
Tabulose Selbstinszenierung: das Web-Tagebuch von Natacha Merritt© Natacha Merritt/Taschen Verlag
Meredith Haaf, Susanne Klingner und Barbara Streidl nennen ihre Generation "Alpha-Mädchen". Aber wie verhindert man es als topausgebildetes Alpha- Mädchen, später im Beruf dann doch als Delta-Weibchen zu enden? Tja. Das Buch konzentriert sich auf die Analyse des Status quo. Und die fällt schlecht aus. Aber Jammern ist nicht. Munter und betont positiv werden Frauen dazu aufgefordert, zusammenzuhalten, Netzwerke zu bilden und sich gegenseitig zu unterstützen. Bloß keine Stutenbissigkeit und keinen Zickenkrieg! Und bloß nicht bequem werden - nur weil wir jetzt eine Kanzlerin haben.
Die "Neuen deutschen Mädchen" Jana Hensel und Elisabeth Raether schreiben sehr persönlich und gefühlsbetont. Sie wollen herausfinden, "wie es ist, heute eine Frau zu sein". Das hat Simone de Beauvoir - um einiges scharfsinniger - auch schon versucht. Kann man aber mal aktualisieren. Wer ihnen dabei folgen möchte, möge das tun, sollte aber wissen: Es geht eher um Selbstfindung als um gesellschaftspolitische Veränderungen.
"Die Grundfragen dieser Frauen sind die gleichen, die wir uns damals gestellt haben", sagt die Journalistin und Autorin Ingrid Kolb, Jahrgang 1941. "Ich verfolge die Diskussion mit großem Vergnügen. Und freue mich über jede Protestnote gegen ein Frauenbild, das kein Härchen, kein Fältchen und kein Tröpfchen zulässt."
"Feminismus", ein Wort, das lange Zeit neben der "Emanze" in der Schmuddelecke stand, groovt plötzlich wieder mit dem Zeitgeist. Fast so, als seien die Frauen aus ihrem Dornröschen-Traum aufgewacht und stellten nun fest: Es stimmt gar nicht, dass wir alles erreichen können. Dass wir Kinder und gute Jobs haben können. Dass uns alle Wege offenstehen. Die Autorinnen wollen die jungen Frauen wachrütteln und zusammenschweißen: Ungerechtigkeit gegenüber Frauen ist kein individuelles Problem. Und auch keine Randerscheinung.
Und genau hier trifft sich der offensive Sex-Positivismus einer Charlotte Roche mit den eher theoretisch orientierten "Alpha- Frauen" und "Schwarzbuch"-Autorinnen. Fragt man die Frauen um die 30, bezeichnet sich kaum eine als "neue" Feministin. Ihre Themen sind dieselben wie früher und fest in der gesellschaftlichen Gegenwart verankert: Gleichberechtigung, Gehaltsunterschiede, Arbeitsfelder, Geschlechterrollen. Sexualität. Ein Unterschied: Viele der jüngeren Feministinnen sind, anders als beispielsweise Alice Schwarzer, nicht grundsätzlich gegen Pornografie.
Das ist jedoch keine Frage der Generation, sondern des Standpunkts. Frauen wie Annie Sprinkle, die gern offene Blicke in ihre Gebärmutter gewährt, haben schon Anfang der 80er Jahre einen Feminismus proklamiert, der die Pornografie als Medium nutzt. In der Kunst war der Körper schon in den 60er Jahren das Schlachtfeld, auf dem gesellschaftliche Normen neu ausgefochten wurden. Und immer ging es direkt zur Sache: 1968 steht Valie Export mit ihrem "Tapp- und Tastkino" auf dem Münchner Stachus. Durch einen Kasten, den sie sich um den Leib geschnallt hat, dürfen Männer ihre blanken Brüste anfassen. Fotos von ihrer Aktion bezeugen, dass die Künstlerin damit weit besser umgehen konnte als die Fummler.
Anfang der Siebziger zeichnet Dorothy Iannone fröhliche Fick-Figuren zwischen Blumen und frauenbewegten Sprüchen. Bei einer Ausstellung in Bern bestehen ihre männlichen Kollegen darauf, die Penisse und Schamlippen mit Klebeband zu überkleben. Das ging den Männern dann doch zu weit.
Frauen und Sex, der nicht "sexy" und im gängigen Sinn ästhetisch ist, provo- ziert. Immer noch. Und doch ist es eine Strategie, mit der sich feministische Inhalte im wahrsten Sinne des Wortes an den Mann bringen lassen. Der beste Beweis dafür ist Charlotte Roches Buch.
Klein, pink und mit einem 18-jährigen Mädchen als Hauptfigur, hätte "Feuchtgebiete" normalerweise direkt in der Schublade "Frauenliteratur" landen müssen. Buchhändler berichten jedoch, dass neben jungen Frauen vor allem Männer ab 50 das Buch kaufen (siehe: "Wer kauft den pinkfarbenen Porno?"). "Die meisten Kunden habe ich vorher noch nie in meinem Laden gesehen", sagt eine Buchhändlerin. Namentlich zitiert werden möchte sie nicht, denn: "Ich finde das ein wenig pikant. Die Herren kaufen das Buch sicherlich nicht für ihre Töchter. Und auch nicht zur Information über den weiblichen Körper."
