VW-Affäre Suff und Safari


Die VW-Affäre rüttelt den Konzern weiter durch: Der stern zeichnet ein brisantes Angola-Geschäft nach, von dem der Vorstand mehr wusste, als ihm heute lieb ist.

Luanda im August 2004. In der Hauptstadt Angolas herrschen schwüle 25 Grad im Winter, und schon am Nachmittag ist die erste Flasche Whisky leer. Die "Medizin Afrikas" begleitet nahezu jedes Meeting. Den Besuch bei einem Großgrundbesitzer etwa, einem gastfreundlichen älteren Herrn, bei dem Papageien und Pfauen das opulente Anwesen bevölkern. Oder das Treffen mit einem VW-Händler - einem Mann, an dessen Ringfinger ein fünfkarätiger Diamant aufblitzt, auf dessen Hof aber die Autos eine zentimeterdicke Staubschicht tragen.

Dies sind die harmlosen, die bunten Anekdoten aus einem Tagebuch zweier Deutscher, die nach Angola aufgebrochen waren, um einen Deal anzubahnen, der dem Autokonzern Volkswagen satte Profite bringen sollte. Andere Passagen in dem Tagebuch sind weniger amüsant - dafür aber so brisant, dass sich die Staatsanwaltschaft in Braunschweig brennend für sie interessiert. Sie gewähren, zusammen mit anderen Dokumenten und Zeugenaussagen, erstmals einen intimen Einblick in ein Geschäft, das heute als einer der Auslöser der Affäre um Lustreisen, Untreue und Betrug bei Volkswagen gilt.

Für den ohnehin unter Druck stehenden VW-Chef Bernd Pischetsrieder sind die neuen Informationen wenig erbaulich. Erst vor zwei Wochen hatte der Konzern seine Nachforschungen in dem Skandal für beendet erklärt. Ergebnis der von Pischetsrieder veranlassten internen Recherchen: alle Schuld in der Affäre liege bei zwei ehemaligen Angestellten - dem Ex-Vorstand der VW-Tochter Škoda, Helmuth Schuster, und dem einstigen Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer. Sie sollen versucht haben, an VW vorbei über dubiose Firmenkonstruktionen in Angola, Tschechien, Indien und sonstwo heimlich in die eigene Tasche zu wirtschaften. Gebauer dementiert das zumindest für Angola und Indien. Schusters Anwalt lehnt einen Kommentar ab, solange die Staatsanwaltschaft keine Akteneinsicht gewährt hat. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. In den nächsten Monaten wird mit Anklagen gerechnet.

Das nun dem stern vorliegende Tagebuch sowie weitere Unterlagen und Aussagen entlasten zwar die beiden geschassten VW-Leute nicht - im Gegenteil. Sie zeigen aber, dass es sich bei dem Angola-Geschäft nicht um einen Alleingang von Schuster und Co. handelte, wie Volkswagen seit Hochkochen des Skandals im Sommer 2005 gern Glauben macht.

Im Zentrum des Verdachts

steht eine Firma namens AnCar, die das Engagement in Afrika betrieb und die VW-Chef Pischetsrieder inzwischen hartnäckig als "Tarnfirma" bezeichnet. Sie wurde von Volkswagen lange Zeit ganz offen darin unterstützt, einen Markt anzugehen, in dem kein Investor ohne Gefälligkeiten zum Zuge kommt. Die starken Hinweise auf Korruption haben Škoda und die Zentrale in Wolfsburg offenbar sehenden Auges ignoriert. Dass die Geschäfte in Angola außerhalb der Aufmerksamkeit des Konzerns gelaufen seien, glaubt auch der Braunschweiger Staatsanwalt Klaus Ziehe nicht: "Ich habe nie von Tarnfirmen gesprochen."

