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Ölpest im Golf von Mexiko: Über BP kreisen die Geier

Es begann als Imagedesaster. Doch inzwischen hat die Ölpest im Golf von Mexiko den Ölkonzern BP in eine Existenzkrise gestürzt. Der Industrie-Ikone, so Experten, werde es in zwei Jahren nicht mehr in dieser Form geben.

Von K. Werner, M. Ruch und T. Kroder

Das Gesicht der Ölpest sieht müde aus. Seit sechs Wochen pendelt Tony Hayward zwischen London, der BP-Zentrale in Houston, dem Krisenzentrum in Louisiana, zwischen Washington, Mississippi und Florida. Seit sechs Wochen gibt der BP-Chef Interviews. Zeitungen, Fernsehsender, alle stellen dieselben Fragen. Und wie ein Roboter gibt er immer wieder die gleichen hilflosen Antworten - ohne Mimik, ohne Gesten und natürlich ohne Lächeln: Es geht um eine Katastrophe. Für die Umwelt. Den Konzern. Ihn.

Wie konnte er diesen Öl-GAU nur so unterschätzen? Als die Plattform "Deepwater Horizon" explodierte und im Golf von Mexiko versank, tat Hayward, als ginge es um einen bedauerlichen Unfall in einem fernen Land. Als habe er alles unter Kontrolle. Als sei alles bald behoben - eine Ölpest, nun ja, ein paar verschmutzte Seevögel, schlimme Bilder, etwas Schadensersatz. Weiter mit dem Bohren in dunklen Tiefen.

Es für BP mehr als um einen Imageverlust

Doch unter Kontrolle ist gar nichts. Längst geht es für BP um mehr als einen Imageverlust; es geht um die Existenz. Ein Drittel des Börsenwerts hat der Konzern verloren. Allein die Schadensersatzklagen könnten eine zweistellige Milliardensumme kosten. Erste Beobachter entwerfen sogar Szenarien einer Zerschlagung oder Übernahme. "In zwei Jahren wird es BP als Firma, wie wir sie kennen, nicht mehr geben", prophezeit Robbie Vorhaus, US-Experte für Krisenkommunikation. "BP wird nur noch ein schwarzer Teerfleck sein in den Annalen der US-Energiepolitik."

Nach den massiven Kursverlusten versucht BP nun Investoren und Analysten besänftigen. Per Telefonkonferenz will Hayward am Freitagnachmittag über die wirtschaftliche Lage des Konzerns informieren. Unterdessen hat die US-Regierung der britischen BP eine erste Rechnung über 69 Millionen Dollar (rund 57 Millionen Euro) für die Reinigung der mit Öl verschmutzen Strände geschickt.

Von Anfang an hat Tony Hayward viele Fehler gemacht. Ob und wie das Image unter einer Krise leidet, entscheidet sich in den ersten 48 Stunden, in der "goldenen Stunde" der Krisenkommunikation, sagt der PR-Experte Patrick Kinney. Er kennt BP gut, hat die Kampagne begleitet, als der Konzern sich den neuen Namen "Beyond Petroleum" statt "British Petroleum" verpasste. Damals, als man noch grün und gut sein wollte. In den ersten zwei Wochen habe BP sich völlig falsch verhalten, sagt er.

Das Mantra von BP: Die anderen waren es

Zunächst wird verharmlost und sich davongestohlen. Kein Öl tritt aus, meldet BP am Tag nach dem Unfall. Und überhaupt gehöre die Bohrinsel ja dem Schweizer Unternehmen Transocean, das im Auftrag von BP bohrt. Das wird zum Mantra der Pressestelle: Die waren es. Statt Hayward schnell in orangefarbener Schwimmweste zur Unglücksstelle zu schippern, schirmen die PR-Strategen ihren Chef erst einmal ab.

Das nehmen die Menschen übel. "Die Leute hier hätten es gern gesehen, wenn ein Vorstand von BP nach Venice gekommen wäre", sagt Steven McNeal, der Pfarrer der Baptistengemeinde im Küstenort Venice, eine Woche nach der Explosion. "BP sollte persönlich kommen, um Hilfe anzubieten - und Verantwortung zu übernehmen."

