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Vom Bodensee nach Silicon Valley

Andreas von Bechtolsheim gewann 1974 den stern-Wettbewerb "Jugend forscht" - danach hielt ihn nichts mehr in Deutschland. Er gründete das Unternehmen Sun, verdiente mit Google Millionen und ist inzwischen einer der reichsten Männer der Welt. Ein Porträt.

Von Kristina Allgöwer

Gemächlich schlendern Touristen über die Lindauer Seepromenade. Hin und wieder bleiben sie stehen, stützen die Ellenbogen aufs Geländer und knipsen den Leucht-turm und den bayerischen Löwen, die das Hafenbecken säumen. Ein großer, blasser Mann mit grauen Haaren geht mit staksigen Schritten auf ein Straßencafé zu. Um seine Schulter hängt eine schwarz-rote Laptop-Tasche mit dem Google-Schriftzug, er trägt ausgewaschene Calvin-Klein-Jeans und schwarze Socken in Birkenstocksandalen. Die Sandalen sind neu, ein Sonderangebot, nach vier Jahren waren die alten durchgelaufen. Der Mann heißt Andreas von Bechtolsheim, und er ist einer der reichsten Männer der Welt.

In Lindau hat Bechtolsheim seine Jugend verbracht. In der bayerischen Kleinstadt ist er zur Schule gegangen und hat seinen ersten Computer zusammengeschraubt. Heute ist er 52 und entwickelt im kalifornischen Silicon Valley Computer, die zu den leistungsstärksten ihrer Generation gehören. Die Firma, die er vor 25 Jahren als Student gegründet hat, heißt Sun Microsystems, beschäftigt 38.000 Mitarbeiter und setzt jährlich mehr als 13 Milliarden Dollar um. Auf der vom US-Magazin Forbes erstellten "Midas-Liste", die die erfolgreichsten Kapitalgeber der High-Tech-Branche kürt, belegt er aktuell den fünften Platz. Bei der Internet-Suchmaschine Google gehörte er zu den ersten Investoren - und hat damit ein Vermögen gemacht.

"In Lindau verändert sich nichts"

Bechtolsheim ist lange nicht mehr in der alten Heimat gewesen. Sie ist einfach zu weit weg, er hat eine 80-Stunden-Woche. Trotzdem kennt er noch jede Gasse auf der Insel. "In Lindau verändert sich nichts", sagt er. Es ist das Gegenteil vom Silicon Valley. "Gemütlich ist es hier", seufzt Andreas von Bechtolsheim und lässt sich auf einen rot gepolsterten Stuhl fallen. Tutend fährt ein Schiff in den Hafen ein. "Deut-sche Gemütlichkeit, dafür gibt es im Amerikanischen kein Wort." Er spricht deutsch mit amerikanischem Akzent und englisch mit deutschem Akzent. Oft wechselt er die Sprache, ohne es zu merken. In Amerika ist er Andy, hier ist er "der Andreas". Im Café trifft sich Bechtolsheim mit seinem alten Schulfreund Hermann. Der ist braun-gebrannt und betreibt eine Surfschule. Vier Jahre haben die beiden eine Schulbank geteilt, jetzt teilen sie sich ein Stück Torte.

Bechtolsheims Eltern, ein Volksschullehrer und eine Hausfrau, wohnen noch immer in Nonnenhorn, einem Dorf sieben Kilometer von Lindau entfernt, in dem kleinen weißen Haus mit den blauen Fensterläden, in dem ihr Sohn aufgewachsen ist. Der Vater fährt jeden Tag mit dem Fahrrad zur Kirche. Der Sohn sagt: "Wenn man das Bedürfnis hat, die Welt zu verstehen, braucht man den lieben Gott nicht mehr, um sie zu erklären."

Andreas von Bechtolsheim wollte die Welt schon als kleines Kind verstehen. Mit drei Jahren wundert er sich, warum das Licht am einen Ende des Zimmers angeht, wenn man am anderen auf den Schalter drückt. Er fragt sich, warum der Himmel blau ist und warum eine Kompassnadel immer nach Norden zeigt. Mit sechs nimmt er den Kassettenrekorder des Vaters auseinander und setzt ihn wieder zusammen, als die-ser protestiert. Mit 14 montiert er auf dem Dach seines Elternhauses einen 25 Meter hohen Funkmast, den er mit Stahlseilen festzurrt. Der Sohn will die globale Kommunikation, der Vater fürchtet, das Haus stürzt ein.

