prognosen der Internationalen Energieagentur (IEA) soll der Ölverbrauch Chinas dieses Jahr um 13 Prozent ansteigen, doch selbst das dürfte nicht reichen: In den ersten drei Monaten verheizten die Chinesen schon 18 Prozent mehr Öl als im Vorjahresquartal.

Der Preisdruck ist erst mit Verzögerung in Deutschland angekommen. Denn Erdöl wird in Dollar bezahlt, und für den über Monate starken Euro gab es vergleichsweise viele Dollars und damit viel Öl. Doch seit Februar hat die europäische gegenüber der US-Währung sieben Prozent verloren. Seither bekommen auch die Deutschen an den Zapfsäulen deutlicher zu spüren, was auf dem Weltmarkt los ist. Mittlerweile ist nicht nur das Jammern der Automobilisten laut. Ökonomen, Politiker und Wirtschaftsführer bangen um den dürren Aufschwung. Denn auch wenn Deutschland sich intensiver als andere um Sparsamkeit und Energieeffizienz bemüht hat, hängen das Volk und seine Wirtschaft noch immer am Tropf des Öls. Die Bundesrepublik ist fünftgrößter Verbraucher weltweit, es gibt kaum eine Branche, die nicht direkt oder indirekt von dem flüssigen Kohlenstoff abhängig ist.

Dass die Bürger außer beim Tanken die steigenden Rohstoffpreise zunächst nur selten spüren, kann dabei nicht beruhigen. Weil der Wettbewerb knochenhart ist, können Zulieferer die gestiegenen Kosten nicht an ihre industriellen Abnehmer und Händler nicht an die geizgeilen Verbraucher weiterreichen. Die mag das freuen, aber es bedroht den ohnehin gebeutelten Mittelstand - und seine Arbeitsplätze. Selbst die kühle Bundesbank warnt vor den Risiken des hohen Ölpreises. Auch international ist die Stimmung gedrückt. Allein die Fluggesellschaften rechnen für dieses Jahr mit Mehrkosten von acht bis zwölf Milliarden Dollar. Wegen der anziehenden Inflation droht in den USA eine Zinserhöhung, die das Wachstum bremsen und andere Notenbanken in Zugzwang bringen könnte. Die Ökonomen rund um den Globus haben die Prognosen für das Wachstum der Weltwirtschaft bereits nach unten korrigiert.

Dabei ist der aktuelle Ölpreis an sich noch nicht mal das Problem. Er ist inflationsbereinigt heute deutlich niedriger als etwa in den frühen achtziger Jahren. Und gerade der Westen muss ein vitales Interesse daran haben, dass die Förderländer ordentliches Geld für ihr oft einziges Exportgut bekommen. Andernfalls dürfte sich gerade die heikle Golfregion weiter destabilisieren, die Terrorgefahr würde dramatisch ansteigen, wie das Institute for Global Futures in San Francisco warnt.

Viel beunruhigender als hohe Spritpreise und kurzfristige Wachstumsverluste ist dies: Anders als in den siebziger Jahren, als die Opec die Waffe Öl entdeckte und das Angebot absichtsvoll kappte, könnte der aktuelle Preisschock der Beginn einer neuen Ära sein, die von echter Knappheit und dauerhaft steigenden Preisen geprägt ist. Mag sein, dass der derzeitige Boom in Schwellenländern wie China und Indien nicht ungebremst weitergehen wird. Dennoch wird der Ölbedarf allein dieser Milliardenvölker in den kommenden Jahren stetig wachsen. Nach Berechnungen der IEA wird der weltweite Ölverbrauch von 78,6 Millionen Barrel am Tag (2003) auf 82,4 Millionen am Ende dieses Jahres ansteigen - das wäre der größte Zuwachs aller Zeiten. Bis zum Ende des kommenden Jahrzehnts dürfte der Verbrauch noch mal um ein Drittel zulegen - und das, obwohl manche Experten glauben, dass der Scheitelpunkt der Ölförderung in den kommenden zwei Jahrzehnten überschritten sein wird, vielleicht auch früher.

Gerade die größten Verbraucher werden sich kaum noch aus eigenen Beständen bedienen können. Beispiel Amerika: Noch sind die Vereinigten Staaten der drittgrößte Ölproduzent der Welt - knapp hinter Russland und Saudi-Arabien. Doch dieser Reichtum könnte schnell verfeuert sein. Die USA, die derzeit jedes vierte Barrel Öl verbrauchen, verfügen nach den Zahlen des "Oil & Gas Journal" gerade einmal über 1,8 Prozent der Weltreserven. In Europa sieht es nicht besser aus: Nur noch 1,6 Prozent des Öls wird unter dem alten Kontinent vermutet. Der Zenit ist bereits überschritten. Die Förderung in der Nordsee, die Ländern wie Norwegen seit den siebziger Jahren erheblichen Wohlstand gebracht hat und die derzeit auch rund ein Drittel des deutschen Bedarfs deckt, geht zurück und wird immer ineffizienter. Er währte nur kurz, der Traum von Reichtum und Unabhängigkeit durch eigenes Öl vor der eigenen Küste. Im Boden Chinas dürften nur 1,5 Prozent der Weltreserven liegen, im indischen Subkontinent gar nur 0,4 Prozent, und Wirtschaftsgigant Japan hat sich noch nie als Ölland hervorgetan.