Pikant? "Mein Buch eignet sich als Wichsvorlage" - das hat Charlotte Roche von Anfang an klargestellt. Und sie fände es "super", wenn es auch Frauen "dafür benutzen würden".
Aber, mal ehrlich: Der Sex-Appeal ihres Werks fällt eher in die Kategorie Spezialvorlieben. Sonst wäre der "Pschyrembel" kein Fachbuchklassiker der Medizin, sondern ein erotischer Dauerseller. Und wenn Männer bei Themen wie Analfissur, Hämorrhoiden und Wundwasserblasen zu Tausenden heiß liefen, hätte Hugh Hefner längst "Prokto-Boy" an den Kiosk gebracht.
Das allein kann es also nicht sein. "Das Buch ist eine Brücke", sagt Jan, 24. Er hat es mit seiner Freundin gelesen - "also nacheinander, nicht gemeinsam" -, und anschließend haben sie das erste Mal über Sex geredet. "Also, so richtig." Was heißt das? "Also, darüber, wie Frauen masturbieren. Und was sie für Fantasien haben. Also ..." - "Vieles in dem Buch ist total übertrieben", hilft seine Freundin aus. "Ich würde zum Beispiel nicht versuchen, mir einen Duschkopf einzuführen." Jan sieht erleichtert aus. "Aber so wie Charlotte das beschreibt, hat es auch was Befreiendes", sagt seine Freundin. "Man kann drüber lachen. Sie hängt die Latte so hoch, dass die Sachen, über die man sonst nicht sprechen würde, einem plötzlich ganz harmlos vorkommen. Die traut sich so viel. Da kann man sich selber auch mal was trauen."
Tatsächlich hat Charlotte Roche mit ihrem Roman nicht einfach nur ein Schamhaar in die Diät-Suppe der Schönheitsindustrie gestreut. Sie hat eine Sprache gefunden, die da ist, wo viele Politiker gern wären: nah am Menschen. Sie ist "Charlotte", eine junge Frau, keine Überfrau. Eine, die sich was traut, und gleichzeitig auf der Bühne gesteht, dass es sie viel Überwindung kostet. "Ich bin selbst längst nicht so cool und selbstbewusst wie Helen", sagt sie. "Aber ich wäre es gern."
Das geht vielen Mädchen - und Frauen - so. Sie trauen sich nicht, sie geben es nicht gern zu - aber eigentlich würden sie sich gern ein bisschen so benehmen wie Helen. Mal einen Porno ausleihen. Oder sich nackte Jungs ansehen. Sagt Elke Kuhlen, und die muss es wissen: Gemeinsam mit Nicole Rüdiger gibt die 29-Jährige seit August 2005 halbjährlich das "Jungsheft" heraus. Das Magazin mit dem Untertitel "Porno für Mädchen" zeigt Nacktfotos von ganz normalen Jungs. Jungs, die so aussehen, als würden sie die Musik von Franz Ferdinand hören und gern Flaschenbier trinken. Keine Bodybuilder oder "Chippendales". Das Heft muss als "Porno" deklariert werden, "weil wir Erektionen über 45 Grad abbilden", sagt Kuhlen. Gesetz ist Gesetz. Feminismus oder die Lust an Tabubrüchen hätten jedoch nicht den Impuls gegeben, das "Jungsheft" zu machen. "Es gab einfach den Bedarf. Bei uns. Bei Freundinnen. Mädchen wollen normale Jungs. Keine muskelbepackten Typen am Bergsee. Und wo sonst kann man schon Schwänze betrachten, außer wenn sie schon neben einem liegen." Charlotte Roches Buch, hofft sie, wird weiter dazu beitragen, dass Mädchen ihre Scheu verlieren.
Mädchen, Frauen, Pornos und Sex - das Thema ist auf dem Tisch. Und weil darüber gerade so viel geredet wird, scheint sich tatsächlich so etwas wie ein neues Bewusstsein zu entwickeln. Charlotte Roche hat eine Kunstfigur geschaffen - eine Heldin der Schamlosigkeit, ein Super-Girl im Pipi-Kaka-Land. Eine Frau, die sich nicht drum kümmert, ob sie furzt oder stinkt. Die sich an Pornos aufgeilt und Wert darauf legt, der "Fickurheber" zu sein. Eine irreale Figur, ja sicher, aber auch nicht unwirklicher als Heidi Klum.
"Es ist den Männern eigen, den Körper einer Frau überzubewerten und zu sublimieren", schreibt die französische Feministin Virginie Despentes in ihrem Buch "King Kong Theorie", ein hartes und wütendes Pamphlet gegen den Männlichkeitswahn und für die Liberalisierung der Pornografie. Die "neuen" Feministinnen sind vielleicht noch weniger wütend und radikal. Aber sie werden lauter. Und seitdem sie auch über Sex sprechen, hören plötzlich alle zu. Und dann kann man ja auch bald mal wieder über was anderes reden. Über "Herdprämien", "Gebärmaschinen", Einkommensunterschiede und Berufsaussichten zum Beispiel. Bleibt eigentlich nur noch eine Frage an die Männer: Wann fangt ihr an, euch von euren Rollenklischees zu emanzipieren?
Mitarbeit: Silke Müller, Ulrike Schäfer
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 19/2008