In der Schule ist Andreas von Bechtolsheim ein Außenseiter. Als einziger lässt er sich die Haare bis zu den Schultern wachsen, und schon damals trägt er nur Birkenstocksandalen, er hält sie für die bequemsten Schuhe der Welt. Wenn dem Physiklehrer ein Experiment nicht gelingt, sagt der: "Bechtolsheim, machen Sie weiter."

Andreas von Bechtolsheim tippt eine Liste in seinen Laptop. "Key formative events that shaped my life" schreibt er darüber, "Schlüsselmomente meines Lebens". Die Liste beginnt mit seiner Geburt 1955. Der nächste Eintrag trägt das Datum 1972, das Jahr seiner ersten Teilnahme am stern-Wettbewerb "Jugend forscht". "Dazwischen ist eigentlich nichts passiert", sagt er, erst ab diesem Moment sei sein Leben interessant geworden. Der Wettbewerb sei wie das Leben im Silicon Valley: Man müsse eine gute Idee haben, einen Business-Plan entwickeln, einen Prototyp bauen und die Leute von seinem Projekt überzeugen.

Drei Mal nimmt Bechtolsheim am Wettbewerb teil. 1974, beim dritten Versuch, gewinnt er mit 18 Jahren den Bundespreis für Physik für seine Arbeit zur genauen Strömungsmessung durch Ultraschall. Sein Messapparat wird später zweckentfremdet: Die Lindauer benutzen ihn für die Bestimmung des Siegers bei ihrem jährlichen Autorennen.

Mikroprozessor in einem halben Jahr

In ganz Lindau ist Anfang der siebziger Jahre kein Computer zu finden. Und so schraubt Bechtolsheim selbst einen Mikroprozessor zusammen. Es ist eine Auf-tragsarbeit für den Vater eines Freundes, der mit seiner Firma in einer alten Obsthalle Industriesteuerungen baut. Ein halbes Jahr braucht Bechtolsheim. Für jedes verkaufte System erhält der Gymnasiast 100 Mark Lizenzgebühren. Schnell verdient er damit mehr als sein Vater.

So könnte sich eine "German Wunderkind"-Geschichte anhören. Doch Andreas von Bechtolsheim merkt schnell, dass er in Deutschland keine Zukunft hat. Seine Er-folgsgeschichte, sagt er, ist eine amerikanische. In München beginnt er, Elektrotechnik zu studieren, doch für die Studenten an der Technischen Universität gibt es keine Computer. "Die Deutschen haben den Kopf in den Sand gesteckt", sagt Bechtolsheim. Die Technophobie seiner Heimat frustriert ihn.

Der Sieg bei "Jugend forscht" verhilft Bechtolsheim 1975 zu einem Fulbright-Stipendium. Er setzt sein Studium an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh fort, einer der besten Computerschulen der USA.

Bechtolsheim ist 19 Jahre alt, als er in Amerika eintrifft. Hier kann er so studieren, wie er es sich erträumt hat: Für jeden Studenten gibt es einen Rechner. Er sitzt Tag und Nacht davor und arbeitet an einer frühen Version des Supercomputers. Zwei Jahre später bietet ihm die Stanford Universität einen Doktorandenplatz an. Bechtolsheim ist im Silicon Valley angekommen.

Oft schließt Andreas von Bechtolsheim die milchig-blauen Augen, während er mit ruhiger Stimme seine Geschichte erzählt. Es scheint ihn nicht zu wundern, dass alles so gekommen ist. In seinem Leben hat er nicht einen Moment an sich gezweifelt. Er wirkt fast verstört, dass jemand auf so eine Idee kommen könnte. "Me? Never!", sagt er. Er setze sich nur Ziele, von denen er weiß, dass er sie auch erreichen kann. Zuversicht, das sei ein psychologischer Begriff. Es gehe ums Wissen. So zurückhaltend, fast schüchtern Bechtolsheim auch wirken mag - im Beruf will er ge-winnen. Und wenn er ein Produkt sieht, will er es besser machen.

