
Panikmache oder berechtigte Sorge? Bis jetzt verläuft die Erkrankung mit dem H1N1-Virus in Deutschland mild© Maurizio Gambarini/DPA
Das Zulassungsverfahren wird im Fall der Schweinegrippeimpfung ohnehin anders sein als üblich - sonst gäbe es überhaupt keine Chance schon zur Wintersaison eine Impfung bereitzustellen. "Eine Zulassung zieht sich in der Regel über ein Jahr hin", sagt Löwer. Mit Blick auf eine Grippepandemie, bei der schnell gehandelt werden muss, haben die Pharmakonzerne aber Musterimpfstoffe entworfen. Das sind Impfstoffe für ein bestimmtes Grippevirus, die für andere Grippestämme abgewandelt werden können. Zurzeit sind in Europa vier solcher Musterimpfstoffe zugelassen: Focetria der Firma Novartis, Celvapan der Firma Baxter sowie Daronrix und Pandemrix der Firma Glaxo-Smith-Kline.
Alle vier sind zwar gegen das Vogelgrippevirus H5N1 gerichtet und dafür klinisch getestet worden. Um gegen die Schweinegrippe eingesetzt werden zu können, müssen aber lediglich die abgetöteten H5N1-Viren durch Schweinegrippeviren ersetzt werden. Die restlichen Bestandteile bleiben gleich. "Die Impfstoffe sind also schon ausführlich getestet worden, nur eben mit einem anderen Grippestamm", sagt Löwer. Daher sei deutlich weniger Zeit nötig für die Zulassung. "Wenn die Zulassungsdaten da sind, könnte der Impfstoff deswegen schon nach zwei bis vier Wochen zugelassen sein." Dann kann mit der Impfung begonnen werden.
Die Musterimpfstoffe benutzen allerdings eine neue Methode, um das Immunsystem gewissermaßen "scharf zu machen". Bisher wurde dafür in der Regel eine Substanz namens Aluminiumhydroxid verwendet. Die Musterimpfstoffe benutzen eine neue Technik, die das Immunsystem stärker aktivieren soll. Der Vorteil: Es werden weniger Grippeviren pro Dosis Impfstoff benötigt. So kann in kürzerer Zeit mehr Impfstoff hergestellt werden. Außerdem verbreitert sich die Antwort auf die Krankheitserreger, so dass auch etwas abgewandelte Formen der Erreger noch vom Immunsystem erkannt werden. Zumindest theoretisch könnte das aber auch die Gefahr erhöhen, dass Immunzellen körpereigene Stoffe erkennen und sich gegen den eigenen Körper wenden. "Das ist praktisch noch nicht nachgewiesen worden, aber grundsätzlich möglich", sagt Löwer.
Unter den vielen Geimpften sollen nach Willen der WHO vor allem auch schwangere Frauen sein. Sie haben ein erhöhtes Risiko, dass die Schweinegrippe-Infektion schwer oder sogar tödlich verläuft. Außerdem deuten neue Studien an Mäusen daraufhin, dass eine Grippeinfektion während der Schwangerschaft auch das ungeborene Kind schädigen könnte. Für die Zulassungsbehörden ist das ein Dilemma - denn Medikamente werden aus ethischen Gründen nicht an schwangeren Frauen getestet. "Wir werden uns die Daten noch einmal sehr genau angucken, ob es da bei irgendeinem Inhaltsstoff Risikoanzeichen gibt", sagt Löwer. Außerdem werde man prüfen ob es nicht in Untersuchungen doch Daten zur Verträglichkeit der Impfung bei schwangeren Frauen gebe. Bei der saisonalen Grippe würden auch Schwangere geimpft. Lediglich bei Lebendimpfstoffen wie gegen Mumps und Röteln, werde grundsätzlich davon abgeraten. Ein weiteres Problem: Auch an Kindern sind die Impfstoffe bisher nicht getestet worden. "Da sind jetzt aber Studien unterwegs", sagt Löwer, räumt aber ein, die würden wohl nicht abgeschlossen sein, wenn der Impfstoff zur Verfügung steht. "Da muss man sehen, ob Kinder dann erst einmal nicht geimpft werden", sagt er.
Bei einer Schnellzulassung des Impfstoffes müssen ohnehin Risiken gegen Nebenwirkungen abgewogen werden, wie es in der aktuellen Ausgabe des britischen Fachblattes "The Lancet" heißt. Bis jetzt verläuft die Schweinegrippe in den meisten Fällen noch mild. Ein Killervirus ist der H1N1-Erreger nicht. Ob eine Massenimpfung mit ihren potentiellen Gefahren unter diesen Umständen gerechtfertigt wäre, ist zumindest fraglich.
Aber auch wer geimpft ist, der genießt keinen hundertprozentigen Schutz. So heißt es in den öffentlichen Beurteilungsberichten der EMEA für Celvapan etwa, in den Tests hätten 73 Prozent der Probanden - 21 Tage nachdem ihnen die zweite Dosis des Impfstoffes gespritzt wurde - eine Konzentration von Antikörpern gehabt, die sie gegen das Virus schützen würden. Ähnliches gilt für die anderen Impfstoffe. Nach neueren Daten handele es sich um bis zu 90 Prozent der Geimpften, sagt Löwer. Aber auch dann wäre jeder Zehnte nach der Impfung nicht vor der Schweinegrippe geschützt. "Der Schutz gegen Infektionen ist immer ein Bündel von Maßnahmen", sagt Löwer daher. "Nur weil man geimpft ist, sollte man keinesfalls aufhören vorsichtig zu sein und sich weiterhin häufig die Hände zu waschen."