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Privatwirtschaft statt EZB: Webers Frustfoul

Axel Weber: Gestern noch heißer Kandidat für den Chefposten bei der EZB, heute Bundesbankpräsident auf Abruf - und die Kanzlerin verprellt. Protokoll eines missglückten Politmanövers.

Von W. Proissl, P. Ehrlich, T. Pache und C. Kade

Eigentlich sollte es ein ruhiger Tag werden. Offizielle Termine standen nicht auf der Agenda des Präsidenten der Bundesbank. Am Montag hatte er sich im estnischen Tallin für eine europäische Schuldenregel starkgemacht. Der nächste öffentliche Auftritt war erst für Donnerstag in Wien geplant. Doch seit Mittwoch ist für Axel Weber alles anders: Seine Amtszeit an der Spitze der Bundesbank geht schon bald zu Ende. Als Bewerber für den frei werdenden Posten an der Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB) spielt er keine Rolle mehr. Dafür wird nun spekuliert, dass er die Nachfolge von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann antreten könnte. Es war also am Ende alles andere als ein ruhiger Tag.

Wie der nächste Karriereschritt des Wirtschaftsprofessors aussehen könnte, ist nach diesem Tag voll hochkochender Gerüchte und widersprüchlicher Nachrichten noch offen. Weber tut zudem nichts, um die Unsicherheit aufzulösen. In Wien sagte er am Donnerstag lediglich, er habe mit Bundeskanzlerin Angela Merkel gesprochen und ihr zugesagt, dass er sich dazu zunächst nicht äußern werde. "Wir werden alle Entscheidungen, die notwendig sind, in enger Abstimmung treffen", sagte der 53-Jährige.

Die Kanzlerin steht schon jetzt als Verliererin fest: Für Angela Merkel ist der Ausfall von Axel Weber als Kandidat für den EZB-Chefposten ein Desaster. Ihre taktischen Spielchen zwischen Brüssel, Paris und Berlin sind nicht aufgegangen. Die deutsche Zurückhaltung bei der Neubesetzung der EU-Kommission war vergebens. Die Hoffnung, dafür mit einem deutschen EZB-Chef belohnt zu werden, der künftig über die Stabilität des Euro wacht, droht seit Mittwoch zu verpuffen. Die Kanzlerin steht mit leeren Händen da.

Das Ende der Ära Weber

Weber, so verlautete am Ende des Tages aus seinem direkten Umfeld, sieht seine Aufgabe bei der Bundesbank als erfüllt an. Die Finanzkrise sei weitgehend bewältigt, alles sehe ruhig aus, auch innerhalb der Institution, die sich inmitten einer Strukturreform befindet. Es sei an der Zeit, die Bundesbank auch personell für das neue Jahrzehnt aufzustellen. Es ist das Ende der Ära Weber. Wie konnte es so weit kommen?

Das Verwirrspiel begann am Dienstagabend. Offenbar hatte Weber die fünf Vorstände der Bundesbank sehr kurzfristig zu einer Krisensitzung zusammengerufen. Die Vorstandsmitglieder Andreas Dombret und Carl-Ludwig Thiele wurden am Abend eigentlich zu einer Rede von Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg im Wintergarten der DZ Bank in Frankfurt erwartet. Doch kurz vor Veranstaltungsbeginn kam die Nachricht, die beiden müssten kurzfristig zu einer dringenden Sitzung. Als Dombret und Thiele schließlich im Wintergarten eintrafen, hatte der Minister mit seiner Rede längst begonnen.

In diesem Krisengespräch hatte Weber den Kollegen eröffnet, dass er nach seiner achtjährigen Amtszeit, die zum April 2012 ausläuft, nicht für weitere acht Jahre zur Verfügung steht.

Einer muss geplaudert haben

Im engen Kreis des Bundesbankvorstands ist diese Neuigkeit nicht lange geblieben. Einer aus dem sechsköpfigen Gremium muss geplaudert haben. Früh am Mittwoch verbreiten Euro-Insider in London bereits, dass es bei der Bundesbank wichtige Personalnachrichten geben würde. Bis zum Vormittag ist die Nachricht zu den Agenturen vorgedrungen. "Mitteilung zur Zukunft Webers erwartet", lautet um 11.32 Uhr die erste Eilmeldung der Nachrichtenagentur Reuters.

