Sie verlieren ihre Lebenslust und ihre Freunde, ihr Leiden bleibt oft unerkannt: Fast zwei Millionen Deutsche - überwiegend Frauen - sind von Medikamenten abhängig. Eine alarmierende Zahl. Aber es gibt Heilungschancen. Von Horst Güntheroth

© Illustration: Wieslaw Smetek
Es ging ihr schlecht. Ein Gefühl innerer Unruhe hatte sie gepackt, sie fühlte sich leer und einsam. Noch schlimmer als die Tage waren die Nächte. Stundenlang lag Franziska Bremer* wach im Bett, quälende Gedanken raubten ihr die Ruhe. Seit Wochen ging das so. "Da gab mir eine Freundin eine Schlaftablette", sagt die 37-jährige Berlinerin. "Das tat gut, ich schlummerte ein, meine Stimmung wurde besser." Am nächsten Abend nahm sie zwei der weißen Pillen. "Es war prima. Ich entspannte mich, die grauen Wolken waren wie weggeblasen, die Welt war wieder in Ordnung."
Wegen des "guten Gefühls" warf die Single-Frau nach ein paar Tagen schon mal nachmittags einen Glücksbringer ein. Im Job in der Bank funktionierte sie zunächst besser denn je. Als die Packung der Freundin leer war, ging sie zum Neurologen und ließ sich Neues verordnen. Nach zwei Monaten schluckte sie vier Pillen täglich. "Wie in Watte" erlebte sie die Welt.
Längst konnte die Verführte nicht mehr ohne. Und bald schon reichten die Verschreibungen des Neurologen nicht mehr, um die üblen Gefühle in Schach zu halten. Da holte sie sich auch vom Hausarzt die Seelentröster. Auf "sieben bis acht Tabletten" stieg ihre Tagesdosis nach einem Jahr. In der Bank döste Franziska Bremer nun mehr, als dass sie arbeitete. Von ihren Freunden hatte sie sich längst zurückgezogen. Die wenigen Übriggebliebenen bat sie, ihr ebenfalls die Pillen auf Rezept zu besorgen. Die zögerten zwar, machten aber mit. Ihre früheren Probleme waren einem neuen gewichen. "Wo kriege ich die Tabletten her?", sagt die junge Frau, "das war nun meine einzige große Sorge."
Medikamente helfen. Doch nicht nur. 1250 Tabletten konsumiert der durchschnittliche Deutsche - vom Säugling bis zum Greis - pro Jahr. Und gibt dafür weit mehr Geld aus als für sein täglich Brot. Die Dragees und Kapseln haben auch Nebenwirkungen. Und bei einigen heißen diese: Sucht, Abhängigkeit. Wer solche Mittel wie - die inzwischen geheilte - Franziska Bremer zu lange nimmt oder zu hoch dosiert, den lassen sie nicht mehr los.
Von den circa 50.000 verschiedenen Arzneien auf dem Markt haben etwa fünf Prozent das Potenzial, abhängig zu machen. Vor allem sind es Schlaf- und Beruhigungsmittel sowie Schmerzhemmer. Aber auch eine Reihe anderer Medikamente, etwa Anregungs- und Hustenmittel sowie Appetitzügler, gehören dazu.
Der Drogen- und Suchtbericht des Bundesministeriums für Gesundheit meldet, dass bis zu 1,9 Millionen Deutsche pharmazeutischen Präparaten verfallen sind. Diese Schätzung gilt noch als zurückhaltend - und die Tendenz ist steigend. "Eine alarmierende Zahl", warnt Sabine Bätzing, die Drogenbeauftragte der Bundesregierung. "Damit erreicht die Medikamentenabhängigkeit in Deutschland ein vergleichbares Ausmaß wie die Alkoholabhängigkeit." Eine versteckte, gesellschaftlich unauffällige Sucht. Es erwischt Hausfrauen und Rentner, Manager und Arbeitslose, Nobodys und Promis: Der eine versucht mit dem Griff in die Pillenschachtel von seinem beruflichen Stress herunterzukommen, der andere kaschiert seine Nervosität. Viele langen zu, um marterndem Kopfschmerz zu entfliehen. Manche wollen mit dem Helfer aus der Packung die psychische Talfahrt nach einem schweren Schicksalsschlag bremsen oder suchen Trost nach Enttäuschung und bei Einsamkeit.
