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20. Juni 2008, 16:06 Uhr

Der Vertrauensbeweis

Mit einer einzigen Partie hat Joachim Löw bewiesen, dass die Generalkritik an seinem Führungsstil zu früh kam. Das 3:2 gegen Portugal hat gezeigt, dass diese deutsche Elf sich in ihrer Entwicklung auf dem richtigen Weg befindet. Von Mathias Schneider, Tenero

Diesem Mann vertraut das Land wieder: Bundestrainer Joachim Löw am Tag nach dem Portugal-Triumph bei der Arbeit mit der DFB-Elf auf dem Übungsplatz© Torsten Silz/DDP

Der Mann, der dieser Tage allein den Puls der Nation zu regeln scheint, wirkt so wohl temperiert wie immer. Joachim Löw zählt ja grundsätzlich eher zur Gattung der Rationalisten. Gefühlsausbrüche gönnt er sich zwar punktuell, vorzugsweise an der Seitenlinie von Fußballspielen, doch der Geist reguliert sein Handeln. Wahrscheinlich liegt darin sein größter Vorzug, denn würde Löw dieser Tage die Stimmungen aufnehmen, welche seine Auswahl in den vergangenen Tagen umtosten, diese deutsche Nationalelf hätte gegen Portugal im Viertelfinale der EM einem Panikorchester geglichen.

Die Mannschaft hat dem Druck standgehalten

Es gibt ja wenige Dinge, die diesem Löw, in den vergangenen zwei Jahren als Motor der Moderne gepriesen, nach dieser Vorrunde nicht vorgeworfen wurden. Das System? Zu starr. Die Mannschaftsführung? Zu lässig. Der Fitnesszustand? Mangelhaft. Die Personalauswahl? Konservativ.

Deutschland reichte ein wenig erbaulicher Sieg (gegen Österreich) und eine Niederlage (gegen Kroatien), um den Glauben an ein Prinzip zu verlieren, dem die Nation zwei Jahre zuvor wie einem Rausch erlegen war; und das von den meisten Experten übereinstimmend in der wissenschaftlichen Ausrichtung und taktischen Systemtreue als einzige Alternative auf dem Weg zurück zur Weltspitze ausgerufen war.

Man mag sich nicht ausmalen, was passiert wäre, hätte die Nationalmannschaft gegen Österreich Schiffbruch erlitten oder wäre gegen Portugal chancenlos ausgeschieden statt überzeugend 3:2 zu gewinnen. Doch sie hat dem Druck standgehalten, ihre Angriffe mit chirurgischer Präzision vorgetragen. Ihr Trainer hat überdies ein taktisches Bravourstück hingelegt, durch die Verdichtung des Mittelfelds Portugals Taktikmeister Luiz Felipe Scolari überrumpelt.

Verlorene Wette mit Hansi Flick

Joachim Löw könnte an diesem Freitag auf der obligatorischen Pressekonferenz mit Genugtuung sein Werk moderieren, nun da die Nation in ihm binnen 90 Minuten wieder den Schöpfer zeitgemäßer Fußballkunst erkennt. Stattdessen sagt er nur Sätze wie: "Wir waren sehr gut organisiert. Die Raumaufteilung hat hervorragend geklappt." Dann referiert er noch ein bisschen über die notwendige Verdichtung des eigenen Mittelfelds, warum er den Leverkusener Rolfes und den Stuttgarter Hitzlsperger diesmal aufgeboten habe (sie sollten die Außenverteidiger unterstützen).

Eine Flasche Rotwein sei an den Assistenten Flick verloren gegangen, weil er mit ihm leichtsinnigerweise eine Wette eingegangen sei, dass die Elf abermals kein Tor aus einer Standardsituation heraus erzielen würde. Tat sie dann doch und zwar gleich zweimal. Flick ist fürs Training der ruhenden Bälle zuständig. Offensichtlich besaß er Insiderinformationen.

Baldriantropfen im Kabuff

Dann plaudert Löw noch ein bisschen von den Baldriantropfen, die er in seinem Kabuff vorgefunden habe, in das ihn die Uefa gegen die Portugiesen verbannt hatte. Gelächter im Plenum. Löw lächelt. Er lächelt, wie er bereits nach der Partie gegen Österreich lächelte. Er verspricht noch die Finalteilnahme.

