Wo die Zukunft schon da ist

27. Januar 2010, 12:13 Uhr

Drei Tage diskutierten auf der Münchner DLD-Konferenz Top-Manager, Wissenschaftler und Internetvisionäre über die Zukunft und die Gegenwart. Lieblingsfeindbild: Google. Die Suchmaschine reagierte mit Geschenken. Von Dirk Liedtke

DLD, Digital Life Design, Google

Der deutsche Regisseur Schlingensief doziert über das digitale Zeitalter©

Wer hat Angst vor Google? Diese Frage hing wie eine dunkle Wolke über der Konferenz DLD (Digital Life Design) des Burda-Verlags. "Es ist noch immer ein lausiges Geschäft im Internet", klagte Gastgeber Hubert Burda gleich zur Eröffnung der elitären Veranstaltung mit 800 Teilnehmern. Die Teilnahme ist so begehrt, dass DLD-Besucher bis zu 2500 Euro für ein Ticket zahlen. Dafür gab es wie im jeden Jahr spannende Vorträge, Talkrunden und den direkten Zugang zu einer Elite von Top-Managern, Wissenschaftlern, Künstlern und Ingenieuren des digitalen Zeitalters. Schlaue Köpfe wie Alexander Kluge und Christoph Schlingensief trafen auf zwei Friedensnobelpreisträger, die Society-Figur Begum Aga Khan und Bestseller-Autor Frank Schätzing.

Die Zukunft ist bei DLD immer schon da. Da werden Visionen zur künftigen Dominanz Chinas gehandelt oder die Prognose, dass schon in einem Jahr jeder für 1000 Dollar sein Erbgut analysieren lassen kann. In diesen Momenten liegt das beschauliche München mitten im ewig optimistischen Silicon Valley.

Als rauflustiger Gastgeber erwies sich der neue Burda-Lenker Paul Bernhard Kallen. Während Springer-Chef Mathias Döpfner und Hubert Burda in der ersten Reihe zusahen, lamentierte der Burda-Boss, Google sauge die ganze Werbung ab, die sonst auf Papier oder auf Webseiten der Verlage geschaltet würde. Als "lausige Pennies" hatte Hubert Burda schon beim letzten DLD die mageren Erlöse abgetan. Die Medien-Manager scheinen jedoch nicht schlauer geworden zu sein.

Aufgeheizte Stimmung gegen Google

Auf Krawall gebürstet forderte Kallen von dem neben ihm sitzenden Google-Chefjustiziar David Drummond mehr "Transparenz" und einen "fairen Anteil" an den Milliardengewinnen. Die Anti-Google-Stimmung heizte sich immer mehr auf, es gab sogar höhnisches Gejohle, als der Google-Manager das Wort ergriff. Kallen hatte sich eine Pointe ausgedacht, die allerdings eher verpuffte. Mit großer Geste kramte der Medienboss einen Ausdruck aus der Tasche. Er wechselte zur Verblüffung der Diskussionsrunde und einem Großteil des Publikums plötzlich ins Deutsche und verlas die AGB des Google Adsense-Programm. (Die Konferenzsprache ist Englisch.) Darin erklärt Google die Berechnung des Anteils, der an Werbepartner ausgeschüttet wird, wenn Google Anzeigen etwa auf einer Burda-Website platziert. Die genaue Formel bleibt dabei im Ungefähren. 1:0 für Kallen, aber aus dem Abseits erzielt. Danach bemühte sich Kallen, das Juristendeutsch ins Englische zu übersetzen, ein Kraftakt des gehobenen Pidgin-Business-Englisch. Die Attacke gegen Google wirkte irgendwie klein-krämerisch - auf jeden Fall unsouverän.

Den Gegenentwurf eines unaufgeregten, strukturierten Medienmanagers verkörperte der Amerikaner Tom Glocer, Chef des Wirtschaftsdaten- und Medien-Konzerns Thomson Reuters. Sein Rezept: spielerische Freiräume zur Entwicklung neuer Produktideen zu schaffen und persönlich alle neuen Digitalspielzeuge auszuprobieren, um den Anschluss nicht zu verlieren.

DLD, Digital Life Design, Google

Randi Zuckerberg (re.) von Facebook singt "Summertime"©

Ein klares Eigentor schoss FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher. Seine schwammig vorgetragene Leidensgeschichte vom erstickenden Informationsfresser, der sich von Maschinen (insbesondere Suchalgorithmen von Google) bevormunden lassen muss, um die einströmende Datenmenge zu bewältigen, überzeugte die digitale Elite nicht. "Wenn sie Hilfe benötigen, kann ich Ihnen sagen, wo sie die im Web finden können", sagte ein Zuhörer unter mitleidigem Lachen und heftigem Beifall.

Schirrmacher hat es zwar mal wieder mit populistischem Kulturpessimissmus einen weiteren Bestseller ("Payback") gelandet. Aber bei der Debatte mit John Brockman und David Gelernter, zwei Vordenkern der digitalen Welt, blamierte sich der Möchtegern-Großdenker als weinerlicher Halb-Checker.

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KOMMENTARE (1 von 1)
 
bitterlemmer (27.01.2010, 13:43 Uhr)
Das Netz ist unschuldig
Ich verstehe die Debatte weithin nicht. Journalismus besteht für mich mindestens zwei Dritteln Recherche und einem Drittel für Schreiben und Produktion. In der Praxis der Redaktionen sieht das inzwischen ganz anders aus. Recherche wird häufig genannt, wenn der Redakteur mal einen Blick auf den Agenturticker oder ein paar Webseiten wirft. Ergebnis ist PR-getriebene Texte. Geschrieben wird, was Pressesprecher aus Politik, Wirtschaft, Lobby, Gewerkschaften, etc. heranreichen. Das hat mit dem Internet nichts zu tun. Das Netz ist nur eine Plattform. Die bietet sogar demjenigen die Chance, Recherche wieder zur Maxime zu machen, der das will. Beispiel gefällig?
Hier ein PR-getriebener Artikel: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-38915621.html
Hier ein recherchierter Blog-Artikel zum selben Thema: http://www.bitterlemmer.net/wp/2010/01/26/berlins-rechtsmedizin-chef-hofft-auf-bka-einsatz-in-haiti-aber-das-bka-will-offenbar-ihn-gar-nicht/
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