Was dann folgt, ist ein Wettlauf von Eil- und Exklusivmeldungen. "Bundesbankchef Weber wird nicht EZB-Chef" lautet eine Schlagzeile. "Bundesbankchef Weber will zur Deutschen Bank", steht Minuten später über einer anderen Meldung.

Der Mix aus Personalspekulationen um den EZB-Chefposten, dem wichtigsten Posten in der Euro-Zone, und der Nachfolge von Josef Ackermann, dem mächtigsten Banker Deutschlands, bewegen bald auch die Märkte. Der Euro fällt auf sein Tagestief, weltweit flackern Eilmeldungen zu den Entwicklungen in Frankfurt über die Bildschirme. "Das ist ein Schlag ins Gesicht für die deutsche Finanzwirtschaft, Frau Merkel und ganz Deutschland", sagt der Vorstandschef einer deutschen Bank.

Ein Signal nach Berlin?

Es kursieren erste Gerüchte über die Gründe für Webers Rücktritt. Der Notenbanker, so die Interpretation, mochte sich nicht länger hinhalten lassen. Offenbar hat es ihm an Rückhalt gefehlt. Ein klares Bekenntnis zu ihm als deutschem EZB-Kandidaten hat es von der Taktikerin Merkel nie gegeben. Vielleicht wollte er ein Signal nach Berlin senden, in dem er im vertrauten Kreise erklärte, dass er keine weitere Amtszeit als Bundesbankpräsident anstrebt. Doch dann ist ihm die Sache irgendwie aus dem Ruder gelaufen. Ein Bundesbankpräsident, der für ein derartiges Verwirrspiel sorgt, hat als EZB-Kandidat keine Chancen mehr.

In Berlin müht man sich derweil um Schadensbegrenzung: Merkel sei enttäuscht von Webers Entscheidung. Sie habe mit ihm in die Verhandlungen um den EZB-Chefposten ziehen wollen, trotz aller Widerstände, hieß es aus der Koalitionsspitze. Nun gehe ihr der eigene Kandidat überraschend von der Fahne. "Das passt ihr gar nicht", sagt ein eingeweihter Unionsmann. "Jetzt hat sie niemanden mehr, mit dem sie in Brüssel pokern könnte."

Aus der Frankfurter Wilhelm-Epstein-Straße, aus der Zentrale der Bundesbank, ist zunächst nichts zu hören. Dann wird von dort versucht gegenzusteuern: "Die Deutsche Bundesbank dementiert Gerüchte über eine bevorstehende Mitteilung zur beruflichen Zukunft von Bundesbankpräsident Prof. Dr. Axel A. Weber", lautet der dürre Satz, den die Notenbank eine Stunde nach der ersten Eilmeldung verschickt.

Doch die Gerüchte sind damit nicht mehr unter Kontrolle zu bringen. Aus Webers Umfeld heißt es, dass eine Vorentscheidung für eine mögliche EZB-Kandidatur mit seiner Erklärung nicht gefallen sei. Am späten Vormittag telefonieren Weber und die Kanzlerin. Das Gespräch wird offiziell bestätigt, die Ungewissheit über den Inhalt sorgt für weitere Spekulationen. Danach soll Merkel den amtsmüden Bundesbankchef davon abgehalten haben, gleich hinzuschmeißen, und ihn dazu gedrängt haben, noch ein Jahr durchzuhalten.

Zu viele Feinde in Brüssel

Am Nachmittag kündigen Agenturen eine "persönliche Erklärung" Webers an, was umgehend zu Rücktrittsfantasien führt. Die Bundesbank muss erneut dementieren.

Das Vorspiel zu dem Drama hatte bereits vor Monaten begonnen. In Brüssel wurden Weber schon länger keine echten Chancen mehr auf den erhofften Job als oberster europäischer Währungshüter eingeräumt. "Das französische Veto steht", hieß es in Ratskreisen. Mit seiner offenen Kritik am Kauf griechischer, portugiesischer und irischer Staatsanleihen hatte sich der deutsche EZB-Chef vor allem in Südeuropa Feinde gemacht. Während Weber hierzulande den Ruf eines kompromisslosen Garanten deutscher Stabilitätskultur genießt, gilt er in anderen Euro-Staaten als dogmatischer Falke.