Nur einmal wird er wirklich ernst, als die Rede auf Hoffenheims Sportdirektor Bernhard Peters kommt, der mit einem Generalvorwurf am Tag der Partie gegen Portugal aufwartete und Löws Elf technische und körperliche Schwächen attestierte. "Die Kritik hat mir nicht gefallen, und das wird Konsequenzen haben." Das DFB-Kompetenzteammitglied Bernhard Peters dürfte mit diesem Satz Geschichte sein.

Auf ein Wort wartete man freilich vergeblich in der rekordverdächtigen 45minütigen Pressekonferenz an diesem Mittag im sonnigen Tenero, wo die Deutschen nun noch mindestens bis zum kommenden Mittwoch an ihrem großen Coup feilen werden. Es war das Wort Genugtuung. Es spricht für Löw, dass er die Stunde seines bislang größten Erfolges nicht zum Plädoyer in eigener Sache nutzte. Wenig überraschend: Er hat sich immer darauf verstanden, sein eigenes Tun vom Hype um seine Person loszulösen - das schützt nun auch vor dem Gefühl, ungerecht behandelt zu werden.

Seine Elf hat ihn nicht im Stich gelassen

Seine Elf hat ihn letztlich nicht im Stich gelassen, und wenn es eines letzten Beweises bedurfte, dass diese sich auf dem richtigen Weg befindet, so sollte er mit der Partie im Basler St. Jakob-Stadion erbracht sein. Löw und mit ihm diese Nationalmannschaft verdienen Vertrauen auf ihrem steilen Anstieg zum Gipfel. Sie haben beide gegen Österreich bewiesen, dass sie dem negativen Druck, als Versager dazustehen, gewachsen sind, wenn auch nicht viel gefehlt hätte, und die junge Elf wäre an ihm zerbrochen.

Stattdessen darf das Land nun weiter träumen, dass Löw im Halbfinale abermals die Antworten auf die drängenden Fragen des Spiels findet. Der Puls der Nation wird dann wieder in die Höhe schnellen. Joachim Löw wird dafür sorgen, in seiner ureigenen ruhigen Art. Sollte am Ende eine Niederlage stehen, bleibt zu hoffen, dass sein Umfeld bei der Aufarbeitung ähnlich viel Ratio walten lässt wie er selbst.

Von Mathias Schneider, Tenero
 
 
KOMMENTARE (10 von 11)
 