Auf den ersten Blick handelt es sich bei dem Angola-Geschäft um eine krude Idee: Neuwagenmodelle von Škoda sollten in Lissabon demontiert werden, um sie in Luanda wieder zusammenzusetzen. Im ersten Jahr sollten auf diese Weise 10 000 Wagen nach Angola verschifft werden. Der hohe Aufwand der wiederholten Montage hätte sich dennoch rechnen können. Denn die angolanische Regierung verpflichtete sich per Vertrag, auf eine Besteuerung des Handels zu verzichten, wenn im Gegenzug im eigenen Land Arbeitsplätze geschaffen würden.

Im ölreichen Angola pulsiert seit dem Ende des Bürgerkriegs 2002 die Wirtschaft. Wer hier früh genug einsteigt, kann das schnelle Geld machen. Das wittert im Frühsommer 2003 auch ein windiger deutscher Finanzberater mit Sitz auf Mallorca, Eine Bekannte in Hamburg verschafft dem Mann namens Johann J. den Zugang zu den VW-Leuten Gebauer und Schuster. ðkoda-Vorstand Schuster ist damals auch für neue Märkte in Asien und Afrika zuständig. Man wird sich schnell einig mit Johann J. Fortan erläutert Schuster ihm, wie Briefe an Škoda formuliert werden müssen, damit Johann J. an einen Importeursvertrag kommt.

Am 13. November 2003 wird die Firma AnCar Worldwide Investments Holding mit Sitz im amerikanischen Delaware gegründet. Johann J. hält 34 Prozent, das Gros der Anteile wird zunächst über einen Kieler Steuerberater und Treuhänder verwaltet. Für wen? Mutmaßlich für Schuster und Gebauer. Ex-VW-Mann Gebauer bestreitet eine Beteiligung, Schusters Anwalt lehnt einen Kommentar ab. Auch gegen Johann J., der für eine Stellungnahme nicht zu erreichen war, sowie gegen den Treuhänder ermittelt nach stern-Informationen neuerdings die Staatsanwaltschaft.

Es wäre damals ein kurzer Auftritt der Angola-Connection gewesen, hätte VW angemessen reagiert. Schon fünf Tage nach Firmengründung, am 18. November 2003, gerät Johann J. ins Visier der ðkoda-Revision. Das ist jene Konzernabteilung, die Geschäfts- und Finanzverbindungen auf Seriosität und Solvenz hin durchleuchtet. Revisor Helmut Schmidt schreibt per E-Mail an den Betreiber eines Internetcafés auf Mallorca: "Auf der Internetseite taucht der Name Johann J. unter der Seite Gauner auf. Da eine Person gleichen Namens sich hier als Geschäftspartner anbietet, würden mich diesbezügliche Erfahrungen interessieren."

Gauner? Tatsächlich war der Finanzberater zu jener Zeit bereits strafrechtlich auffällig geworden, über einem seiner Unternehmungen schwebte zudem ein Konkursverfahren. Durch die Antwort aus Mallorca erfährt die ðkoda-Revision von "faulen Verträgen" und davon, dass J. mit allem Möglichen handle: mit Schiffsmotoren, Immobilien, einem Konzept für eine Verbrennungsanlage. Revisor Schmidt, gibt VW auf Anfrage an, habe seine Erkenntnisse über J. nach oben gemeldet. Aber Vorstand Schuster habe alle Zweifel vom Tisch gewischt. "Es unterstreicht die eigensüchtigen Motive von Herrn Dr. Schuster, dass er die Personen, die ihm als Vorstand vertrauen durften, bewusst irregeführt hat", so VW gegenüber dem stern.

War Schuster tatsächlich so unantastbar? Oder ließ man ihn bei VW zumindest fahrlässig gewähren, um zu verhindern, dass der Konzern selbst zu stark in zweifelhafte Geschäfte gerät? Etwa bei der Finanzierung des Angola-Deals: VW-Tochter Škoda verlangte von der Partnerfirma AnCar einen Beleg darüber, dass die Firma einen millionenschweren Autohandel finanziell überhaupt stemmen kann. Zwar ließ Johann J. dem ðkoda-Vorstand eine entsprechende Garantie zukommen. Doch er war es selbst, der am 3. Dezember 2003 im Namen einer Fondsgesellschaft Cantebury Ventures mit Anlagen in Paraguay und Bankverbindung in Holland versicherte, 30 Millionen Dollar in das Angola-Geschäft zu stecken. Woher kam das Geld? Wer ist Cantebury?