Es hilft nichts: Weit mehr als die Hälfte der bekannten Bestände liegen im Nahen Osten, das meiste davon in Ländern wie Saudi-Arabien, dem Irak und Iran. Was das bedeutet, ist absehbar: Je abhängiger die größten Konsumenten vom Weltmarkt sind, desto verbissener werden sie miteinander um das knapper werdende Angebot kämpfen - und desto hilfloser sind sie dem Preismechanismus eines Angebotsmarktes ausgeliefert. Absehbar auch, dass sie mit immer größerem Aufwand versuchen werden, der Erdkruste mehr Öl abzupressen - ob ein paar tausend Meter unter dem Meeresspiegel oder im Teersandtagebau Kanadas.

Vor allem werden sie immer abhängiger von den politisch labilen Golfstaaten. Schon ein massiver Terroranschlag auf die Ölanlagen Saudi-Arabiens oder gar ein fundamentalistischer Sturz des Prinzenregimes in Riad würde den Westen in ernsthafte Schwierigkeiten bringen. Und dass der militärisch inszenierte Tausch westlicher Demokratie gegen dauerhaftes Wohlwollen so einfach nicht funktioniert, müssen die Amerikaner gerade im Irak lernen, einem der wichtigsten Ölländer der Welt.

Vorerst belauern sich

die Ölproduzenten und ihre Abnehmer. Vergangenes Wochenende trafen sich im noblen Okura-Hotel in Amsterdam Delegationen aus 57 Ländern zum 9. Internationalen Energie-Forum. Es ist ein altes Spiel: Natürlich wollen die Industriestaaten möglichst wenig zahlen für den wichtigsten Schmierstoff ihrer Ökonomien. Aber sie wissen auch, dass die wackligen Regime am Golf und in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion Geld brauchen - nicht zuletzt, damit sie investieren können in die Anlagen, von denen auch das Wohl des Westens abhängt. Die Förderländer wiederum achten peinlich darauf, ihre Kunden nicht zu überfordern. Kippt die Weltwirtschaft wegen des Ölpreises, wären sie die Dummen, denn dann würden Absatz und Preis verfallen. Auch ein guter Dealer sorgt dafür, dass ihm die Junkies nicht von der Nadel gehen.

Fatih Birol, Chefökonom der Internationalen Energieagentur, misstraut den Förderländern offenbar dennoch. Abends beim Wein im Schifffahrtsmuseum von Amsterdam sagte er, dass er nicht an die steigende Nachfrage als einzigen Grund für die hohen Preise glaubt. 1988 sei der Tagesverbrauch um zwei Millionen Barrel gestiegen, ohne dass die Preise in die Höhe schossen, damals kostete ein Fass gerade mal 15 Dollar. Was also ist der Grund? Für Birol ist klar, dass die Förderländer nicht genug investiert haben, vor allem die im Nahen Osten nicht: "Vielleicht wollen sie auch gar nicht investieren, vielleicht wollen sie ja gezielt den Preis hoch halten." Denn natürlich profitieren die Ölproduzenten zunächst davon - alle übrigens: nicht nur vermeintlich verschlagene Araber, sondern auch freundliche Nachbarn wie Norweger und Briten.

Auch Wolfgang Clement

wollte in Amsterdam Klarheit, er verabredete sich mit dem saudischen Ölminister al Naimi zum Dinner, um ihn zu fragen, wie die Opec wieder zu ihrem angestrebten Preis von 22 bis 28 Dollar pro Barrel kommen will. Aber Clement hat es nicht erfahren, der Minister war unpässlich und sagte das Essen ab. Der Bundeswirtschaftsminister drängt ebenfalls auf "neue und größere Investitionen in Ölproduktionskapazitäten". Doch immerhin versuchte er auch, die anderen Industrieländer zu überreden, dem deutschen Vorbild zu folgen und für "einen effizienteren Umgang mit Energie" zu sorgen, "um so den Druck des Marktes zu verringern".

Die Forderung ist so alt wie der Kampf ums Öl, aber vielleicht hilft ja der jüngste Preisschock. In Amerika jedenfalls verkauft sich der "Hummer" derzeit sehr schleppend. Das ist jener monströse Geländewagen, mit dem schon General Norman Schwarzkopf während des ersten Golfkriegs durch den Wüstensand pflügte. Nun ist das Kultmobil selbst in den USA nur noch mit Rabatt loszuschlagen. Neuerdings klagt die Kundschaft über den Spritverbrauch - der Dreitonner säuft weit über 20 Liter.

Mitarbeit: Markus Grill, Karsten Lemm, Michael Streck, Peter Weyer, Jan Boris Wintzenburg

Von Arne Daniels print

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