18 Mal mit dem Handy am Steuer erwischt worden? Oder mit 1,8 Promille Alkohol oder Drogen in der Blutbahn? Dann müssen Ex-Autofahrer zur Medizinisch-Psychologischen Untersuchung (MPU), bevor sie Ihren Führerschein wieder bekommen. Die im Volksmund "Idioten-Test" genannte Prüfung ist der Horror eines jeden Verkehrssünders - zu Recht oder zu Unrecht? Verkehrspsychologe Thomas Wagenpfeil zu den Vorurteilen gegenüber der MPU und über das Selbstverständnis der Verkehrspsychologen. Von Sven Schulte-Rummel

Interview mit Thomas Wagenpfeil, Verkehrspsychologe und Leiter Marketing bei TÜV SÜD© Sven Schulte-Rummel
Die MPU ist Schutz und Chance: ein Schutz aller Verkehrsteilnehmer vor gefährlichem Verhalten - 5.000 Tote im Jahr sind immer noch zu viel. Und die MPU ist eine Chance für die Betroffenen, ihr verändertes Verhalten unter Beweis zu stellen und wieder sicher am Verkehr teilzunehmen.
Das schlimmste Gerücht ist, dass man bei der MPU zu 95% durchfällt. Doch die Zahlen sprechen dagegen: Über 60% erhalten insgesamt den Führerschein wieder: 2007 waren von den Alkoholauffälligen 48% sofort geeignet, 15% nachschulungsfähig. Die anderen 37% erhielten allerdings ein negatives Gutachten.
Es gibt schwarze Schafe unter den freien MPU-Beratern, die versprechen einem für 10.000 bis 20.000 Euro, den Führerschein zurück zu beschaffen. Auch über das Ausland. Wenn man sich zum Beispiel über das Internet informiert, wird einem schnell klar, dass hier massiv mit Angst gearbeitet wird. Dagegen setzen wir mit Information und Hilfsangeboten.
Hier in Hamburg haben wir bei TÜV SÜD zum Beispiel jeden Donnerstag um 18 Uhr einen kostenlosen Infoabend, das ist eine Art "Tag der offenen Tür", an dem man sich darüber informieren kann, wie eine MPU abläuft. Damit betreiben wir Aufklärung und nehmen den Leuten die Angst. Außerdem zeigen wir: Hier gibt´s keine Geheimnisse.
Der Vergleich ist falsch, denn es ist ja auch was ganz anderes! Sicher betrachten es viele als Strafe, hierher zu kommen. Aber niemand wird dazu gezwungen, und es geht überhaupt nicht um Strafe. Es steht den Leuten erstens frei, ob sie den Führerschein zurückwollen. Nur die, die ihren Führerschein wieder haben wollen, von denen verlangt die Führerscheinstelle den Nachweis, dass sie wieder sicher am Straßenverkehr teilnehmen können. Und den erbringen wir in der MPU. Die MPU ist also keine Strafe, sondern eine Chance, wieder am Verkehr teilzunehmen.
Keinem Menschen fällt es leicht, sein Verhalten grundlegend zu ändern - und das wird in der MPU durchaus verlangt. Aber es ist für die allermeisten machbar, und es hilft vor allem, später nie wieder Probleme mit dem Führerschein zu bekommen.
Die MPU findet NUR bei gravierenden Auffälligkeiten statt. Das sind keine Kavaliersdelikte, sondern immer Vergehen mit einer hohen Wiederholungsgefahr, oft Straftaten. Wer zum Beispiel mehr als 18 Punkte in Flensburg gesammelt hat, einmal mit mindestens 1,6 Promille Alkohol oder mehrfach mit geringerer Alkoholmenge auffällig wurde oder unter Drogeneinfluss fuhr.
Verkehrssicherheit ist ein überwiegend männliches Problem. Knapp 95% der Menschen, die zur MPU müssen, sind Männer. 65-70% der Leute kommen wegen Alkohol, 15% wegen Drogen, 15% wegen Punkten in Flensburg. Letztes Jahr waren es etwas über 100000 Leute.
Es sind drei Teile: Eine medizinische Untersuchung, ein Reaktionstest und ein zirka einstündiges, psychologisches Gespräch. Höchstens 10 Tage später bekommt man das Gutachten, das man selbst bei der Führerschein-Stelle einreichen kann.
Wenn es positiv ist, denke ich ja. Denn dort wird letztlich die Entscheidung getroffen, ob der MPU-Teilnehmer seinen Führerschein wiederbekommt oder nicht - nicht bei uns.
Weitere Informationen Buchtipp: Der Testknacker bei Führerscheinverlust
(Rechtslage/Ablauf des Verfahrens/Vorbereitung auf die medizinisch-psychologische Untersuchung)
Taschenbuch, 320 Seiten, € 7,95 [D]
Außerdem können Sie sich hier eine Liste aller MPU-Anbieter downloaden