HOME

Einwanderung und Integration: Oh, wie schön ist Kanada

Deutsche Politiker wettern gegen Immigranten, dabei braucht die Wirtschaft dringend Fachkräfte. Kanada macht es besser: Das Land wirbt gezielt um Einwanderer - und kennt keine Integrationsprobleme.

Von Sönke Wiese

Horst Seehofer mag das nicht passen. Nach seiner Polemik gegen Einwanderer "aus fremden Kulturkreisen" stellten Wirtschaftsexperten unisono klar: Deutschland nimmt nicht zu viele, sondern - im Gegenteil - zu wenige Migranten auf. "Wir sind dringend auf qualifizierte Einwanderer angewiesen", sagte etwa Klaus Zimmermann. Der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) meint: 500.000 Ausländer mehr sollten es pro Jahr sein.

Die Fakten: Die deutsche Bevölkerung schrumpft, die Anzahl der hier lebenden Ausländer ebenso. Und immer mehr Deutsche wandern auch noch aus. Mehr als 170.000 waren es 2008, unter ihnen viele qualifizierte Fachkräfte, die von anderen Staaten wie Kanada und Australien begeistert aufgenommen werden. Deutschland - ein Auswanderungsland.

So wächst hierzulande die Facharbeiterlücke immer weiter. Die dadurch "verursachten Wertschöpfungsverluste sind enorm", stellte das Bundeswirtschaftsministerium vor kurzem fest und schätzte die Kosten auf 20 Milliarden Euro jährlich. Besserung ist nicht in Sicht: Die mobilen Eliten lassen Deutschland links liegen. Weniger als 20.000 Facharbeiter kamen nach Schätzung der OECD 2008 hierher, gemessen an der Gesamtbevölkerung eine der niedrigsten Quoten im internationalen Vergleich. Italien, Dänemark, Spanien, Holland, Finnland, Belgien, Großbritannien, Australien, Kanada, Südkorea: Sie alle sind beliebter bei den besten Köpfen aus aller Welt - die auch Deutschland so dringend benötigt.

Was Kanada besser macht

Was läuft hierzulande falsch? Eine ganze Menge, sagen Ökonomen ebenso wie Migrationsexperten und empfehlen einen Blick nach Kanada: Das Land betreibe eine vorbildliche Einwanderungspolitik. Was Deutschland alles von den Kanadiern lernen könnte, wird schnell deutlich.

In Deutschland

brauchen Einwanderungswillige aus Nicht-EU-Staaten zunächst ein konkretes Arbeitsplatzangebot, dann schlägt die sogenannte Vorrangprüfung zu. Der Arbeitgeber muss bei der Bundesagentur für Arbeit nachweisen, dass für den Job nicht auch ein Deutscher oder EU-Bürger in Frage kommt. Das Verfahren kann Monate dauern - eine Geduldsprobe, auf die sich nur wenige Unternehmen und Bewerber einlassen. Bevorzugte Behandlung gibt es immerhin für Hochqualifizierte: zum Beispiel für Wissenschaftler, Ingenieure und IT-Spezialisten. Sie müssen allerdings ein Jahresgehalt von mindestens 63.000 Euro verdienen, diverse Auflagen erfüllen und Nachweise erbringen. Ausländische Studenten dürfen bleiben, wenn sie spätestens ein Jahr nach ihrem Abschluss eine Anstellung finden. Kritiker sagen: Die Hürden, zum Beispiel die Einkommensschwellen, sind zu hoch, die Verfahren zu aufwendig, die Bürokratie ist zu undurchsichtig und die Auslese nicht gezielt genug.

Das kanadische System

erscheint dagegen viel simpler - und effizienter. Es besteht aus zwei Stufen. Arbeitsmigranten müssen erst einmal ein Minimum an Fähigkeiten und Kompetenzen mitbringen: In verschiedenen Kategorien wie Alter, Bildungsabschluss, Englisch- oder Französischkenntnissen und Berufserfahrung werden Punkte vergeben. Wer von maximal 100 Punkten mindestens 67 erreicht, landet auf der begehrten Warteliste. Dann kommt Stufe zwei: eine Abgleichung mit den aktuellen wirtschaftlichen Präferenzen. Angenommen wird, wer zum Bedarf auf dem kanadischen Arbeitsmarkt passt. Knapp 30 Berufe sind besonders gewünscht, daneben ermittelt der Staat jährlich die Arbeitskraft-Nachfrage auf nationaler Ebene, außerdem können die Provinzen spezielle Programme entsprechend ihren Bedürfnissen ausschreiben.

