25. Oktober 2008, 12:26 Uhr

Vollgas mit Leitungswasser

Ein kleines Motor-Gimmick soll 60 Prozent weniger Verbrauch erreichen. Wasserstoff aus Leitungswasser verheißt die Wundermaschine. Passt für alle Vier-Zylinderlinder, lässt sich nachrüsten und kostet 5.474 Euro. Ein Erlebnisbericht von der Verkaufsshow im Revuetheater. Von Roland Brockmann

Spritsparwunder

Technik die begeistert: Eigentlich hat "Piatke H2 Technologie" das Welt-Energieproblem bereits gelöst©

Auf dieser Bühne tanzten schon "Broadway Stars": Im winzigen Revue Theater am Flughafen Berlin-Tempelhof erwartet den Gast normalerweise ein "Feuerwerk aus Musik, Tanz, Licht und Farbe". Doch an diesem Nachmittag hat die Firma "Piatke H2 Technologie" die Bühne ganz für sich und ihr bahnbrechendes Produkt – und das verspricht so einiges mehr:

Im Grunde nichts weniger, als ein Wunder - so es denn funktioniert: Fahren mit Wasserstoff. Das Element H aus der Verbindung H2O, simpel aus dem Wasserhahn gezapft, wird zum Treibstoff. Daran arbeitet die Großindustrie seit Jahren und davon träumen wir doch alle. Vor allem, wenn der Wasserstoff ohne Mühe und mit geringen Kosten sprudelt. Sechzig Prozent Einsparung beim Benzinverbrauch verspricht die Verkaufsveranstaltung.

Noch schlummert die geheimnisvolle Apparatur versteckt unter einem blauen Tuch auf der Bühne. Erst nach 90 Minuten Lobpreisung wird die blonde Assistentin des Conférenciers das Tuch lüften. Das Wunderwerk, allerdings ziemlich entfernt und schlecht zu erkennen, wird im Scheinwerferspot auftauchen, und Herr Piatke persönlich das "Okay" zum versprochenen Praxistest geben.

Bis dahin jongliert Herr Piatke schneller als jeder Varietékünstler mit den klangvollen Namen amerikanischer "Companies" und allen nur denkbaren "Trainings" in der US-Luftfahrtindustrie, an denen er angeblich teilgenommen hat. Sein Feuerwerk lässt kritische Fragen gar nicht erst aufkommen. Stattdessen denkt der Zuschauer, Werner von Braun persönlich muss diesem Mann einst zu Füssen gelegen haben, bis Herr Piatke - natürlich gegen die geistigen Beschränkungen konservativer Denker - seine persönliche Wunderwaffe im Ölkrieg entwickelte: die "Piatke-H2-Technologie für PKW".

Eine Wasserstoff Elektrolysezelle soll dabei "elektrolytisch mittels einer Ionenaustauscher-Membran reinsten Wasserstoff erzeugen". Das klingt so innovativ, dass das Auditorium nur andächtig schweigt.

Alternative Antriebssysteme sind in Zeiten steigender Energiekosten natürlich ein Renner. Weltweit wird nach Innovationen gesucht. Der französische Visionär Guy Nègre versprach 2005 bereits ein Druckluftauto, das über komprimierte Luft angetrieben wird. Anstatt "Pumpen und Fahren" kommt hier der Antrieb durch Wasser.

"Da hat mal wieder jemand das Perpetuum Mobile erfunden, oder er glaubt die Vakuumenergie – was immer das sein mag – anzapfen zu können", meint Professor Volker Schindler von der TU-Berlin gegenüber stern.de.

Eigentlich will der Forscher am Fachgebiet "Kraftfahrzeuge" den "Unsinn" des Herrn Piatke gar nicht kommentieren. "Ernsthaft", so Schindler: "Wenn man Wasserstoff an Bord eines Fahrzeugs aus Wasser erzeugen will, braucht man eine Elektrolyse und dazu den nötigen Strom; wenn man mit dem Strom direkt führe, kämme man zirka doppelt so weit. Oder man verwendet einen thermochemischen Prozess zur Wasserzerlegung; dann muss man mit 2.500 Grad heißen Systemen umgehen und braucht die Energie, um sie zu betreiben."