Aufklärung hätte eine Woche später eine Präsentation bringen können, zu der eine AnCar-Delegation im ðkoda-Firmenflieger nach Prag eingeflogen wird. An ihrer Spitze steht AnCar-Geschäftsführer Hans Christian Lengfeld. Mit an Bord der Maschine ist auch Johann J. Auf ðkoda-Seite sitzen bei dem Meeting neben Schuster dessen damaliger interner Gegenspieler und Vizvorstandschef Winfried Vahland sowie der seinerzeitige Vertriebschef Ralf Berckhan am Tisch. Außerdem ist der emsige Internetrechercheur Schmidt aus der Revision dabei. Als Rechtsbeistand stößt der Škoda-Chefjustiziar dazu.

Tagesordnungspunkt 3 a der Veranstaltung: "AnCar - Muttergesellschaft USA". Einer der Hauptdiskussionspunkte war: "Cantebury Ventures, Vertrauenswürdigkeit, Eigentumsverhältnisse". "Mir wurde von allen Beteiligten der Eindruck vermittelt, die hätten die Firmen gecheckt", so Ex-AnCar-Mann Lengfeld heute, der sagt, er sei nie an der Firma beteiligt gewesen. Auch der ðkoda-Jurist habe sich allenfalls für Haftungsrisiken bei Volkswagen interessiert, die aus dem Geschäft erwachsen könnten. Nach den Hinterleuten der AnCar habe der Justiziar nicht gefragt.

Bei VW will man die Situation heute differenzierter verstanden wissen: Der Konzernjurist habe sehr wohl Bedenken angemeldet, doch auch er sei von Vorstand Schuster abgekanzelt worden - "ohne Skrupel". ðkoda-Finanzchef Vahland habe den Deal, wie es seine Aufgabe gewesen sei, allein auf finanzielle Risiken für den Konzern abgeklärt. Und der Vertrieb habe sich auf die Chancen des Geschäfts konzentriert. "So nimmt man auch mal eine Firma in Kauf, die weniger gut beleumundet ist", sagt ein VW-Insider.

Im Dezember 2003

nickte VW das Angola-Geschäft seiner Konzerntochter ab. AnCar bekam den ersehnten Importeursvertrag. Der VW-Exportleiter schrieb Anfang 2004 in einer internen Mail, ihm sei die Firma "als Investment-Fonds dargestellt worden, der seitens ðkodaAuto auf Herz und Nieren geprüft worden ist". Der Konzern erklärt dazu heute, der Exportleiter sei "von dem Projektverantwortlichen" Schuster belogen worden.

Doch Zweifel an Schuster kamen sogar bei Pischetsrieder schon 2004 auf. Damals ging es um Unregelmäßigkeiten beim VW-Pensionsfonds, den Schuster verwaltete. Der VW-Chef beließ es dabei, Schuster wegen dessen gefährlicher Nähe zu dubiosen Geschäftspartnern zu rüffeln. Offenbar vorsichtig geworden, drängte Schuster etwa zur selben Zeit Finanzjongleur J. aus dem Angola-Projekt. Von nun an trat eine Schweizer Gesellschaft als Haupteignerin des Importeurs AnCar auf. An der Firma wiederum, das legt ein Dokument nahe, hat Schuster zumindest zeitweise 48 Prozent gehalten. Schuster lehnt einen Kommentar hierzu ab.

