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Jahresrückblick: Die Verlierer 2003

Wer Stillstand als Rückschritt bewertet, hatte es in diesem Jahr besonders schwer: IT- und Medienbranche erlitten erhebliche Einbußen und auch Bahn-Chef Mehdorn bekam für sein neues Tarifsystem die rote Karte.

Wer Stillstand als Rückschritt bewertet, hatte es in diesem Jahr besonders schwer: Die IT-Branche erlitt erhebliche Einbußen. Der Präsident des Bundesverbandes Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (BITKOM), Volker Jung, stellte zur diesjährigen Eröffnung der CeBIT in Hannover fest: "Vom Boom zum Bumerang ist es eben nur ein kurzer Weg.» Der Branchenverband Semiconductor Industry Association sieht aber auch Licht am Horizont: Für 2004 rechnet er mit einem Branchenwachstum um gut 19 Prozent auf 194,6 Milliarden Dollar.

Rote Karte für Mehdorn

Auf dem falschen Gleis fuhr Bahnchef Hartmut Mehdorn (61), bis ihm die Verbraucher die rote Karte zeigten. Das neue Tarifsystem erwies sich als Desaster. Daraufhin führte er die Bahncard mit 50 Prozent Rabatt wieder ein und versicherte: "Wir haben verstanden." Bei einer Umfrage (Marketing Corporation) unter 1000 Führungskräften erhielt der 61-Jährige trotzdem nur die Schulnote 3,7 und landete unter den deutschen Top-Managern auf dem letzten Platz. Auch bei den Plänen für einen schnellen Börsengang musste Mehdorn eine Niederlage einstecken: Die Entscheidung über eine Teilprivatisierung des Konzerns soll jetzt frühestens 2005 fallen.

WestLB schadete der Sprung über den Kanal

Banker sollten mit Geld umgehen können, vor allem dann, wenn es ihnen selbst nicht gehört. Die Westdeutsche Landesbank (WestLB) setzte mit ihrem Sprung über den Kanal und dem Kreditengagement beim britischen Fernsehverleiher Boxclever 2002 etwa eine halbe Milliarde Euro in den Sand. WestLB-Chef Jürgen Sengera (60) nahm seinen Hut. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen mehrere Manager wegen Untreue. Einen erfolgreichen Neuanfang soll mit Jahresbeginn das ehemalige Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, Thomas R. Fischer (56), garantieren.

Mannesmann-Übernahme 2000 blieb Thema

Zeit ist Geld. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann (55), Ex-IG-Metall-Chef Klaus Zwickel (64) und ehemalige Top-Manager von Mannesmann werden im nächsten Jahr einige Zeit vor Gericht verbringen müssen. Am 21. Januar beginnt vor dem Düsseldorfer Landgericht einer der spektakulärsten Wirtschaftprozesse, bei dem es um Abfindungen und Prämien von mehr als 50 Millionen Euro bei der Mannesmann-Übernahme durch Vodafone Anfang 2000 geht. Die Zahlungen waren vom Mannesmann-Aufsichtsrat abgesegnet worden, zu dem Ackermann und Zwickel gehörten. Als Zwickel vom Amt des Gewerkschaftsvorsitzenden zurücktrat, sagte er: "Wer sein Leben so einrichtet, dass er niemals auf die Schnauze fallen kann, der kann nur auf dem Bauch kriechen."

EnBW kam ins Gerede

Da mag mancher Mitarbeiter des baden-württembergischen Energieriesen EnBW im verflossenen Jahr gegrollt haben. Das Unternehmen kam wegen des Vorwurfs der Bilanzkosmetik ins Gerede und auch die Justiz wurde tätig. Im April hatte der langjährige EnBW-Vorstandsvorsitzende Gerhard Goll (61) seinen Platz für den Karriere-Manager Utz Claassen (40) geräumt. In der Folge bekriegten sich Claassen und der gestandene CDU-Politiker Goll wegen angeblicher Altlasten und eines Milliardendefizits. Zum Abschied hatte Goll orakelt: "Ich wünsche denen, die froh sind, dass ich gehe, dass es besser wird. Und denen, die traurig sind, dass es nicht schlechter wird."