Das Wunder des Herrn Piatke kann einfach nicht passieren. Sagt der Fachmann von der Universität, leider hält Herrn Piatke eine Krankheit von einer Stellungnahme gegen das Verdikt der Schul- und Lehrweisheit ab. Sei es drum, beim Vortrag ist der Saal ausgebucht, der Andrang zur Verkaufsveranstaltung so groß, dass der Betreiber des Revuetheaters eigens Sicherheitsleute bestellt hat. Eintritt fünf Euro.

Frauen mittleren Alters im Kostüm wie Männer mit Bärten, die wie fachkundige Tankwarte auf Ausgang wirken, sind nicht nur aus Berlin angereist – bis nach Hamburg wirkte das Versprechen der Wundertechnik. Den endlosen Ausführungen des Verkaufsmanagers, folgt das Publikum ohne zu Murren. Um "Angie" geht es, die Kanzlerin, die auf alles Steuern erhebt und natürlich um das immer schmälere Portemonnaie des Endverbrauchers. Alle möglichen Lebenslagen und Befindlichkeiten werden angesprochen, nur nicht die angepriesene Technik.

Spritsparwunder

5.474 Euro sind doch fast geschenkt!©

Kostprobe zur naiven Frage aus dem Publikum, ob denn normales Wasser oder destilliertes zu Anwendung komme: "Sie wollen ihre Frau in der Badewanne, nun ja…" Herr Piatke schaut keck ins Auditorium. "Und die liegt nun, angenommen, in destilliertem Wasser, Sie schmeißen einen Föhn ins Wasser. Was sagt ihre Frau?" Herr Piatke: "Ach Liebling, wirf doch den Rasier noch hinterher." Okay, wir haben begriffen, destilliertes Wasser leitet nicht, leistet also auch keine Elektrolyse.

Dann werden endlich per Powerpoint Schaubilder der Anlage präsentiert. Neben einem Powerflüssigkeitsbehälter leuchtet verschwommen auch die berühmte Elektrolysezelle auf. Details? Fehlanzeige. Das Teil könnte genauso gut aus einer Melkmaschine stammen.

Doch es naht der große Moment. "Bitte nicht Rauchen, Explosionsgefahr", witzelt der Mann. Die blonde Assistentin lüpft das Tuch und auf der Bühne erstrahlt die Piatke-Versuchsanordnung im Scheinwerferlicht. Applaus. Der Conférencier darf den Einschaltknopf drücken, die Assistentin hält ein angeschlossenes Röhrchen in ein Glas mit Wasser, wo es gleich zu sprudeln beginnt. Das ist der Beweis! Nochmals Applaus, die Veranstaltung neigt sich ihrem Ende.

Die versprochene reale Vorführung im Piatke-Privatwagen auf dem Parkplatz fällt ohne Begründung aus, dafür liegen nun Verkaufsunterlagen aus. Da kostet das Modell für den 4-Zylinder-Motor bereits 5.474 Euro, bei Bestellung werden sofort 2.800 Euro fällig.

Die Besucher stehen etwas ratlos herum. "Das sind doch alles ehemalige Vertreter und Hartz-Vier Empfänger hier", meint einer von ihnen. "Die interessieren sich nicht für die Technik, nur für die Verkaufsargumente, um das Gerät dann weiter zu vertreiben."

Und was will der Kritiker hier? "Ich will die Technik kopieren und dann selbst produzieren!"

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Von Roland Brockmann
 
 
KOMMENTARE (10 von 13)
 