Hayward ist zwar in den USA, doch die Fischer warten weiter vergeblich. Selbst als US-Präsident Barack Obama trotz schwerer Unwetter nach Louisiana kommt, um den Menschen Mut zuzusprechen, ist Hayward nicht dabei. Der BP-Chef habe Treffen mit Politikern, der Küstenwache und Juristen gehabt, heißt es von Konzernseite trocken, das sei eben wichtiger gewesen.

Die Inszenierung des Chefs floppt

Eine Woche nach dem Unfall lässt sich der BP-Boss zum ersten Mal im Fernsehen interviewen. Hayward, 53 Jahre alt, kühler Analytiker, Naturwissenschaftler, Triathlet, ist perfekt in Szene gesetzt: aufgeknöpftes hellblaues Hemd, Wuschelhaare. Hinter ihm wuselt der Krisenstab durch ein Großraumbüro. Ein bisschen sieht er aus, als würde er gleich in die Gummistiefel schlüpfen und ein paar Pelikane aus dem Schlick retten. Doch was er sagt, lässt die Inszenierung lächerlich erscheinen: Statt die Verantwortung zu übernehmen, schiebt Hayward sie ab: "Die Verantwortung für die Sicherheit liegt bei Transocean. Es ist ihre Bohrinsel, ihr Equipment."

Der zweite "PR-Gau", wie BP-Manager einräumen, ist die Kalkulation der Ölmenge, die aus dem Leck in 1600 Meter Tiefe sprudelt. Erst angeblich gar nichts. Dann heißt es 160.000 Liter pro Tag. Später das Fünffache. Seit ein paar Tagen sind es mindestens drei Millionen. Der Beweis, "dass man den Angaben von BP nicht trauen kann", sagt der US-Kongressabgeordnete Edward Markey.

Immerhin: Je länger das Desaster andauert, desto mehr lernt BP dazu, versucht der Konzern, transparent zu sein. Presseleute twittern, sind bei Facebook und Youtube, aus der Tiefe sendet eine Kamera rund um die Uhr Bilder vom Leck. Der Stab in Louisiana wird verstärkt - Mitarbeiter nehmen die wütenden Anrufe der Bürger an. Doch die neue Offenheit kann den schlimmsten PR-Fehler nicht verhindern. Hayward selbst begeht ihn. Vor zwei Wochen sagt er der britischen Zeitung "Guardian" einen Satz, der um die Welt geht: Der Ölteppich sei im Vergleich zur Größe des Golfs von Mexiko doch "winzig".

BPs Kampf gegen die Öffentlichkeit

Verzweifelt stemmt sich BP gegen die Empörung. Die Idee: BP muss Amerika die Katastrophe von einer Amerikanerin erklären lassen. In dieser Woche hat der Konzern Anne Kolton zur obersten Mediensprecherin in den USA gekürt. Sie war im US-Energieministerium für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, beriet auch das Finanzministerium und die Börsenaufsicht SEC.

Dass sie die Marke retten kann, glaubt kaum einer. "Bei jedem neuen Ölunfall werden Journalisten diesen künftig mit BP vergleichen. So wie bisher 'Exxon Valdez' herangezogen wurde", sagt PR-Berater Dirk Popp von der Agentur Ketchum Pleon. Kommunikationsexperte Vorhaus meint sogar, dass der Konzern seinen Namen ändern müsse. "Jeder wird für alle Zeiten den Unfall die 'BP-Ölkatastrophe' nennen. Vorhaus sagt voraus, dass in zwei Jahren nichts mehr sein wird wie zuvor: "Das Management wird ausgewechselt und Unternehmensteile werden verkauft sein."

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Obama ist zornig

Es ist nicht allein die Wut der Anwohner und Kunden, die BP in Bedrohung bringen. Es ist auch die Wut der Politik, von Barack Obama, der dem Konzern ein wütendes "Ich bin zornig" entgegenschleuderte. Nach dem Desaster könnte BP bei künftigen Bohrprojekten von der Regierung übergangen werden. Das würde den Konzern, der ein Viertel seines Geschäfts in den USA macht, heftig treffen. Er könnte gezwungen sein, Bohrprojekte und Tankstellen in den USA zu verkaufen. "Das US-Geschäft wird nicht zu halten sein", sagt Dougie Youngson, Analyst bei der Bank Arbuthnot.