Ängste und Phobien - wenn seelische Not drückt und die Sicherung durchzubrennen droht, wird schnell die pharmazeutische Keule geschwungen. Doch es muss nicht immer die große Bedrängnis sein: Zunehmend vertreibt der Deutsche schon die kleinste Wolke am Seelenhimmel mit der rosa Tablette. Vor allem Ältere konsumieren, um besser schlummern zu können. "Wir haben Hinweise, dass mehr als die Hälfte der über 65-Jährigen hierzulande regelmäßig Schlafmittel schluckt", sagt Gerd Glaeske, Professor für Arzneimittelversorgungsforschung an der Uni Bremen. Dann gibt es Menschen, die sich ständig mit Aufputschmitteln im Job dopen und hinterher Chemie zum Runterkommen brauchen - ein Teufelskreis. "Wer in Berufen arbeitet, in denen man Höchstleistungen erbringen, auf Kommando wach sein und schlafen muss, der ist besonders gefährdet", sagt Gerhard Bühringer, Professor für Suchtforschung an der Uni Dresden. Offenbar gehört das Showbiz dazu: Popidol Robbie Williams, Filmstar Melanie Griffith und Rocksängerin Courtney Love etwa gestanden, tablettensüchtig zu sein. Auch viele Drogen- und Alkoholabhängige, die ohnehin die Bodenhaftung verloren haben, suchen irgendwann den Medikamenten-Kick oder steigen ganz und gar auf den "festen Alkohol" um. Nicht einmal vor medizinischem Personal, das die Gefahr kennen sollte, machen die legalen, aber fatalen Drogen halt. Schätzungsweise 10.000 Mediziner im Land schlucken Beruhigungspillen und Aufputschmittel oder spritzen sich euphorisierende Schmerzhemmer. Sie fühlen sich überfordert, und das Zeugs ist stets da - im Betäubungsmittelschrank der Klinik.
Die Gefahr, in einen Arzneimittelmissbrauch oder gar eine Sucht hineinzuschlittern, ist einerseits dann groß, wenn die psychische Konstitution des Patienten, seine Sorgen und Ängste, ihn an den Stoff bindet. Ein Absetzen der Substanz wird allein deshalb schon als bedrohlich empfunden. Andererseits kann das in vielen Beruhigungs- und Schlafmitteln enthaltene Benzodiazepin einen fatalen Mechanismus im Gehirn auslösen - den Gewöhnungseffekt. Immer mehr Pillen werden gebraucht, um den gleichen Effekt zu erzielen. Die Maschinerie, die dahintersteckt, ist bis heute nicht geklärt. Wissenschaftler gehen aber davon aus, dass sich sowohl die Bindungsstellen für Benzodiazepine im Gehirn verändern als auch die Aktivität verschiedener anderer Botenstoffe. Die Empfindlichkeit der Nervenzellen für die Wirkstoffe wird herabgesetzt - das System verlangt nach vermehrter Zufuhr. Der Patient wird zum Sklaven der Pille, die vermeintliche Hilfe zur Qual. Konflikte werden zugedeckt und chronisch, Gefühle verkümmern auf ein dumpfes Mittelmaß.
Anders sieht es bei Schmerzmitteln aus. In vielen dieser Mittel sind es nicht die schmerzstillenden Substanzen selbst, sondern die Zusatzstoffe wie Coffein oder Codein, die zu einem Psycho-Kick führen und zum vermehrten Verbrauch verleiten. Riesenberge davon konsumieren die Deutschen vor allem gegen Volkskrankheit Nummer eins: Kopfschmerz. 54 Millionen Menschen leiden darunter. Doch das Schlucken macht meist alles nur noch schlimmer. "Wer an mehr als zehn Tagen im Monat solche Mittel einnimmt, bei dem setzt eine Wirkumkehr ein", sagt Professor Hartmut Göbel, Chefarzt der Schmerzklinik in Kiel, "dann entsteht paradoxerweise überhaupt erst ein Dauerkopfschmerz, den der Geplagte mit noch höheren Tablettendosen bekämpft." So kann es zudem zu schweren Schädigungen oder gar zum Versagen der Nieren kommen.
Übernommen aus ...
Ausgabe 06/2008
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