Es dauert nicht lange, bis Bechtolsheim in Stanford etwas findet, das er verbessern kann. Für das Grafikcomputer-System, das er entwickeln soll, ist der von vielen Studenten gleichzeitig genutzte Rechner der Universität zu langsam. Es ist 1979, Motorola bringt einen schnellen 32-Bit-Chip auf den Markt und Bechtolsheim träumt von einem bezahlbaren Arbeitsplatzrechner für jedermann, aus Standardteilen gefertigt. Mit finanzieller Unterstützung des US-Forschungsministeriums entwickelt Bechtolsheim mehrere Prototypen.

Viele Unternehmen interessieren sich für die Arbeit des hageren, deutschen Studenten, sie wollen die Workstation kaufen, doch keiner will sie bauen. Mit drei Kommilitonen gründet Bechtolsheim eine eigene Firma, 1982 wird sie eingetragen, der Businessplan ist vier Seiten lang. SUN steht für Stanford University Network. Bechtolsheim ist 26 Jahre alt. Als das Unternehmen vier Jahre später an die Börse geht, macht es einen Umsatz von 500 Millionen Dollar. Nach weiteren sechs Jahren sind es zehn Milliarden.

Stolz ohne Eigenleistung

Auf einer Parkbank unter den Platanen am Lindauer Seehafen sitzt ein alter Mann und beobachtet die Touristen. Er erkennt Andreas von Bechtolsheim sofort. Franz Lichtmannecker hat ihn in Erkunde unterrichtet. "Sie haben mir einmal mein Radio repariert", sagt er. Funktioniert es noch? "Ja, freilich!" Sehr stolz seien die Lindauer auf den Andreas. "Das ist wie bei mir mit Google", sagt Bechtolsheim. "Darauf bin ich auch stolz, obwohl ich eigentlich nichts dazu beigetragen habe."

1998 lädt ihn sein Geschäftspartner David Chariton zu sich nach Hause ein. Als Bechtolsheim ankommt, sitzen zwei Studenten mit ihren Laptops auf der Veranda. Larry Page und Sergey Brin führen ihm ihre Idee vor, und es ist die beste, die Bechtolsheim je gehört hat. Er schreibt den beiden sofort einen Scheck über 100.000 Dollar aus. Es ist das Startkapital der Firma Google. Der Wert seiner Anteile wird heute auf 1,5 Milliarden geschätzt.

Aber Bechtolsheim will nicht dafür bekannt sein, mit Google ein Vermögen gemacht zu haben. Es ist nicht das Geld, das ihn antreibt, sagt er, sonst hätte er sich schon vor 20 Jahren zur Ruhe setzen können. 1995 verlässt er Sun, um mit einer neuen Firma ein schnelleres Computernetzwerk zu entwickeln. Ein Jahr später kauft Cisco Systems die Firma für 220 Millionen Dollar. 2003 verlässt Bechtolsheim Cisco, um bessere Video-Server zu bauen. Auch dieses Unternehmen wird ein Jahr später gekauft, diesmal von Sun. Der Mitarbeiter Nr. 1, so steht es auf seinem Firmenausweis, ist zurück.

Bechtolsheims Lebensstil hat sich seit seinen Studentenjahren kaum verändert. Bescheidenheit, das Wort mag er nicht. "Zu viele Besitztümer machen das Leben kompliziert", sagt er, "und mein Leben ist schon kompliziert genug." Er weiß noch nicht, was einmal mit seinem Geld passieren soll. Irgendwann will er vielleicht eine Stiftung gründen, aber im Moment hat er keine Zeit, sich damit zu befassen.

Es wird Abend auf der Lindauer Insel, und Andreas von Bechtolsheim wird unruhig. Er versucht, mit dem Laptop ins Internet zu gehen, aber er findet keinen Funkzugang. Er muss wohl zu seinen Eltern fahren, um seine E-Mails zu checken. Der Arbeitstag im Silicon Valley hat gerade begonnen.

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