Die Vorteile dieses Systems, das quer durch die Parteien viele Politiker wie zum Beispiel Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) übernehmen wollen, liegen auf der Hand: Es ist flexibel, zielorientiert und leicht nachvollziehbar. So können zum einen Einwanderungswillige etwa mittelmäßige Sprachkompetenzen durch Spitzenwerte bei Alter oder Bildungsabschluss ausgleichen - entscheidend ist allein die Endpunktzahl. Zum anderen ist die endgültige Auswahl immer dem jeweiligen Bedarf der Wirtschaft angepasst. Ergebnis: Das Land nimmt die Menschen auf, die es gerade braucht und die voraussichtlich keine Probleme bei der Integration haben - egal aus welchem Kulturkreis sie kommen.

"Leuchttürme der Integration"

Tatsächlich klappt das Zusammenleben von Ausländern und Kanadiern weitgehend reibungslos. "Eine Integrationsdebatte, wie sie in Deutschland geführt wird, kennt man dort nicht", sagt Thomas Liebig, Migrationsexperte bei der OECD. Im Gegenteil: Während hierzulande immer wieder Immigranten zu wenig Engagement unterstellt wird, fragt man sich in Kanada vielmehr, wie Staat und Gesellschaft den Ausländern besser unter die Arme greifen könnten. Dort werden nämlich die Arbeitsmigranten überwiegend sich selbst überlassen. Dahinter steckt der Gedanke, dass hochqualifizierte Einwanderer von allein motiviert genug sind, in der fremden Gesellschaft anzukommen.

Diese Einsicht setzt auch langsam in Deutschland durch. "Je größer der kulturelle Abstand zum Aufnahmeland, je stärker sind auch typischerweise die Integrationsanstrengungen", sagte DIW-Chef Zimmermann dem "Hamburger Abendblatt". Er glaubt, dass gerade die Türkei auf lange Sicht ein gutes Partnerland für einen flexiblen Arbeitsmarkt wäre.

Auch OECD-Experte Liebig hält eine verstärkte Aufnahme von türkischen Einwanderen aus Integrationssicht für wünschenswert: Eine neue Generation von Migranten könnte quasi als Brückenbauer für beide Seiten dienen. Für die weniger gut integrierten Türken wären sie Vorbild und Verbindungsglied zur deutschen Gesellschaft. Und bei den Unternehmen und der deutschen Bevölkerung würden sie "das Bild vom vermeintlich schlecht gebildeten Zuwanderer zurechtrücken." Man bräuchte solche "Leuchttürme der Integration", so Liebig. Um diese herausragenden Einwanderer werben Kanada und Australien schon lange aktiv, zum Beispiel über Anzeigen, Medienarbeit oder auf Messeständen - auch in Deutschland.

Vorbilder auch in Europa

Doch für eine erfolgreiche Einwanderungs- und Integrationspolitik muss die deutsche Politik den Blick gar nicht erst in die Ferne richten. In Europa gebe es genügend Vorbilder, sagt Liebig.

  • Belgien beispielsweise leistet sich sogenannte Diversitätsberater, die mittelständische Betriebe bei der Rekrutierung und Aufnahme von Ausländern beraten.
  • Portugal hat landesweit Integrationszentren eingerichtet, wo man sich gebündelt um alle Belange von Migranten wie zum Beispiel auch die Wohnungssuche kümmert.
  • Tschechien erlässt ausländischen Studenten die Studiengebühren, wenn sie ihr Studium in Landessprache absolvieren - mit dem Ziel, dass sie von Anfang an in der Fremde besser klarkommen und sesshaft werden.
  • Und die skandinavischen Länder haben die Vorbildfunktion des öffentlichen Dienstes für die Integration erkannt - und bringen dort entsprechend viele Migranten unter.

Allerdings fragte Frank-Jürgen Weise, Chef der Bundesagentur für Arbeit, mit Blick auf die Seehofer-Schelte: "Warum sollte jemand, der richtig gut qualifiziert ist, ausgerechnet zu uns kommen?" Thomas Liebig von der OECD gibt sich da weniger pessimistisch: "Deutschland hat im Ausland ein viel besseres Image, als die meisten Deutschen glauben. Je weiter weg die Länder, desto interessanter erscheint Deutschland den hochmotivierten Arbeitsmigranten." Der Staat muss nur noch zeigen, dass sie hier auch willkommen sind.