Auch in Berlin beobachtete man das eigenständige und wenig diplomatische Auftreten des Bundesbankpräsidenten mit zunehmendem Unbehagen. Dennoch trug das im Crash gewachsene Vertrauensverhältnis noch: Weber hatte als Krisenmanager an der Seite der Kanzlerin gestanden, als es galt, die taumelnde HRE aufzufangen und den Zusammenbruch des Finanzsystems zu verhindern.

Keine Werbung für Weber aus Berlin

Merkel habe bis zuletzt Chancen gesehen, Weber doch noch durchzusetzen, beteuern Insider. "Jetzt hat er einen anderen Karriereweg eingeschlagen. Das ist seine Entscheidung", hieß es am etwas verschnupft in der Hauptstadt. Doch die Kanzlerin hat es wie Finanzminister Wolfgang Schäuble vermieden, sich für den deutschen Kandidaten öffentlich stark zu machen. Selbst in Hintergrundgesprächen verweigerten sie jede Werbung für Weber.

Der Bundesbankpräsident sah sich selbst nie als Quertreiber, sondern als geradliniger Vertreter der wichtigsten Euro-Stabilitätsprinzipien. Weber ist der erste renommierte Ökonom an der Spitze der Bundesbank. Der Professor war vor seinem Wechsel nach Frankfurt einer der fünf Wirtschaftsweisen, die als Sachverständige die Bundesregierung beraten. Bewusst pflegte er sein Image als unabhängiger Zentralbanker, dem die taktischen Spielchen der Politik fremd sind.

Selbst in der Bundesbank gibt es seit Langem Zweifel, ob Webers Aufstieg wirklich geholfen hätte, Deutschlands Anliegen in der Euro-Zone durchzusetzen. Die offizielle Sprachregelung ist zwar, es sei eine Ehre, dass ihr Chef für das höchste Amt in der Euro-Zone gehandelt würde. Doch hinter vorgehaltener Hand äußern viele die Sorge, Merkel und Weber müssten für die Ernennung einen höheren politischen Preis bezahlen, als das Amt es wert ist.

Trichet soll noch bleiben

Auf den neuen EZB-Chef wird die EU nun noch eine Weile warten müssen. Deutsche Überlegungen, schon Ende März beim nächsten regulären EU-Gipfel ein Personalpaket zu schnüren, sind seit diesem Mittwoch vom Tisch. "Im Juni oder zur Not im Oktober" könne entschieden werden, heißt es nun. Viele EU-Finanzpolitiker wollen, dass Trichet möglichst lange Gesicht und Sprachrohr der EZB bleibt. "Die EZB ist der einzige starke Spieler in der Euro-Krise", sagt der Vertraute eines Finanzministers. "Der sollten wir nicht schaden."

Schon seit Wochen wird Jens Weidmann für einen Spitzenjob bei der Bundesbank gehandelt - bisher allerdings stets für den Posten des Vizepräsidenten. Jetzt könnte es für den wirtschaftspolitischen Chefberater von Kanzlerin Angela Merkel noch höher hinaus gehen: Der 42-Jährige gilt als Favorit für die Nachfolge von Bundesbankpräsident Axel Weber. Weidmann berät Merkel seit Anfang 2006 in allen wirtschafts- und finanzpolitischen Fragen.

In der Finanzkrise und der anschließenden Rezession stieg der parteilose Ökonom zu einem der mächtigsten Männer des Landes auf und organisierte für Merkel unzählige Rettungsaktionen für Banken und Unternehmen - natürlich stets im Hintergrund. So kommt es, dass sich Weidmann bis heute weitgehend unerkannt durch Berlin bewegen kann - oder durch Frankfurt, wo seine Familie wohnt. Noch ein Grund für seine Rückkehr zur Bundesbank, wo Weidmann bereits vor seiner Zeit im Kanzleramt arbeitete. Weber selbst kennt er noch von früher: Der war einst sein VWL-Professor.

mit DPA / FTD