cocowesten (22.06.2008, 15:27 Uhr)
Mensch, herr petermeyer
mal ab davon, dass sie mir ganz furchtbar auf die Nerven gehen mit ihrem genöle, werden in D Siege seir Neuestem "hochsterilisiert". Und die Holländer schalten die Italiener aus? Soso! :-)))
lambskohl (21.06.2008, 14:03 Uhr)
Ein türkisches Lächeln
Die heiße Luft, umhüllt von Leder, ist vor allem eine perfekte Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Medien. Je mehr Fußball seziert und verwissenschaftlicht wird, umso mehr entzieht er sich aber allen Regeln. Dass die Türkei als EM-Champion den Griechen Otto Rehakles folgt, wäre eine solche. Und genau deshalb wird sie nicht zutreffen.
Ich stelle mir immer vor, wie schön es wäre, wenn Menschen genauso leidenschaftlich über ihr Fähigkeit zur Mitmenschlichkeit reden könnten wie sie über Fußball diskutieren.
Und doch: der Fußball verändert. Heute an der Ampel steht ein Mercedes 190 neben mir, darin eine Frau mit Kopftuch. Oben auf dem Dach erkenne ich eine türkische Fahne, dahinter weht die deutsche. Ich lächle sie an, sie lächelt zurück. Der Fußball setzt ungeheuere Kräfte frei.
Dieses türkische Lächeln wird mein Verhältnis zum Fußball für immer verändern. Ich werde mich in den nächsten Tagen darüber freuen, dass ich keine Meldungen über Angie, Beck, Struck, Lafontaine oder Steinmeier lesen muss und mir am Mittwoch vorstellen, ich wäre ein kleiner türkischer Junge in Istanbul.
petermeyer (21.06.2008, 10:11 Uhr)
die ansprüche sind einfach zu hoch
jeder sieg von D wird hochstilisiert , jede niederlage ist der weltuntergang.
fakt ist-deutschland ist in europa im oberen mittelfeld angesiedelt, das reicht um östereich , polen zu besiegen und an einem guten tag auch mal portugal und in jedem fall auch die türkei im halbfinale.
technisch feiner und anspruchsvoller fußball sieht anders aus - die deutschen leben nachweivor von kraft und willen in solchen spielen -wers mag , bitte sehr. aber wenn ich sowas sehen will, schaue ich mir st.pauli an , da macht das mehr spaß ;)
gegen italien , holland ,frankreich gibt es nichts zu gewinnen und auch gegen portugal muß schon alles stimmen und die portugiesen ihre chancen nicht reinmmachen um zu bestehen.
letzlich bleibt es dabei - einen großen gegner -portugal -bezwungen reicht um ins finale der EM einzuziehen. schon daran sieht man welch glückliche auslosung das war .
frankreich ist schon raus, italien , holland schalten sich gegegseitig aus . und löw wird sich feiern lassen als vize -europameister.
mister-mister (20.06.2008, 18:44 Uhr)
Medien-Trara
Es stimmt was andere schreiben - dauernd wird eine neue Sau durchs dorf getrieben. Ist der Führungsstil denn OK? Ist die Mannschaft denn fit? Hat sich SChweini gestern nicht zweimal geräuspert (der wird doch nicht ausfallen, ogottogott)? Was hat der ernste Gesichtsausdruck von Frau XXX auf der Tribüne zu bedeuten? Krise? Mitgebrachte Probleme?? Ein Hausfreund???? Undsoweiterundsoweiter.
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Leider macht der STERN das Spiel mit.
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Und - das erlebe ich in vielen Foren - die Leute springen drauf! Neben denen die sich einfach austauschen und diskutieren wollen, kommen ABgründe an die Oberfläche, die mit dem Thema nichts zu tun haben - Hauptsache was gesabbert, Hauptsache was gelabert - oft in einer SChreibweise, die Saufkoma vermuten läßt - Sie bewegen sich hier manchmal schon an der Kloschüssel des Journalismus entlang. Die vielen Highlights können das nicht immer ausgleichen....
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Als Fan dieser Mannschaft weiß ich mittlerweile genug, um Löw samt Elf zu vertrauen und überzeugt zu sein - da geht was. Egal was da jetzt noch an Sumpfblüten nach oben poppt. Auch der Stern sollte sich jetzt mal langsam seiner Qualitäten besinnen.
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Die schaffen das. Auf ins Finale! Und Sommermärchen Vol.II haben wir ja eh schon. War sonst noch was...??
Erstrecht (20.06.2008, 18:12 Uhr)
Perverse Medienschelte!
Alle fünf Minuten wird eine andere Sau durchs Dorf gejagt. Und das nicht nur im Sport. Hauptsache es gibt was zu gackern.
Pervers ist auch der Konsument dieser medialen Dauerbrieselung, der nach neuen Schlagzeilen lechzt.
Auch wenn sie noch so dumm und blöd sind.
Die "zarte Offensive" gegen Löw, war eine der dümmeren Schlagzeilen und entbehrten jedem Realitätsbezug.
Laßt Euch nicht verarschen, es dreht sich nur um Margen. Um Gewinne und die Quoten. Wir sind die Idioten!
joaka (20.06.2008, 17:56 Uhr)
Diskutierte DFB Trainerfrage in Medien
Folgenden Leserbrief habe ich bereits am 16.06.2008 in der WZ geschrieben. Dieser Brief ging an dem DFB. Denn die voreilige Diskussion einiger Medienheinis wie Bild, Stern usw, ging mir persönlich auf die Nerven. Diese gleichen Heinis jubeln jetzt und überschlagen sich. So geht es nicht Medienvertreter, sondern nicht mutwillig Negativschlagzeilen machen, die einfach blöd sind