Mitleid gibt es keins. US-Bürger, Politiker, Aktionäre, Spekulanten - alle stellen sich gegen den Konzern, gegen seinen Chef, der bei Analysten immer als Vorzeigemanager galt: Hayward hat Kosten gespart, Stellen gestrichen, Gewinne gesteigert. Die Börse dankte es mit einem Kursplus, mit dem BP den Rivalen Shell als größten Ölkonzern Europas ablöste. Damit ist es vorbei. BP ist wieder hinter Shell, und Analysten sprechen von einer Existenzkrise. "Wenn man sich den Kursverlust anschaut und die Wahrscheinlichkeit, dass das so auch weitergeht, glauben wir, dass sich BP zum Übernahmekandidaten entwickelt ", sagt Youngson.

Tag für Tag verliert BP an der Börse. Zuletzt waren es allein 15 Prozent. 71,6 Milliarden Dollar hat der Konzern an Börsenwert eingebüßt. Damit wird er angreifbar, vor allem für finanzstarke Staatskonzerne aus China oder Brasilien. Oder für Shell, über den es schon lange Fusionsgerüchte mit BP gibt. Zumindest Teile des Geschäfts wird BP aufgeben müssen, etwa Ölfelder, glauben die meisten Analysten. Für sie wird es viele Interessenten geben, BP hat einige lukrative Quellen, vor allem im Golf von Mexiko.

240 Milliarden Dollar Umsatz im vergangenen Jahr

Gegen eine Komplettübernahme könnte Hayward sich zwar wehren. BP ist ein reicher Konzern. 240 Milliarden Dollar hat er 2009 umgesetzt, in den vergangenen drei Jahren 60 Milliarden Dollar verdient. Jedes Jahr schüttet er satte Dividenden aus, die er kürzen könnte. "Die Bilanz ist sehr stark, mit hohem Cashflow und geringer Verschuldung. Es müsste sehr viel geschehen, bis BP an den Rand seiner Finanzierungsmöglichkeiten kommt", sagt Steffen Bukold, Ölexperte vom Branchendienst Energycomment. Doch er glaubt auch, dass Interessenten den Kurs genau im Auge behalten. Auch könnten Großaktionäre, vor allem Pensionsfonds aus den USA, Druck ausüben, Anteile zu verkaufen, damit ihre hohen Dividenden bleiben.

Schuld am Kursverlust sind auch Sammelklagen. Anwälte wie der berüchtigte Texaner Mark Lanier, der gerade Toyota wegen der defekten Gaspedale vor Gericht zerrt, reichen eine nach der anderen ein. Alle klagen: Krabbenfischer, Hoteliers, Strandliegenvermieter, Bootsverleiher, Austernzüchter. Die Zahl der Betroffenen könnte auf eine Million steigen, der Schadensersatz auf viele Milliarden. Auch Transocean und Versicherungen wollen klagen. Die US-Regierung sammelt Beweise für ein zivilrechtliches und ein strafrechtliches Verfahren. Es wird "die größte juristische Schlacht in der US-Geschichte", sagt Lanier.

Kreditabsicherungen werden täglich teurer

Die Märkte haben den Ernst der Lage erkannt. Das zeigt sich an den Kreditderivaten des Konzerns. Diese verteuerten sich nun zum ersten Mal überhaupt auf mehr als 200 Basispunkte und wurden zuletzt bei 240 Punkten gehandelt. Das heißt, dass es jährlich 240.000 Dollar kostet, 10 Millionen Dollar an Anleihen abzusichern. Am Tag der Explosion waren es 43 Basispunkte.

Das bedeutet nicht zwingend, dass Anleger mit einer Pleite des Unternehmens rechnen. Allerdings ist es ein Hinweis, dass Leerverkäufer BP ins Visier nehmen. Das kann den Konzern an der Börse niederreißen und weiteres Vertrauen zerstören. "Die Situation hat den Geruch des Todes", sagt Arbuthnot-Analyst Youngson. Die Geier kreisen schon.

FTD