Das Internet soll das Wohnzimmer erobern, immer mehr Filme und TV-Sendungen kommen künftig aus dem Netz. Hat das Fernsehen, wie wir es kennen, bald Sendeschluss? Von Karsten Lemm, San Francisco

Auch viele Fernseherhersteller versuchen das Internet aufs TV-Gerät zu holen© Nigel Treblin/DDP
Früher, als die Ifa noch jung und das Fernsehbild schwarzweiß war, sah die Welt rund um die Funktürme der Republik ganz einfach aus: Es gab drei Kanäle; wenn man an der Grenze zur DDR lebte, vielleicht vier. ARD, ZDF und ihre dritten Programme konnten senden, was sie wollten - hohe Einschaltquoten waren ihnen sicher. "Das war spitze!", rief Hänschen Rosenthal mit Luftsprung, und halb Deutschland freute sich mit ihm. Heute spielen mündige Zuschauer Konsument und Programmdirektor in Personalunion. Ihre größte Aufgabe ist es, ein Unterhaltungsangebot, das für Jahre reichen würde, in kleine Scheibchen zu schneiden, um es an Abende zu verfüttern, die immer viel zu kurz sind.
So überkreuzt sich, was bisher weitgehend nebeneinander her lebte: das Internet, spezialisiert auf Mitmachen und Maßschneidern nach persönlichen Wünschen, und das Unterhaltungsprogramm in der guten Stube. Längst sitzen Millionen auf dem Sofa im Wohnzimmer und schauen Videos aus dem Internet - bei YouTube genau wie auf den Webseiten der TV-Sender selbst. Doch bisher geschieht das meist per Laptop und im Internetbrowser, während der Fernseher nebenher flimmert und anderes zeigt.
Pünktlich zum Weihnachtsgeschäft nimmt die Industrie nun einen Anlauf, um diese Barriere zwischen Alt und Neu niederzureißen. Nicht zum ersten Mal, aber entschlossener als früher. Geräte, die leichter zu bedienen sind, sollen ebenso Kunden locken wie deutlich bessere Video-Angebote aus dem Internet. Zunehmend ersetzt "Streaming" dabei das Einkaufen und Herunterladen: Schnellere Verbindungen machen es möglich, Filme und Fernsehprogramme live zu übertragen. Die Dateien werden gar nicht mehr komplett übermittelt, sondern bleiben auf den Großrechnern der Internetanbieter gespeichert und werden auf Abruf serviert, Häppchen für Häppchen. Das macht Streaming, ganz nebenbei, zum besten Kopierschutz, den Hollywood sich wünschen kann.
Anders als bei manchen früheren Versuchen, die Online-Welt ins Wohnzimmer zu bringen, dreht sich diesmal alles um Kurzweil und Vergnügen. "Die Industrie hat begriffen, dass Internet-Inhalte auf dem Großbildfernseher vor allem dann Sinn machen, wenn es um Unterhaltung geht", sagt Tim Bajarin, Präsident der Unternehmensberatung Creative Strategies. Das Surfen im Netz sei nun einmal keine Stärke des Fernsehers, argumentiert der Analyst, und auch die Nutzer hätten bisher wenig Interesse daran gezeigt, auf dem TV-Display nach Kochrezepten oder Nachrichten zu suchen. Als Quelle für Filme und Videos dagegen wird das Datennetz immer attraktiver, sagt Bajarin: "Im Internet finden sich mittlerweile genügend Sendungen in hoher Bildqualität, die Menschen gern auf ihren Flachbild-Fernsehern anschauen würden."
Die europäischen Sender und Geräte-Hersteller haben sich extra einen neuen Standard für das Zusammenspiel von Internet und Fernsehprogramm einfallen lassen: HbbTV - das Kürzel steht für "Hybrid-TV" - soll nahtlos Sendungen, die über Antenne oder Satellit ins Haus schneien, verbinden mit Angeboten aus der Online-Welt. In Amerika versuchen derweil einzelne Unternehmen, eigene Standards zu setzen, indem sie Marktanteile erobern - allen voran Google und Apple. Der Suchmaschinenriese möchte mit "Google TV" einen Platz im Wohnzimmer seiner Nutzer finden: Die Geräte, produziert von Partner wie Logitech und Sony, nutzen "Android", das Betriebssystem, das Google ursprünglich für Mobiltelefone entwickelt hat. Als Mutter von YouTube kann Google nur davon profitieren, wenn auf dem Fernseher zunehmend auch Internet-Videos zu sehen sind.
Apple geht derweil - wie üblich - eigene Wege und setzt nun konsequent auf Streaming: Vor wenigen Tagen stellten die Kalifornier die Neuauflage ihrer Apple TV-Box vor.
Statt wie bisher Filme und Fernsehsendungen auf einer eingebauten Festplatte zu speichern, um sie an den Flachbildschirm im Wohnzimmer weiterzureichen, spielt das Gerät künftig nur noch Verteiler: Es holt die Programme drahtlos über Wlan beim PC oder direkt bei iTunes im Internet ab und zeigt sie auf dem Bildschirm an. So kann die Box kleiner und mit 129 Euro deutlich billiger werden. Zugleich stellt Apple das Angebot in seinem iTunes-Laden von Kaufen auf Ausleihen um, wenn auch zunächst nur in den USA: Dort kosten TV-Shows wie "Lost" und "24" nun 99 US-Cent als Leihvideo in HD-Qualität.