Glaubt man dem früheren AnCar-Manager Hans Christian Lengfeld und den Angaben seines Bruders Mathias Lengfeld, einem Architekturprofessor mit Ambitionen, für das Projekt in Angola Montagehallen zu entwerfen, so gab es damals weitere Hinweise, die VW hätten stutzig machen müssen. Der Architekt war es, der damals über die gemeinsame Zeit in Luanda das ebenso amüsante wie brisante Tagebuch führte, das auch der Staatsanwaltschaft vorliegt.

Am 6. August 2004 bekommen die beiden Brüder in Afrika Besuch von Volkswagen: Berthold Krüger, Vizechef von VW in Brasilien, ist in Sachen Autoexport in Angola. Beim Abendessen, so schreibt Lengfeld, stelle Krüger "die alles entscheidende Frage, wer AnCar eigentlich sei". AnCar-Manager Hans Christian Lengfeld lässt durchblicken, Schuster und Gebauer verfolgten in Angola vermutlich private Interessen. Doch Topmanager Krüger "verteidigt die Vorgehensweise von VW". Der Konzern besitze keine Strukturen, um solche Projekte vorzubereiten, habe Krüger berichtet: "Daher bedient er sich Trailer wie AnCar." Krüger werde aber "nächste Woche mit anderen VW-Vorständen die Problematik erörtern", notiert Lengfeld. VW-Mann Krüger hat diesen Gesprächsinhalt gegenüber der Staatsanwaltschaft dementiert. Volkswagen bestätigt lediglich das Treffen in Luanda, ansonsten stehe Aussage gegen Aussage.

Ein Blick auf die Vertragskonstruktion in Angola genügt, um abschätzen zu können, warum ein Konzern in Ländern wie Angola lieber "Trailer" die unfeine Vorarbeit erledigen lässt. Um sich in dem Land engagieren zu können, musste AnCar einen angolanischen Ableger gründen. Daran beteiligt: eine Stiftung des Präsidenten und der wirtschaftliche Arm der Regierungspartei. Als die Genehmigung des Investitionsvertrags im Ministerrat ins Stocken geriet, kam zudem eine junge Frau namens Tchizé dos Santos ins Spiel - die Tochter des Präsidenten. AnCar Worldwide trat ihr für den Fall der Genehmigung im Ministerrat 14,4 Prozent an der angolanischen Filiale ab - "unentgeltlich" und "aus einer freien und spontanen Entscheidung heraus", wie es im Vertragswerk heißt. Prompt stimmt der Ministerrat Mitte Dezember 2004 zu.

Im Januar 2005 feiert sogar die VW-Pressestelle das Geschäft "zwischen dem für Volkswagen tätigen Unternehmen ANCAR und der staatlichen Investitionsgenehmigungsbehörde": "Volkswagen wird den Markt in Angola für sich erschließen." Es war damals die Zeit, in der VW noch viel Freude an einer solchen Firma hatte: einem Türöffner, von dem zwar nicht allen klar war, wem er wirklich gehörte, der aber schmuddelige Geschäfte in korrupten Ländern erledigte. Heute behauptet VW sogar, die Gesellschaftsverträge nicht gekannt zu haben. Die Wirtschaftsprüfer der KPMG haben für Volkswagen die Vorgänge inzwischen aufgearbeitet. "Denkanstoß" nennt einer in einem internen Protokoll beschönigend die diskreten Zuwendungen.

Warum insgesamt nur drei Fahrzeuge nach Angola verschifft wurden, erklären Beteiligte heute mit Verzögerungen bei der Finanzierung. Als VW die Manager Schuster und Gebauer Mitte Juni 2005 feuerte, kappte der Konzern alle Engagements der beiden. Es wird nun aber wohl zu einer Neuauflage der VW-Expansionen in Schusters ehemaligen Revieren kommen. Kürzlich war nach stern-Informationen erneut eine Abordnung von Volkswagen in Luanda. Den Mann mit dem fünfkarätigen Diamanten haben sie getroffen. Und Whisky hat es wohl auch wieder gegeben. VW hält sich bedeckt. Solche Geschäfte gehen besser diskret über die Bühne.

Johannes Röhrig print

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