Schlammschlacht bei mg technologies

Streit um den richtigen Weg kann fruchtbar sein. Beim Chemie- und Anlagenbauer mg technologies kam es letztlich zum Krach und zur Niederlage von Konzern-Chef Kajo Neukirchen (61). Nach knapp zehn Jahren an der Spitze des Frankfurter Traditionsunternehmens warf der machtbewusste Manager im Mai das Handtuch. Damit reagierte Neukirchen darauf, dass sein größter Widersacher Otto Happel (55 - er will die Säulen Chemie und Anlagenbau neu ordnen) seine mg-Anteile auf mehr als 20 Prozent verdoppelte. Sein Nachfolger bei der ehemaligen Metallgesellschaft wurde Udo Stark (56) - ein ehemaliger Intimfeind von Neukirchen. Beobachter sprachen von einer Schlammschlacht.

Dresdner Bank bereitet Allianz Magenweh

So richtig harmonisch geht es auch bei der Allianz ("Eine Allianz fürs Leben") und der Dresdner Bank ("Die Beraterbank") noch nicht zu. Dem Versicherungsriesen schlagen Probleme des Bankhauses erheblich auf den Magen. Trotz operativer Fortschritte steckte die Bank in den ersten neun Monaten weiterhin tief in den roten Zahlen; im nächsten Jahr soll sich die Bilanzfarbe aber schon mal ändern. Der Dresdner war von der Allianz ein rigider Sparkurs mit dem Abbau von 15 000 Stellen verordnet worden. Allianz-Vorstand Helmut Perlet kündigte an: "Wir werden die weiter notwendigen Restrukturierungen mit vollem Tempo vorantreiben."

Bauchlandung für Aero Lloyd

Im Wirbel von Konjunkturkrise, Kriegsängsten und Lungenkrankheit Sars machte der Ferienflieger Aero Lloyd eine Bauchlandung. Der deutsche Ferienflieger musste seinen Betrieb wegen Zahlungsunfähigkeit einstellen. Das Unternehmen war mit 1400 Beschäftigten eine der großen unabhängigen Chartergesellschaften. Die Bayerische Landesbank, mit 66 Prozent Mehrheitseigentümer, hatte den Geldhahn zugedreht. Aber die Hoffnung fliegt mit: Der Insolvenzverwalter schließt nicht aus, dass Aero Lloyd Anfang des Jahres wieder abheben kann.

MLP flog aus dem DAX

In Turbulenzen geriet auch der Finanzdienstleister MLP, der sich vornehmlich um das Geld von Akademikern kümmert. Der einstige Shootingstar an der Börse musste den DAX verlassen und stieg in die zweite Börsenliga ab. Diesem Abstieg gingen Vorwürfe der Bilanzmanipulation und des Insiderhandels voraus. Es folgten Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und ein Abrutschen tief in die roten Zahlen. Eng verknüpft mit dem Absturz war der Name des Vorstandschefs Bernhard Termühlen (48), der zum Jahresende seinen Abschied nimmt. Daraufhin startete MLP-Aufsichtsrat und -Gründer Manfred Lautenschläger, der am 15. Dezember 65 Jahre alt wird, die Nachfolger-Suche unter der Devise: "Ein Mann aus der zweiten Reihe kommt nicht in Frage. Es muss ein Wundermann sein." Aber das Gute liegt oft so nah: MLP-Finanzchef Uwe Schroeder-Wildberg (38) soll am 17. Dezember vom Aufsichtsrat berufen werden.

MobilCom-Chef Schmid fiel tief

Wer nach ganz oben strebt, hat bekanntlich eine gute Aussicht, kann aber auch tief fallen. Der einstige MobilCom-Lenker Gerhard Schmid (51) hat seine letzte Aktie an dem früher glänzend dastehenden Unternehmen verloren. Das Mobilfunkunternehmen (jetzt: mobilcom) gehört nun überwiegend freien Aktionären. Lediglich France Télécom ist als Großaktionär noch mit 28,5 Prozent beteiligt. Die Erlöse aus den Aktienverkäufen des einstiegen Milliardärs flossen überwiegend Banken zu, denen Schmid und die Firma Millenium seiner Frau ihre Aktien als Sicherheit für Kredite verpfändet hatte.

DPA