Hallo liebe Sportfreunde,
die diskutierte Trainerfrage um Yogi Löw halte ich für überzogen, in keiner Art und Weise für gerechtfertigt. Sie ist überflüssig. Dies machen die Medien nur um Käse schreiben zu können. Fakt ist Löw und sein Trainerstab habe gute Arbeit geleistet. Auch dann, wenn wir ein Gurkenspiel gegen Kroatien gemacht haben. Es sind immer die übertriebenen Erwartungen der Medien (Bild) Deutschland gleich zum Europameister oder Weltmeister ohne Spiel zu ernennen. Italien und Frankreich sind auch nicht besser; haben eine Klatsche von der Niederlande bekommen. Die Medien vergessen leicht die Freude die uns die DFB seit Jahrzehnten immer aufs neue bereitet. Natürlich ist es erlaubt ein Gurkenspiel wie gegen Kroatien hinzulegen. Wichtig ist gegen Österreich zu gewinnen oder unentschieden zu spielen. Dann ist Viertelfinale. Dann sehen wir weiter, lieber vorher ein Gurkenspiel als in den KO-Runden! Ein Turnier dauert lange, die anderen bekommen auch noch ein schlechtes Spiel!

Fazit! Klinsmann hat ab 2004 ist zur WM 2006 die Mannschaft weiterentwickelt. Löw hat das noch verfeinert ab 2006. Yogi ist auf den richtigen Weg. Viele Medienvertreter sollten lernen, einen Trainer in Ruhe arbeiten. Die Störfeuer gewisser Medien sind unerträglich! Man kann nämlich nicht alles in Frage stellen was seit 2 Jahren Fortschritte gemacht. Ausrutscher sind erlaubt. Mehr Vertrauen in Löw und Co ist unbedingt notwendig!

Also, Leute Löw soll weiter machen, haltet an ihm fest. So ist nämlich ein fester Aufbau, einer Weitentwicklung der Nationalelf gewährleistet!
Die DFB-ELF hat auch das Recht mal schlecht zu spielen. Denn alle richtigen Fußballfreunde wissen sie können es!Denn Ihr echten Fußballfreunde, die Spieler der DFB-Elf sind keine Roboter sondern Menschen. Wie Du und ich! Vergesst das bitte nicht.
Natürlich habe ich mich über dies Gurkenspiel gegen Kroatien geärgert. Ihr von DFB-Elf auch. Und die Spieler in erster Linie.
Also Leute von den Medien lasst die Kirche im Dorf, dort gehört die Kirche hin. Klug dumm reden kann jeder, aber selber machen ist schwieriger. Es geht nicht an nur zu jubeln, sondern als echter Fußballfreund sollte man auch Niederlagen akzeptieren. Ich hasse die sogenannten Alleswisser, denn diese sind fehl am Platze
namidh (20.06.2008, 17:38 Uhr)
Es beweist vor allem eines
Dass der Stern genauso wie die anderen Medien Kommentare schneller hinausbläst als es irgendwer, der dafür zuständig ist, mitkriegt. Eigentlich müsste es nämlich regelmäßig "Richtigstellung" heißen - was wurde da nicht von allen Seiten aus allen Kanonen geballert.
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Setzen, Sechs, das nächste mal: besser machen. Wer immer für die Sportkommentare verantwortlich ist: Die Bild sucht noch bestimmt Leute.
Redaktion (20.06.2008, 17:07 Uhr)
Liebe User,
vielen Dank für Ihre Hinweise. Wir haben den Fehler behoben.
Herzliche Grüße,
Ihre stern.de-Redaktion
chatahootchee (20.06.2008, 17:07 Uhr)
IMMER NOCH NICHT BEGRIFFEN?
D hat 3:2 gewonnen, liebe 'stern.de' Schlafmuetzen! Das weiss man sogar hier in Amerika.
ViRtuos (20.06.2008, 17:06 Uhr)
FEHLER
Wir wir alle wissen, hat die deutsche Mannschaft 3:2 und nicht 2:1, wie in ihrem einleitungstext zu lesen ist, gewonnen!
Mfg
ein aufmerksamer Leser
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