kugelfisch2 (27.10.2008, 12:06 Uhr)
Funktioniert auf jeden Fall
Wir fahren selbst, teilweise mit Wasserstoff. Sparen dabei 20%. Noch sind wir Hobbybastler, was sich aber sehr schnell ändern wird. Anfragen aus Indien, Süd Afrika, Kroatien, Österreich. www.h2o-antrieb.de
rewirth (27.10.2008, 11:52 Uhr)
Idee ist uralt - auch andere können das
Die Grundidee war noch seriöser: Technik für jedermann zum Selbstkostenpreis! Erst als Piatke das Ding an sich riss wurde es zur Abzocke. Ich bezweifle allerdings auch, dass es denen gelingt mehr Output herauszuholen als sie Energieinput hineinstecken. Zu viele Menschen sind schon betrogen worden.
peterpan1001 (26.10.2008, 15:26 Uhr)
wenn das hier funktioniert
haben diese herrschaften den nobelpreis verdient. aber ich bin mir sicher, es wird diese erfindung demnächst geben, d.h. es funktioniert schon in japan und in australien. hab dort eine adresse. ich suche kontakte, bitte email an peterpan1001(at)web.de
Silbador (26.10.2008, 10:33 Uhr)
Wenn der Rosstäuscher
wenigsten Salzsäure auf Zinkstäbe sprühen würde ...
So eine Verarsche!
Da gibt´s oder gab´s doch aber noch so einen Fuzzi in Asien, der war mal vor ein paar Jahren in der Autobild, den könnte man auch mal wieder bringen, der hatte wenigsten ein richtiges Auto, das angeblich mit Wasser fuhr.
dutchinmex (26.10.2008, 00:59 Uhr)
@ makira
Ehe Sie diesen "Zauber" glauben, fragen Sie einem Hauptschüler doch mal was über chemische Reaktion von Natrium oder Kalium mit Wasser und auch, wie metallisches Natrium/Kalium gemacht wird und weshalb fast 60 mal mehr Energie dabei verloren geht als daß bei der späteren Reaktion an Wasserstoff herauskommt. Ab und zu möchte ich so skrupellos sein wie diese "grüne" Zauberer; dan würde es mir finanziell wesentlich besser gehen als jetzt, denn Dummheit gibt es ja im Überfluss.
Stones60 (25.10.2008, 22:33 Uhr)
Wasserstoff
Bis wann wird eigentlich mal Otto Normalverbraucher endlich einmal klargemacht, dass Wasserstoff nur ein Energieträger ist der in der Natur in dieser Form kaum vorkommt da hoch reaktiv (Knallgas). Das bedeutet ich muss mindestens im Idealfall die gleiche Energiemenge hineinstecken die mir im Nachhinein zur Verfügung steht. Dabei ist es gleichgültig ob ich regenerative oder fossiele Energie verwende.
Deshalb ist Wasserstoff keine ideale Energie sondern nur ein Energieträger der erst unter Verlusten bereit gestellt werden muss.
makira (25.10.2008, 14:44 Uhr)
Warum denn immer gleich so skeptisch?
Ich gebe ja zu, so wie diese Show aufgezogen ist gefälllt es mir auch nicht aber die Amis machen das schon zu hauf und zwar im selbstbau!
Siehe auf Youtube: http://tinyurl.com/6hfdk9
Nennt sich HHO was die da aus Destilliertem Wasser vermischt mit Kaliumhydroxid (KOH) oder Natriumhydroxid (NaOH) herstellen. Das Gas ist dann tatsächlich brennbar!
Es gibt sogar heuer noch eine eigene Veranstaltung dafür. http://www.hhogames.com/
Hier noch ein Link zu einem Österreicher der selbst eine sogenannte "dry cell" baut: http://www.youtube.com/watch?v=Ej2nsCFVLkA
seelenflieger (25.10.2008, 12:25 Uhr)
Das Traurigste an der Geschichte ...
... ist, dass es bestimmt genügend Doofe gibt, die die 2.800 Euro Vorauszahlung ohne zu zögern auf den Tisch legen. Da lobe ich mir doch, dass man bei mir wenigstens einen gut gestylten, fachchinesisch redenden Bankangestellten gebraucht hat, um mich mit Zertifikaten von Lehman Brothers reinzulegen...
Viper2024 (25.10.2008, 12:23 Uhr)
Quacksalber
Jeder der etwas von der Materie versteht weiß, das es so leider nicht funktioniert und das mit einer solchen Show bildungsfernen Schichten das Geld aus der Tasche gezogen werden soll.
Deswegen sollte man immer seinen Verstand gebrauchen und Motive kritisch hinterfragen, denn wenn die Technik funktionieren würde, hätte schon längst ein großer Konzern die Patente gekauft.
Leondriel (25.10.2008, 12:21 Uhr)
Gleich wegsperren
Und warum hat niemand die Polizei verständigt? Es ist mindestens versuchter Betrug, warum darf dieser Scharlatan da wieder rausmarschieren?
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